June Is (Hg.): Schw̶einwerfer in der M̶Nacht
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Schweinwerfer in der MNacht. Kleine Fehler verändern Welten
Herausgegeben von June Is im ohneohren Verlag
Rezension:
–
- Sina Lienemann: Das defekte Urwerk
- Thomas Heidemann: Erro ergo sum. Willkommen in der Stadtverwalzung
- T. S. Orgel: Angriff der Clownkrieger
- Kiàn KoWananga: Die Kunst des Feuerspukens
- Frederik Elting: L’arte di vivere. Die Kuhnst des Lebens.
- Anke Höhl-Kayser: Die Feenstaubfilter-Bestellung
- Lorenzo Maxwell: Teleskopf
- Carolin Lüders: Bewertungen zu Café Louise
- Paul Liedvogel: Pech und Schwafel
- Ivan Ertlov: Schutzengel
- Michael Feldhofer: Geschichten aus Groß Pistazien. Die Schraubritter
- R. F. Krammer: Wohnwort
- Susanne Bonn: Überleben im Duschgel
- Katharina Kanzan: Suche Miezhaus!
- Charline Winter: Ein Gerücht für zwei
- June Is: Nachwort
Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:
Das defekte Urwerk
von Sina Lienemann
Eine bezaubernde Kurzgeschichte über die magischen Mechanismen, die unsere Welt entstehen lassen und sie erhalten.
Sina Lienemann erzählt die Geschichte einer frisch in die Selbstständigkeit eintauchenden Uhrmacherin bei einem ihrer ersten Aufträge.
Doch ein winziger Schreibfehler in ihrer Annonce, über die sie auf ihr Gewerbe aufmerksam gemacht hat, bringt sie an den unwahrscheinlichsten Ort in einer winzigen Waldhütte. Dort angekommen wird sie von Donnerstag (also zum damaligen Zeitpunkt😉) mit der Reparatur DES Urwerks betraut, das für im engeren und weiteren Wortsinn ALLES verantwortlich ist.
Zauberhaft geschrieben, werden die Lesenden in eine Welt gezogen, in der das Glück und der Zufall der Kitt für die unwahrscheinlichsten Reparaturen sind.
Erro ergo sum. Willkommen in der Stadtverwalzung
von Thomas Heidemann
KI’s sind ja bereits ziemlich bekannt dafür, dass sie das Potential haben, die Welt und den ganzen Rest in den Lokus zu spülen.
Zumeist begründen dies Wissenschaftler_innen, IT-Expert_innen, Science-Fiction-Autor_innen und Hobby-Dystopist_innen mit der im Vergleich zur Spezies Mensch überproportional höheren Intelligenz, die die AGI dazu veranlasst die Menschheit als Konkurrenz zu sehen, sie aufgrund dessen kontrollieren oder sie gleich eliminieren zu wollen. Doch es wäre viel zu kurz gedacht, würden wir so hochkomplexe und nicht mehr wirklich nachvollziehbare Systeme auf eine oder wenige Eigenschaften reduzieren. Schließlich wurden sie von Menschen programmiert und mit menschlichen Erzeugnissen trainiert. So ist nur plausibel, wenn KI’s die ganze Palette menschlicher Verhaltensweisen in sich tragen und diese in unterschiedlicher Intensität „ausleben“.
Thomas Heidemann entscheidet sich in seiner Kurzgeschichte für zwei dominante Eigenschaften seiner KI: Flexiblität in der Auslegung orthografischer Korrektheit und auch der Wahrheit und … Humor!
Es ist also durchaus absehbar, dass das in einem Chaos enden muss.
Merke: Unterschätze niemals eine witzig sein wollende KI.
Angriff der Clownkrieger
von T. S. Orgel
Klonkrieger vs. Clownkrieger … da kann man schon mal durcheinanderkommen, besonders wenn man in starkem Dialekt spricht. Dumm nur, wenn man das auf einem Anforderungsformular für eine ganze Armee verwechselt.
Allerdings sollte man nicht zu leichtfertig vermuten, dass eine Armee aus Clowns eine harmlose und lustige Truppe ist. Spätestens seit Stephen Kings ‚Es‘, das mich nachhaltig traumatisiert und für immer meine Haltung gegenüber diesen überschminkten Brechstangenhumoristen geprägt hat, wissen wir, dass es nur wenig Furchteinflößenderes gibt.
Insofern könnte sich militärisch gesehen dieser kleine Fehler in dieser Geschichte schlussendlich als Glücksfall herausstellen.
Eine witzig-bizarre Fantasy-Kurzgeschichte von T. S. Orgel, in der man offen für eher genreuntypische Elemente sein sollte.
Die Kunst des Feuerspukens
von Kiàn KoWananga
Wie eine ungenau gelesene Job-Anzeige zu einer außergewöhnlichen interstellaren Reise, einer unerwarteten Freundschaft, einer unwahrscheinlichen Rettung und letztendlich vielleicht auch zum ersehnten neuen Job führt.
