Katherina Ushachov (Hg.): Verbissen

Verbissen

Herausgegeben von Katherina Ushachov im Silvanus Verlag

Rezension:

Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:

Komplementär

von Kiàn KoWananga

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Magische Wesen leben meistens länger als Menschen … einige sogar sehr viel länger bzw. ewig, sofern sie nicht durch einen wütenden Mob heugabelbewehrter Dorfbewohner einen gewaltsamen Tod finden.
Eine der größten Herausforderung derlei unsterblicher Untoten ist sicher der Umgang mit dem Vergehen anderer Wesen, während man selbst übrig bleibt. Eine weitere ist die der Notwendigkeit, sich in jeder Epoche, die man durchlebt, anzupassen. Manche halten an ihrer ursprünglichen Lebensweise fest, andere pflegen ihre Traditionen, wieder andere erfinden sich ständig neu.
Insbesondere die Essgewohnheiten mancher magischer Wesen wirken auf Menschen eher irritierend oder erzeugen panischem Reaktionen. Besondere seien hier Werwölfe und Vampire erwähnt. Doch auch derlei Wesen durch“leben“ eine Entwicklung und so verwundert es nicht, dass es Individuen gibt, die völlig abstinent unter Menschen wandeln, also dem Konsum von Menschenblut und -fleisch entsagt haben.
Kiàn KoWananga erzählt in ems Kurzgeschichte von miteinander lebenden magischen Wesen, die einerseits interspezifische Beziehungen eingehen, in generationenübergreifenden WGs leben und sich in magischen abstinenten vegetarischen fleisch- und blutvermeidenden Selbsthilfegruppen gegenseitig unterstützen.
Eine unaufgeregte und trotz oder gerade wegen spezifischer Unterschiede der Charaktere äußerst angenehm harmonisch erzählte Kurzgeschichte, in der Unterschiede keine Gegensätze, sondern die Grundlage für langlebige (sic!) Vielfalt sind.

Totsein ist anstrengend

von Michael Schwendinger

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Aus ihrer/seiner Heimat vertrieben zu werden ist immer ein sehr traumatisches Erlebnis. Die Ursachen und Umstände können sehr unterschiedlich sein. Das Resultat ist ähnlich.
Wird frau/man durch einen Biss von einem Tag auf den anderen zur/zum Ausgestoßenen, ist ein solcher Umstand, der zugegebenermaßen allerdings nicht allzu häufig vorkommt. Doch wenn es passiert, ist es ein einschneidendes Erlebnis.
So erfährt es Emmerich, dessen Leben auf links gedreht wird, nachdem ihn ein Fremder zu einem Vampir machte. Eine Weile versucht er in seiner gewohnten Umgebung damit klarzukommen, doch nach lästigen Erfahrungen mit Heugabeln bewaffneten Dorfbewohner_innen und viel zu vielen Würmern, macht er sich auf die Suche, nach einem neuen Ort, wo er willkommen ist.
Nur aus der Verzweiflung heraus wagt er sich ins Sonnenlicht und als er durch den Riss in einer Stadtmauer schlüpft, scheint er das Unmögliche gefunden zu haben: den Beginn eines neuen Lebens … ohne Würmer.

Nur ein Ring

von Florian Waldner

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Auch ein Vampir hat lästige Alltagssorgen wie das Bezahlen von Rechnungen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb Luthor Simmons der Profession der privaten Ermittlungen nachgeht. Da Vampire naturgemäß nachtaktiv sind, wählte Simmons ein sehr abgelegenes und verlassenes Hafengebäude als sein Büro und geht dort seinen teils fragwürdigen und teils blutigen Geschäften nach, die, gemessen am Stapel unbezahlter Rechnungen, durchaus besser laufen könnten.
So kann er auch nicht den Auftrag eines irischen Nicht-Menschen ablehnen, der das Entwenden eines besonderen Artefakts beinhaltet, gleichwohl dieser ihn bei einem mitternächtlichen Snack stört.

Doch während des Auftrags stellt sich allerdings heraus, dass er nicht das einzige paranormale Wesen ist, das sich für das fragliche Artefakt interessiert.

Florian Waldner entführt uns in das London Sherlock Holmes‘ des späten 19. Jahrhunderts, als es Vampiren und anderen übernatürlichen Wesen noch leichter fiel, unerkannt unter Menschen zu „leben“. Wir erhalten einen rasanten schnappschussartigen Einblick in die dekadente Gesellschaft der Akademiker, die ganz offensichtlich so rein gar nichts von der sie umgebenden Parallelwelt voller Magie und Gestaltwandler_innen weiß.

Bite & Breakfast

von Dana Morgan

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Der Unterhalt einer Burg ist heutzutage exorbitant teuer, vor allem, da man dereinst beim Bau nichts von Wärmeisolierung wusste. Nun ja, eigentlich war er das schon immer, aber in vorindustriellen Zeiten gab es Mittel und Wege auf … sagen wir mal „kreative“ Art und Weise … an Geld und günstige Arbeitskräfte zu kommen. Vor dem Hintergrund ziemlich arbeitnehmerfreundlicher Gesetze, stets nervenden Behörden und omnipräsenten Smartphonekameras ist das allerdings kaum noch denkbar, ohne eine beachtlich hohe kriminelle Energie aufzubringen. Da hilft es ausnahmsweise auch nicht wirklich viel, ein unsterblicher Vampir zu sein.

