Michael Wehren (Hg.): Andymonaden
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Herausgegeben von Michael Wehren beim Memoranda Verlag
Rezension:
- Patricia Eckermann: Sabotage
- Aiki Mira: Ausreißende Sterne
- Dietmar Dath: In unserer so großen Zahl
- Lena Richter: Alles und nichts
- Zeinab Hodeib: Ich werde dir von allem erzählen
- Luise Meier: Siedlerinnen in der Schwerelosigkeit
- Zara Zerbe: Moosflecken
- Jol Rosenberg: Wovon ich Teil sein will
- Anna Zabini: Imago
- Mert Akbal: Auf die Sterne fallen
- Nelo Locke: Neue Träume
- Michael Wehren: Nach Andymon
Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:
Sabotage
Dem Wahnsinn von nahezu allmächtigen Milliardären sind kaum Grenzen gesetzt. Keine Idee kann verrückt oder menschenverachtend genug sein, um nicht auf der Agenda einer Handvoll reicher, weißer Männer zu stehen. Manche Ideen sind bekannt, andere schlummern noch in den ideologischen Schubladen. Bekannt sein dürfte, dass unsere faschistoiden (Tech-)Oligarchen unsere schöne Erde nach ihrem neokameralistischen Tech-Autoritarismus umformen und ewig leben wollen. So bekloppt, so gut.
Einen völlig plausiblen Schritt weiter geht (betrachtet man die bereits vorhandenen Marsbesiedlungspläne) nun die Kurzgeschichte von Patricia Eckermann, in der menschliches Erbgut (natürlich das der eben erwähnten Oligarchen) mit einer Arche ins All in Richtung einer zweiten Erde (in diesem Fall das Steinmüllersche Andymon) verschickt werden soll, um dort eine neue Menschheit entstehen zu lassen.
Derlei größenwahnsinnige Pläne mögen zwar noch leicht futuristisch erscheinen, aber eben nur leicht.
Doch glücklicherweise haben sich in der Geschichte von Patrica Eckermann noch nicht alle Menschen dem Diktat dieses Autoritarismus‘ unterworfen. Auch wenn er noch so klein sein mag, es gibt noch eine Widerstandsbewegung, um zu versuchen, das auf Andymon zu verhindern, was auf der Erde bereits Realität geworden ist.
Ein spannender und gut geschriebener Auftakt der auf dem Roman ‚Andymon‘ von Angela und Karlheinz Steinmüller aufbauenden und von Michael Wehren herausgegebenen Anthologie ‚Andymonaden‘ und völlig zu Recht für den Kurd-Laßwitz-Preis 2026 „Beste deutschsprachige SF-Erzählung mit Erstausgabe von 2025“ nominiert.
Ausreißende Sterne
von Aiki Mira
„Unsere Augen sind die bemerkenswertesten Lügen.„
Wenn wir uns von einem geliebten Menschen trennen müssen, ähnelt dies dem Verlust der eigenen Heimat. Denn nicht nur der Ort auf einem Planeten, der Planet selbst oder dem Vehikel zwischen Planeten kann Heimat sein, sondern eben auch ein Mensch. Geschieht dieser Verlust zum ersten Mal, ist er besonders schmerzhaft, aber auch eine Art Anker für alle daran anschließende Verluste.
Wenn die Menschheit in der Zukunft es zu ihrer Eigenart gemacht haben wird, von einem Planeten, einem Sonnensystem zum nächsten zu reisen, wird der Verlust jedem Menschen bereits in die Wiege gelegt worden sein … was den Schmerz allerdings nicht wirklich mindert.
Da kann man bei der bevorstehenden Kollision eines Doppelsternsystems schon mal schwermütigen Gedanken nachhängen.
Eine Kurzgeschichte von Aiki Mira, die weniger einer Handlung folgt, als einen Seelenzustand beschreibt.
In unserer so großen Zahl
von Dietmar Dath
Wer hätte gedacht, dass Angela und Karlheinz dereinst als Sonden die Weiten des Alls durchstreifen … auf der Suche nach Menschheiten. Nun … wenn man es genauer betrachtet, ist es eigentlich konsequent und damit auch wieder sehr beruhigend.
Dietmar Dath wählt in einer fern-fernen Zukunft ein Szenario aus, bei dem es um die Zeit nach der Besiedelung des Weltalls durch die Menschen geht. Zahlreiche Neugründungen folgten der auf Andymon … und vergingen. Auf einer Art archäologischer Mission durchstreifen Sonden (auch die besagten Steinmüller-Reinkarnationen) die Schwärze des Alls und suchen nach Resten der Menschheiten auf ihrem ewigen Exodus-Hopping. Dabei treffen sich die Nachfahren der noch verbliebenen Menschheiten, die sich eher voneinander unterscheiden, als sich zu ähneln.