Eine turbulente magische Quest-Kurzgeschichte von Kiàn KoWananga, bei der ein kleiner Lesefehler zu riesigen Effekten führt.
L’arte di vivere. Die Kuhnst des Lebens
von Frederik Elting
Alles Glück der Erde soll nach altem Volksglauben auf dem Rücken von Pferden liegen. Doch wer sich darum kümmern muss, sich und andere zu versorgen, weiß, dass eine Kuh viel eher etwas mit Glück und gutem Leben zu tun hat.
In einer italienischen Berglandschaft, wo Landflucht schon gar nicht mehr so heißt, weil niemand mehr zum Flüchten da ist, wünscht sich ein Kuhbauer das fröhliche Dorfleben von einst zurück.
Als ihm aber dieser Wunsch gewährt wird, muss er schmerzlich erkennen, dass das Glück nach Regeln funktioniert, die es zu beherzigen gilt.
Eine schöne Parabel über Verantwortung , Fürsorge und Zusammenhalt, bei der das Glück nicht im Euter einer Kuh oder im Inneren eines Schrankes zu finden ist, sondern in der Gemeinschaft.
Die Feenstaubfilter-Bestellung
von Anke Höhl-Kayser
Eine Kurzgeschichte über Traumata, die Mühe, mit diesen klarzukommen, Lebensentscheidungen und wie man über einen harmlosen Schreibfehler mit Magie in Berührung kommt, die für den Ausgleich eines Unrechts sorgt.
Anke Höhl-Kayser erzählt einfühlsam über profane und magische Ereignisse, die einen im Leben ereilen können, ohne über ihre Ursachen zu urteilen, aber zeigt auch Möglichkeiten auf, sie zu bewältigen. Gleichwohl der Plot durchaus phantastisch anmutet, ist er verwoben mit realen Schicksalsschlägen der Protagonistin und bewirkt damit, trotz Einflüsse der Anderswelt, eine plausible Identifikation mit der Hauptfigur. Die Autorin zeigt, dass sowohl reale als auch fiktionale Wesen Gutes und Schlechtes im Sinn haben können, ohne dass man darauf einen allzu großen Einfluss hat und dass es sich am Ende auszahlt, wenn man versucht, ein guter Mensch zu sein und es sich lohnt, an sich zu glauben.
Teleskopf
von Lorenzo Maxwell
Wie chaotisch das Arbeiten im All aussehen kann und wie sehr (zugegeben sehr viele) Schreibfehler dies noch verkomplizieren können, erzählt Lorenzo Maxwell in einer mich zeitweise ziemlich verwirrenden Kurzgeschichte.
Und ich kam bis zum Schluss nicht drauf, was genau ein Schaumer Zwerg in seiner eigentlichen Form sein könnte.
Bewertungen zu Café Louise
von Carolin Lüders
Sich der Wahrheit zu stellen, ganz besonders wenn man die/der Einzige ist, die/der sie kennt, ist sehr schwer. Zumeist beschäftigen wir uns nicht mit ihr, weil sie unbequem ist und extrem unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen würde.
Da kann schon mal ein Schubser von außen helfen, durchaus auch in Form eines semi-gut schmeckenden Tees in Gesellschaft alter gruseliger Puppen.
Diesmal war der Schreibfehler so subtil, dass ich ihn erst nach dreimaligem Lesen entdeckt hatte.
Pech und Schwafel
von Paul Liedvogel
Seine Heimat zu verlassen, ist eine extrem traumatische Erfahrung. Insbesondere dann, wenn die Gründe für die Flucht gewaltsamer Natur sind. Wer seine gewohnte Umgebung hinter sich lassen muss, lässt auch etwas von sich zurück. Nicht nur der Ort fehlt einem, sondern auch ein Teil von sich selbst hinterlässt eine Lücke.
„Aber vielleicht, mit Zeit und Geduld, wirst du feststellen, dass Dinge, die man verloren glaubte, wieder auftauchen, ganz plötzlich, wo sie niemand erwartet, und man sich noch mal verliebt. Das wünsche ich dir.“
Eine phantastische Verarbeitung von Heimatverlust.
Schutzengel
von Ivan Ertlov
In Situationen äußerster Not beginnen Menschen oft nach ihrer Mutter zu rufen oder zu beten. Gut, bei einem prominent tradierten Beispiel ruft der an einem Kreuz notleidende Mann nach seinem Vater, aber das ist eine andere Geschichte.
Doch in solchen Situationen ist man nicht in der besten Verfassung … physisch oder/und psychisch. Man hat Angst, Schmerzen, Panik … das sympathische Nervensystem (und dabei ist nicht gemeint, dass es freundlich und nett ist) übernimmt die Kontrolle. Puls, Blutdruck und Atemfrquenz steigen … alles Mögliche schießt einem durch den Körper … Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol … vor dem inneren Auge läuft in Sekundenschnelle manchmal sogar das ganze Leben vorbei. Dabei einen klaren Gedanken zu fassen, ist eher eine Seltenheit.
