In der 16. Ausgabe des queer*welten-Magazins vom Amrûn Verlag kuratieren die drei Herausgeberinnen Judith Vogt, Lena Richter und Heike Knopp-Sullivan neben vier phantastischen Kurzgeschichten auch zahlreiche Kürzestgeschichten „Mythen 2626“.
Kurzeindrücke der einzelnen Texte:
Betelgeuse (Microfiction Mythen 2626) von Katharina Malzmüller
Trost in 98 Wörtern. Ich weiß nicht, was mich tröstlicher stimmt? Dass wir in 600 Jahren noch träumend in den Sternenhimmel blicken? Dass es in 600 Jahren noch das Wissen über Supernovae gibt? Oder Dass es in 600 Jahren überhaupt noch Menschen gibt?
Elegien eines Kampfdroiden (Microfiction Mythen 2626) von Juliana Socher
Alte Texte sind nicht nur deshalb schwer korrekt zu übersetzen, weil wir einzelne Begriffe aus alten Sprachen nicht sicher einer Bedeutung zuordnen können, auch nicht nur, weil uns zumeist der Kontext der Texte abhanden gekommen ist, sondern vor allem, weil wir Texte selten nur unvoreingenommen übersetzen … wir interpretieren sie mit unseren gegenwärtigen Motiven, ohne die der Autor_innen zu kennen.
Schatten über Cliff’s Edge von Leo Nora Grabner
Es ist erstmal nicht verkehrt, wenn Eltern versuchen, ihre Kinder zu schützen. Im Grunde gehört das sogar zu ihren Hauptaufgaben und man sollte froh sein, wenn sie diese Aufgabe mit Herzblut erfüllen. Die Zutaten, die zu diesem Schutzinstinkt führen oder ihn erst entstehen lassen, sind hauptsächlich die Gefühle Liebe und Angst. Und wie bei so vielen Dingen kann ein Gericht kippen, wenn von der einen oder der anderen Zutat zu viel oder zu wenig genommen wird. Leo Nora Grabner widmet sich der Zutat Angst und erzählt eine Geschichte, in der die Mutter vor der Bestimmung bzw. dem Wesen ihrer Tochter aufgrund ihrer Abstammung große Angst hat. Etwas in ihrer Ahnenreihe bewirkt, dass zumindest die weibliche Linie sich nicht in die beschränkten Konventionen der Menschen einordnen lässt: Geschlechter sind fließend und Liebe zu anderen Wesen ist vielfältig. Auch hat das Meer einen ganz besonderen Einfluss und bewirkt Veränderungen, die sie weder versteht, noch kennenlernen möchte. Die Angst vor dem ihr Unbekannten ist so groß, dass sie dieses Erbe tief in sich begräbt und es sich nicht bei sich selbst entfalten lässt. Mit ihrer eigenen Mutter brach sie deshalb den Kontakt ab und ihre Tochter versuchte sie vom ersten Tag an, vor ihrem Erbe fernzuhalten. Doch durch einen Zufall stößt ihre Tochter als inzwischen junges Mädchen in einem kleinen Dorf am Meer auf Hinweise, die sie in die Welt ihrer Großmutter hineinziehen. Wenn sich Sorge in Angst und Angst in Ignoranz oder Wut wandelt, kommt selten etwas Gutes dabei heraus. Ein jedes Wesen hat das Recht, seiner/ihrer Bestimmung zu folgen und selbst über sein/ihr Schicksal zu entscheiden. Das müssen letzten Endes auch umsorgende Eltern akzeptieren. Eine geheimnisumwitterte und leicht unheimliche Kurzgeschichte mit einer tiefen Verbindung zur Vielfalt und zum Meer.
Chromehild (Microfiction Mythen 2626) von Maximilian Hein
Wie würde das Nibelungenlied im 27. Jahrhundert gesungen werden? Nicht als Adaption, sondern so richtig richtig. Maximilian Hein kann ein Lied davon singen.
Atomsemiotik (Microfiction Mythen 2626) von Ariadne Geiling
Wir spielen mit Kräften, deren zerstörerische Konsequenzen unsere Lebensspanne Jahrhunderte … Jahrtausende überdauern wird. Wie tradieren wir unseren Nachfahren die von uns verursachten Gefahren, wenn doch kein Medium und das Wissen über dasselbige derlei Zeitspannen überdauern kann? Ein noch ungelöster Fall … für die Technikfolgenabschätzung und die Science-Fiction.