Für mich etwas sperrig zu lesen, aber hey … es wäre auch mehr als verwunderlich, wenn die Lesbarkeit der Sprache viel-viele Generationen nach der unseren sich nicht verändert haben würde (unsicher, ob das wirklich der Konjunktiv II des Futur 2 ist).
Alles und nichts
von Lena Richter
Die Besiedlung eines zweiten Planeten, der der Menschheit ein Zuhause sein soll, ist ein gigantischer Akt der Wissenschaft und Ingenieurskunst unter Verwendung von Unmengen an Ressourcen und Zeit.
Effizienz und strenge Regeln bilden die Grundlagen für den Erfolg und die Vermeidung von unliebsamen Zufälle, die in der lebensfeindlichen Schwärze des Alls in aller Regel tödlich sind.
Doch derlei Regeln zur Optimierung der mehrere Generationen überdauernden Reise bilden nicht die vielfältige Natur des Menschen ab. Es muss zwangsläufig eine Reduktion auf einen einzigen Standard sein, der keinen Platz für das bunte Spektrum dessen zulässt, was unsere Spezies menschlich macht.
Lena Richter trägt fünf voneinander getrennte nachdenklich stimmende und auch aufrüttelnde Fragmente zur Andymonaden-Anthologie bei und thematisiert dabei subtil die Transformation des auf Fortpflanzung und Aufzucht ausgerichteten Systems eines Mehrgenerationen-Raumschiffs sowie die Besiedlung eines neuen Planeten hin zu einer diversen Gesellschaft und natürlichen Mannigfaltigkeit menschlicher Sexualität, Geschlechtervielfalt und facettenreicher Lebensmodelle.
Nicht die künstliche Reduktion auf eine willkürliche Auswahl, sondern die natürliche Entfaltung unbegrenzter Variationen ist der eigentliche Code, der in unseren Genen steckt.
Ich werde dir von allem erzählen
von Zenab Hodeib
Wenn die Erde zu einem lebensfeindlichen Planeten wird und die Menschheit sich entscheidet, die Gene des Homo sapiens ins All zu exportieren, bleiben erstmal unzählige Fragen unbeantwortet. Eine davon ist: Was wird aus den Zurückgelassenen?
Wie kommen sie damit klar, verlassen worden zu sein? Können sie trotz offensichtlich widrigen Umständen überleben?
Und wenn ja, wie?
Zeinab Hodeib ermöglicht uns in einer spannenden Kurzgeschichte einen Blick auf die Generation der Kinder, die nicht zu den Sternen reisen konnten. Heg(t)en sie einen Groll gegen ihre Eltern? Trauerten sie ihnen nach? Was blieb für sie übrig? Konnten sie noch mit den Exodanten kommunizieren? Wissen sie, was aus ihnen geworden ist? Während die einen traumatisiert ein eher frustriertes Dasein fristen, wollen die anderen ihren Eltern folgen … ein Nährboden für Konflikte, aber auch eine Bewährungsprobe für Beziehungen und Träume.
Siedlerinnen in der Schwerelosigkeit
von Luise Meier
Es klingt stets so einfach, wenn davon die Rede ist, sich von kulturellem, ideologischem, ausbeuterischem, misogynem und misanthropem Ballast zu lösen und in einer unbefleckten Gegend, mit Vorliebe auf einem weit entfernten Planeten, eine neue Zivilisation aufzubauen.
Würden dort dann wieder die gleichen destruktiven opprimierenden Strukturen entstehen? Hängt es vielleicht davon ab, ob die erste Kolonie-Generation etwas vom menschlichen Vermächtnis ihrer terrestrischen Ahnen weiß oder doch besser in völliger Unkenntnis der Zivilisationsgeschichte imstande ist, eine bessere Gesellschaft aufzubauen?
Beschwört vielleicht erst die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit das Erbe des Untergangs herbei?
Luise Meier gibt in ihrer Kurzgeschichte einen kleinen Einblick in bewusste und unbewusste Prozesse einer neu entstehenden Gesellschaftsordnung auf einem fremden Planeten. Sie lässt ihre Protagonisten Debatten führen und alte Idee neu interpretieren und ausprobieren, nachdem es wohl schon den ersten Vorfall eines Machtmissbrauchs gegeben hat.
