Erzähl mir eine Geschichte, die cozy und ein bisschen spannend ist und ein Happy End hat
von Carolin Lüders
[Quelle: Ida Nadine Eisele]
Einst waren wir Selbstversorger. Wir aßen das, was wir selbst anbauten, aufzogen. Wir lebten in den Behausungen, die wir selbst bauten. Wir trugen Kleidung, die wir selbst herstellten. Wir benutzten Werkzeuge, die wir selbst konstruierten. Wir erzählten Geschichten, spielten Musik, malten Bilder, die wir selbst erdachten. Alles, was wir nutzten, erschufen wir mit den eigenen Kräften und Ideen. Doch etwas in uns, ein selbstzerstörerischer Code flüstert uns ein, dass wir es besser haben könnten, dass wir es einfacher haben könnten, dass wir es billiger haben könnten. Doch alles, was wir nicht selbst erschaffen, müssen andere für uns erschaffen, die wir für ihre Dienstleistung bezahlen.
Wie die desillusionierte Welt aussieht, in der sich zwischen den Nutzer_innen/Konsument_innen und den Dienstleister_innen/Produzent_innen globale Konzerne mit KI-Technologie festgesetzt haben, die die einen abhängig machen, während sie die anderen ausbeuten, erfasst Caroline Lüders in ihrer, die int:elegance-Anthologie einführenden Kurzgeschichte auf erschreckend einprägsame Weise.
Nach dem Lesen der Geschichte hallte der Satz „Menschen, die wirkten, als wären sie Peripheriegeräte der Maschinen.“ in mir nach. Auch wenn wir ohnmächtig zu Zuschauer_innen und willenlosen Automatengehilf_innen degradiert werden, ist die Erkenntnis der Realität schon ein erster Schritt. Doch zu verzweifeln ist keine Option. Trotz scheinbarer Ausweglosigkeit ob all der uns umgebenden omnipotenten Mächte, müssen wir versuchen, unsere Selbstständigkeit und Selbstversorgung wieder zurückerlangen.
Wir dürfen nicht auch noch das Denken den Maschinen überlassen.
Wasserfarben
von Nora L. Großmann
[Quelle: Ida Nadine Eisele; modifiziert]
Das Erzeugen von Bildern ist an sich (noch) keine Kunst. Wann und wie es zur Kunst wird, ist ein irgendwie magischer Übergang, den man erst im Rückblick bemerkt und selbst dann nicht mit Sicherheit sagen kann, wann die Grenze von mal mehr, mal weniger handwerklich anspruchsvoller Bilderzeugung überschritten worden ist. Und dabei ist es womöglich gar nicht wichtig, ob das Artefakt, denn es muss ja nicht immer ein Bild sein, von einer menschlichen Hand erzeugt wurde oder via Technik. Denn auch ein Foto kann Kunst sein. Weshalb kann dann ein mit Hilfe von KI erzeugtes Artefakt keine Kunst sein? Womöglich ist es unter gewissen Umständen denkbar, denn schließlich konnte man sich einst weder vorstellen, dass es Fotokunst, geschweige denn so etwas wie Medienkünste geben könnte. Vielleicht sind die uns überrollenden Möglichkeiten noch zu jung, um endgültig ein Urteil fällen zu können.
Vielleicht ist bei der Entwicklung vom Artefakt zum Kunstwerk auch gar nicht so sehr das Objekt das Entscheidende, sondern das, was der Erschaffungsprozess mit der/dem Künstler_in macht und das, was das Werk mit der Betrachtenden, dem Betrachtendem macht. Mein vorläufiges Fazit: Es wird zum Kunstwerk, wenn es in uns real wirkt.
Nora L. Großmann lässt uns an der Entwicklung der Protagonistin, die Webdesignerin ist, in einer kunstfeindlichen urbanen Beton-/Stahl-/Glas-/Tech-Wüste teilhaben. Sie lässt uns erleben, wie ein einfacher Pinsel und ein leeres Blatt Papier Ängste, Leere und Sinnlosigkeit in Gefühle und Gedanken zu Ideen und vielleicht letztlich zu einem Kunstwerk werden lassen.
Eine intensive Reise ohne das Ziel kennen zu müssen.
Das Feder
von Johanna Brenne
[Quelle: Ida Nadine Eisele; modifiziert]
Eine unvorstellbare, aber nicht unwahrscheinliche Zukunft, in der wir weder Bücher kennen, noch selbst mit eigener Phantasie Geschichten niederschreiben. Klingt für mich fast noch gruseliger als eine dystopische post-apokalyptische klimakatastrophengebeutelte Erde.
Johanna Brenne erzählt uns charmant die herzerwärmende Geschichte einer/eines Blatt für Blatt wachsenden Autor_in in einer buchlosen Welt mit ausschließlich KI-generierten Texten. Die liebevolle Schilderung, welche Träume, Wünsche, Gedanken und Motive sie/er hat, lässt in mir die Vorstellung aufkeimen, dass wir hier sehr Persönliches der Autorin zu lesen bekommen – wunderschön und berührend.
„Zwar brauchte ich immer noch Pausen, aber langsam schienen meine Finger zu begreifen, dass es mir ernst mit der Sache war.“
Das Kinderbuch
von Anne Tarnowski
[Quelle: Ida Nadine Eisele; modifiziert]
Wir verlieren immer mehr unsere Instinkte und lassen unser Leben von Technik bestimmen und überwachen. Wir lassen unseren Tag von einem digitalen Kalender bestimmen. Wir kaufen Dinge ein, die uns das Online-Shopping-Portal empfiehlt. Wir schauen die Filme an und hören die Musik, die uns die Streaming-Dienste vorschlagen. Wir fahren die Strecken, die das Navi uns empfiehlt. Wir tragen Smartwatches und lassen unseren Biorhythmus überwachen, werden analysiert und schlafen, trinken, essen und bewegen uns, ganz nach Vorgabe unseres persönlichen Fitness-Coachs. Schon jetzt machen wir uns völlig selbstverschuldet von Technik und den dahinterstehenden Tech-Konzernen abhängig. Schon jetzt wächst eine Generation auf, die ein Leben ohne Internet und Smartphones nur aus wehmütigen Erzählungen von überforderten alten Säcken kennt.
Anne Tarnowski blickt in ihrer Kurzgeschichte nur wenige Jahre in die Zukunft, wenn wir uns kein Leben mehr ohne Biomonitoring und KI vorstellen können. Wenn das Selbstverständlichste der Welt, uns aus der Trance reißt und uns völlig aus der Bahn, zurück ins Leben wirft. Ein beängstigender Near-fiction-„Tatsachenbericht“.