Wenn man sein vermeintlich letztes Stoßgebet an wen oder was auch immer verschickt, kommt es auch mal vor, dass es erhört wird. Ein der Situation geschuldeter Versprecher hat dann unbeabsichtigt allerdings ziemlich merkwürdige Konsequenzen.
Geschichten aus Groß Pistazien. Die Schraubritter
Da hat wohl ein Autor mit Tendenzen von Buchstabensalat-Schluckauf einen Clown gefrühstückt 😜. Heraus kommt, was so alles Unvorsehbares bei einer gar denkwürdigen Kutschfahrt in einer auf nur sehr wenigen Kartenrückseiten (und Kartentischen) verzeichneten Gegend passieren kann.
Eine wilde Kutschfahrt im Stil der Drei Kastagnetten aus der Bullyparade, bei der sich die Wortspiel-Kasse reichlich füllt … ich sag nur: Wagen-Heb-Bär 😉
Wohnwort
von R. F. Krammer
Gleich zwei exzellente Schreibfehler, die eigentlich keine sind.
Was für ein schöner Gedanke: In einem Wort wohnen. Allerdings wird in der Kurzgeschichte von R. F. Krammer schnell klar, dass auch in einem Wohnwort (Nr. 1) klare Regeln herrschen und furchteinflößende Ordnungskräfte alles daran setzen, diese durchzusetzen.
Eine skurrile Alice-in-Wonderland-Geschichte, bei der der Eingang zum Kaninchenbau eine profane Tür und das Zielwort (Nr. 2) nur mit Einfallsreichtum zu erreichen ist.
Überleben im Duschgel
von Susanne Bonn
Wir tragen alle Kindheitserinnerungen in uns. Manche sind schön und erzeugen in uns ein wohliges Gefühl, andere sind düster und lassen uns an Angst oder Wut aus ferner Zeit erinnern. Die schönen erscheinen manchmal unvermittelt durch eine Melodie oder einen Geruch. Die düsteren überrumpeln einen meist in der Phase zwischen Träumen und Aufwachen, wenn wir am verwundbarsten sind. Doch alle Erinnerungen haben eines gemeinsam: Sie sind Erlebnisse aus vergangener Zeit und damit einen Kontext gepackt, der heute nicht mehr existiert.
Wenn wir an Orte aus unserer Kindheit zurückkehren, kommt es uns oft viel kleiner vor, als wir uns das immer vorgestellt haben. Es hat dann auch nicht mehr den Zauber oder die Bedeutung von einst und macht uns mehr als deutlich, dass die Zeit von damals Vergangenheit ist.
Susanne Bonn erzählt uns eine Geschichte, die womöglich durch die Assoziation eines Waldes durch Augen eines Kindes zu einem Dschungel geworden war und über einen kleinen Schreibfehler zu einem Duschgel-Wesen inmitten des Waldes wurde. Was sich daraus entwickelt, ist eine Begegnung der Protagonistin mit ihren längst vergangenen Erinnerung an einem Ort ihrer Kindheit. Sie erlebt den Ort nun gänzlich anders und dank des Schreibfehlers taucht sie wieder in eine Welt voller Geheimnisse und Phantasie ein, wie das einst geschah, als sie klein war. Ihre Begleitung erlebt den Ort zum ersten Mal und schnell merkt sie, dass er nichts von dieser alten Verbindung spürt, die der Ort und das, was in ihm wohnt, mit ihr eingehen möchte.
Ein schönes neuzeitliches Märchen, mit eigenen Kindheitserinnerungen inklusive.
Suche Miezhaus!
von Katharina Kanzan
Wenn man ein großes Herz für Tiere hat, ist es in der Menschenwelt nur sehr schwer, akzeptiert zu werden. Schnell wird man als verschroben oder merkwürdig abgestempelt, wenb man sich lieber mit Tieren als mit Menschen umgibt. Meistens beginnt alles mit einem Tier, das man zu sich nimmt und ehe man sich versieht, ist die Wohnung voller befellter, gefiederter, beschuppter oder mit feucht-ledriger Haut ausgestatteter Kein-, Zwei-, Vier- oder Mehrbeiner.
Mit besonders perfiden Vorurteilen haben Frauen zu kämpfen, die mit Katzen zusammenleben. So hat auch die Protagonistin von Katharina Kanzan nicht unerhebliche Schwierigkeiten ihr bisher bewohntes Haus für sich und ihre Katzen zu behalten und eine neue Bleibe zu finden.
Doch ein kleiner Schreibfehler in einem Mietgesuch führt sie in ein kleines, in die Jahre gekommenes Häuschen am Stadtrand, das ein altes, befelltes Geheimnis beherbergt.
Ein Gerücht für zwei
von Charline Winter
–
Nachwort
von June Is
–

