Wäre ein Neuanfang frei von patriachalen Machtstrukturen? Wären die Kolonist_innen in der Lage, ohne Gesetze oder politische Strukturen in Harmonie und Gleichberechtigung zu leben?
Ein Gedankenexperiment mit offenem Ausgang.
Moosflecken
von Zara Zerbe
Wir sind auf der Erde gewohnt, in einer Umwelt zu leben, die schon sehr lange existiert und sich über Millionen von Jahren entwickelt hat. Wir denken, das Zusammenspiel von Lebewesen, Untergrund und Atmosphäre ist selbstverständlich oder gar, dass wir es nach Belieben steuern könnten.
Erst wenn man eine sich selbst regulierende Biosphäre erschaffen möchte, mit all ihren Beststandteilen, Prozessen, Interrelationen und Interaktionen bemerkt man, wie komplex und besonders das Geschenk des Lebens ist.
Zara Zerbe entführt uns in die Pionierzeit der Kolonisten auf Andymon, wo sie sich nach einer sehr langen Reise eine neue Heimat erschaffen wollen, wozu auch eine für Menschen geeignete Atmosphäre gehört.
Beim Versuch, einen kleinen Wald auf dem kargen Planeten zu erschaffen, entdeckt Szina, dass sie mit dem Planeten gemeinsam daran arbeiten muss, um Erfolg zu haben. Zwar gehört zum Terraforming auch sehr viel komplexe Technik und viele Ressourcen, jedoch vergessen wir, dass sich Leben vorrangig ohne das Einwirken des Menschen entwickelt, auf eine Art und Weise, die wir noch lange nicht verstanden haben. Es hilft meistens schon, sich auf das Leben einzulassen und einfach mal zuzuhören … nicht nur auf dem Boden extrasolarer Planeten.
Wovon ich Teil sein will
von Jol Rosenberg
Gemeinschaft und Individualität. Zwei Konzepte, die sich gegenseitig beeinflussen und die im Widerstreit zueinander (nicht gegeneinander) stehen ohne das jeweils andere auslöschen (sollten).
Das menschliche Wesen als solches ist schon komplex genug. Finden aber mehrere von ihnen zusammen, wird’s schnell unübersichtlich und anstrengend. In vielen Kulturen ist man/frau stolz auf die eigene Individualität, findet aber oft die der/des anderen schwierig oder korrekturbedürftig und verteidigt die eigene bis zum Äußersten. In anderen Kulturen ist die Individualität der Kollektivität untergeordnet und im Konfliktfall wird für die Gemeinschaft entschieden. Im Aufeinandertreffen zweier oder mehrerer Gemeinschaften wird allerdings oft schnell bewertet oder moralisiert und es entsteht ein „Wir“ und ein „die Anderen“, gegen die versucht wird, sich abzugrenzen.
Wenn man in eine Gemeinschaft hineingeboren wurde, wächst man meistens in dem Glauben auf, dass diese Gemeinschaft richtig liegt, weil man/frau ein Teil von ihr ist. Welche Konsequenzen hat es aber, wenn man seiner Individualität folgt und sich bewusst gegen die Normen und Zustände der eigenen Gemeinschaft entscheidet? Darf man/frau das? Wieviel Individualität verträgt ein Kollektiv?
Jol Rosenberg nutzt das Space Colonization-Konzept in Andymon von Angela und Karlheinz Steinmüller, um die Motive der Projekteltern zu hinterfragen und die Herausforderungen und Möglichkeiten der Kinder auszuloten.
Wie schon das Steinmüllersche Original von 1982 legt Jol Rosenbergs Kurzgeschichte von 2025 bei der Suche des Protagonisten nach den Ursprüngen und Gründen des Exodus mit einem Präparierpinsel Fragen frei, ohne zu beanspruchen, Antworten gefunden zu haben. Unter altem Staub erscheint unter anderem die eine Frage (die eigentlich ein gigantischer Fragenkomplex ist), woher ich/wir komme/n und wohin ich/wir gehe/n? Und dass es vielleicht überhaupt nicht auf diese Frage ankommt, sondern darauf, wie wir uns während der Beantwortung derselben anderen und uns selbst gegenüber verhalten, welche Entscheidungen wir auf diesem Weg treffen und welche Rollen dabei Individualität und Gemeinschaft spielen. Neugierde und Toleranz wären schon mal ein stabiler Anfang.
Imago
von Anna Zabini
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Auf die Sterne fallen
von Mert Akbal
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Neue Träume
von Nelo Locke
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Nach Andymon
von Michael Wehren
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