Mumia Vera von Roxane Bicker
Wer weiß schon, wie viel von unserem Wesen, manche mögen es Seele oder Geist nennen, in unserem leiblichen Körper steckt. Ist unser immaterielles Wesen vom Körper getrennt oder geht es mit den Knochen, dem Fleisch, dem Blut, den Organen und dem ganzen Rest eine Verbindung ein? Wenn ja, was bleibt von dieser ätherischen Entität übrig, wenn der Körper vergeht? Der Mensch, vor allem der/die abergläubische (nicht wertend gemeint) bzw. an Spiritualität Glaubende, neigt dazu, an die Übertragung von Kräften über den Kontakt oder Verzehr von Körperteilen toter Lebewesen zu glauben. Die Zuschreibung von Kräften ist allerdings völlig beliebig und basiert meistens auf einer guten Geschichte. Allein wenn man sich anschaut, was alles potenzsteigernd wirken soll, kann man nur den Kopf schütteln. Pülverchen aus ägyptischen Mumien waren eine ganze Weile voll im Trend und in der Kurzgeschichte von Roxane Bicker sind derlei Substanzen bei der Apotheke zu erstehen. Bei mancher Tee-, Pillen-, Tinktur- oder Salben-Ingredienz entsteht die unleugbare Wirkung allein durch den Glauben und der aufgeklärte Mensch würde es ein Placebo nennen. Wie aber nennt man es, wenn eine Wirkung unleugbar erkennbar, obgleich die Art und Herkunft der Arznei gänzlich unbekannt ist, also von einer Beeinflussung keinesfalls die Rede sein kann? Eine sehr unterhaltsame ägyptisch gefärbte Gruselgeschichte über Lebensentscheidungen und female Empowerment.
Alles für die Kunst (Microfiction Mythen 2626) von Kristina Schreiber
Kunstschaffende werden oft als für die Gesellschaft weniger relevant betrachtet oder gar missachtet, da sie nicht allzu häufig oder in besonderer Ausprägung einen ökonomischen Beitrag für das Bruttoinlandsprodukt leisten können. Andererseits könnte man auch argumentieren, dass die Nicht-Kunstschaffenden zu tumb und knauserig sind, um angemessen für Kunst zu bezahlen … mal abgesehen von den wenigen hochpreisigen Werken, die überteuert bei Auktionen die/den Besitzer_in wechseln. Dabei zahlen sie einen hohen Preis für ihre Passion, ihr Herzblut. Während sie sich fragen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen können, streben sie jeden Tag danach, dem gerecht zu werden, was in ihnen steckt und versucht, herauszukommen. Doch während der Suche nach dem raren Gut der Inspiration für wahre Kunst, ziehen die Jahre ins Land und die Welt dreht sich unbarmherzig weiter. Zudem trauen Menschen nach und nach Maschinen mehr zu als sich selbst und begeben sich mehr und mehr in die Abhängigkeit von Bedürfnissen, die ihnen von global agierenden Konzernen eingeredet werden. Wo in Sekundenschnelle und kostengünstig etwas erzeugt werden kann, was wie Kunstwerke aussehen, obsiegt die geistlose Imitation über das mit dem Innersten des Kunstschaffenden befüllte Werk. Bei dem Versuch, bei diesem ungleichen Kampf mitzuhalten, gehen manche sogar so weit, dass sie Teile von sich opfern … in der Microfiction von Kristina Schreiber sogar in einem nicht ganz so übertragenen, eher körperlichem Sinn.
Der Sternenfluss (Microfiction Mythen 2626) von Ela Bellcut
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Schwerer als Blau von Iris Leander Villiam
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Völva.exe (Microfiction Mythen 2626) von Helena M. John
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Atelier Yggdrasil von Carolin Lüders
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Prometheus im Orbit (Microfiction Mythen 2626) von Jade S. Kye
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Augur*in (Microfiction Mythen 2626) von C. F. Srebalus
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Mythen im Prozess: Ein Werkstattbericht (Essay) von Eleanor Bardilac
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L1L1LTH.exe (Microfiction Mythen 2626) von Annalena Ritter
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Der Fehler im System (Essay) von Sunita Sukhana
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Satellitengesang (Microfiction Mythen 2626) von Leo Nora Grabner
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R3kOnstrukt1on (Microfiction Mythen 2626) von Devin McColey