Der gerade „frisch geschlüpfte“ blutsaugende Adlatus des schon sehr betagten Vampirs Darius überredet in der Kurzgeschichte von Dana Morgan seinen Schöpfer zu einer völlig legalen Einnahmequelle: Bed & Breakfast-Übernachtungen auf der Burg mit gewissen Extras.
Doch ganz so unproblematisch lassen sich die Gäste der Premierennacht dann doch nicht bändigen und unterhalten, da jede_r eine doch recht unterschiedliche Motivation für eine Nacht in einer Vampirburg mitbringt. Zudem schwindet die vampirische Selbstdisziplin überraschend schnell, wenn sich so fügsames Frischblut in unmittelbarer Nähe anbietet. Doch das sind nicht die einzigen herausfordernden Faktoren für die beiden blassen Jungunternehmer, denn des nachts geschehen Dinge im Inneren der Burg, die das Geschäftsmodell auf eine harte Probe stellen.

Eine humorvolle und spannende Geschichte aus dem „Alltag“ mehr oder minder moderner Vampire mit so mancher menschlicher und übermenschlicher Überraschung.

(Für mich überraschend waren auch die von der KI generierten Tassen für Rechts- und Linkshänder_innen😉).

Katzenjammer

von Ludwig Karrell

[Image source: genAI, Flux.2 Pro

Das untote „Leben“ eines Vampirs in einer modernen Vorstadt ist nicht immer so glamourös, wie man glauben könnte. Wenn ich so darüber nachdenke, muss es im Grunde ziemlich trostlos sein. Für Ed zumindest, einem verhältnismäßig heruntergekommenen, auf einem Schrottplatz hausenden Vampir, ist es das.
Ed vegetiert von Nacht zu Nacht, von einem Gelegenheitsblutzapfen zum nächsten unachtsamen Tier vor sich hin … bis ihm eines Nachts ein Katzenjunges über den Weg läuft und er es nicht über sein nicht schlagendes Herz bringt, es sich selbst zu überlassen. Doch das soll nicht die einzige schicksalsträchtige Begegnung in dieser Nacht bleiben, die Eds Leben wider Erwarten auf links dreht.
Eine von Ludwig Karrell angenehm entschleunigt erzählte Kurzgeschichte über den unspektakulären und tristen Alltag eines einsamen Vampirs, der sein kaltes Herz am rechten Fleck hat.

Partner wider Willen

von Antonia Blaik

[Image source: genAI, Flux.2 Pro

Als ob das Leben eines Detektivs nicht schon kompliziert genug wäre, sieht sich Blake neben ganz normalen (menschlichen) Kriminellen und ihre Opfern seit geraumer Zeit auch noch mit übernatürlichen Exemplare der Unterwelt konfrontiert, was seine Arbeit alles andere als einfacher, aber auch um einiges interessanter macht.
Als er eine weibliche (Menschen-)Leiche mit merkwürdigen Wunden in Augenschein nehmen muss, ahnt er schon, dass dafür womöglich ein eher spezieller Täter verantwortlich sein könnte. Schnell führen ihn seine Ermittlungen an Orte in der ihm eigentlich bekannten Stadt, an denen Menschen eher selten anzutreffen sind.

Antonia Blaik verpackt ihren Krimi der besonderen Art eloquent und charmant in eine spannende und vor allem humorvolle Kurzgeschichte voller überraschender Erkenntnisse über Vampire umd andere übernatürliche Wesen, die ihr manchmal untotes Leben unter Menschen fristen und nicht immer so wirklich dem Klischee entsprechen.
Die Handlung ist interessant anders, die Charaktere trotz der der Textsorte geschuldeten Kürze facettenreich und der Erzählstil ist überaus schnell und witzig. Man ahnt geradezu, dass da noch viel mehr unterhaltsame phantastische Krimigeschichten auf uns warten.

Für mich ein echtes Vampir-Highlight, das ganz stark auf eine Preisnominierung zusteuert.

Keine Falter im Bauch

von skalabyrinth

[Image source: genAI, Flux.2 Pro

Schreib-Person erzählt von Interview-Person, die Vampir-Person zum Gespräch trifft.
Die queere Variante des Interviews mit einem Vampir von Anne Rice in einer etwas unkonventionellen Art.

Skalabyrinth gewährt den Lesenden in dieser Kurzgeschichte nicht nur ganz besondere Einblicke in das Leben eines transsexuellen Untoten, sondern auch xiere Gedanken und Gefühle. Zudem werden wir durch Apostrophe-Einschübe Zeuge des Kurzgeschichtenschreibprozesses und können skalabyrinth so ein klein wenig über die Schulter schauen.

Der neue Alte

von Magdalena Freitag

Mit Geflatter aus der Klemme

von Anna Kleve

Alt, aber mörderisch

von Andrea Weil

Der Vorschlag

von Maria Goodwill

Das Zuckerproblem

von Selena Reed