Birgit Schwäbe und Ingrid Pointecker (Hg.): Zu den Wurzeln. Eine Planthologie
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Zu den Wurzeln. Eine Planthologie.
Herausgegeben von Birgit Schwäbe und Ingrid Pointecker im ohneohren Verlag
Rezension:
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- Sabine Frambach: Alfie
- An Brenach: 347 Sprossen
- Dominique Goreßen: Mimulus Fortuna
- Chaoseule & LiaSchattenfell: Nemus Novum
- M. R. Seibert: Die Blüten der Mars-Katastrophe
- Chris Balz: Per Terrena ad Astra
- Mina Schüttmann: Epiphyten
- Britta Redweik: Seelenverwandt
- Charline Winter: Das Gewächshaus am Rande der Realität
- Fenja Harbke: Internet of Plants
- Carina Zacharias: Fürchtet uns, denn wir gebären Wälder
- Karin Biasi: Um Haarwurzelbreite
- Saskia Dreßler: Vergessen und Erinnern
- Martina John: Tagewerk
- Kiàn KoWananga: Ribbeck
- Johanna Brenne: Die Dalonie
Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:
Alfie
von Sabine Frambach
Mustererkennung. Das ist im Grunde nichts wirklich Neues. Undefinierte Signale einer noch unbekannter Systematik zuordnen. Klingt für die meisten eher unspannend oder gar langweilig. Gibt man allerdings konkrete Anwendungsfälle hinzu, wie zum Beispiel Bilderkennung, Weltraumstrahlung oder Tierlaute, wird schnell klar, was für abenteuerliche Möglichkeiten sich dahinter verbergen. Großrechner unterschiedlicher Einrichtungen zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen geben seit Jahrzehnten ihr Bestes, um hinter die Muster zu Gesetzmäßigkeiten oder einem Sinn zu gelangen. Mit der disruptiven Technologie der künstlichen Intelligenz im Allgemeinen und im Speziellen erhöht sich die Geschwindigkeit auf der Jagd nach Lösungen. Außerirdische Technologie oder die Entschlüsselung von Tiersprachen könnte kurz vor ihrer Entdeckung stehen.
Sabine Frambach wendet sich in ihrer Plantpunk-Kurzgeschichte etwas viel Unscheinbarerem zu, das sich bislang in völliger Stille abspielte und doch allgegenwärtig und für sich gesehen unfassbar disruptiv wäre: der Kommunikation von Pflanzen untereinander. Nicht nur die Signalübermittlung innerhalb eines pflanzlichen Organismus … nein, es geht um die Sprache zwischen vegetabilen Individuen.
Auch wenn es in einer hoch technologisierten und auf Effizienz getrimmten Welt, die mehr im Digitalen als im Analogen stattfindet, keinen Platz mehr für natürliche Prozesse gibt, kämpft eine Wissenschaftlerin dafür, dass Pflanzen wie Alfie gehört werden und damit eine Stimme bekommen. Dumm nur, dass die meisten Menschen verlernt haben zuzuhören. Doch es gibt Hoffung. Da sind noch andere, die nahezu intuitiv ein Verständnis für die Worte von Alfie und die wir bislang nicht einkalkuliert haben.
Ein wunderschöner Auftakt der Planthologie von Birgit Schwäbe und Ingrid Pointecker in der eine Lupine namens Alfie die Hauptfigur spielt, ohne dass man sie wirklich vorgestellt bekommen muss. Einfühlsam, visionär und hoffnungsvoll.
347 Sprossen
von An Brenach
Es ist wohl ein ziemlich verbreitetes Phänomen des menschlichen Gehirns, diejenigen Dinge auszublenden, die alltäglich sind. Diese selektive Aufmerksamkeit hat zur Folge, dass wir Alltägliches nicht wirklich zu schätzen wissen, wenn wir es versäumen, unseren Fokus darauf zu lenken.
Ganz besonders passiert uns das mit den leisen und langsamen Dingen im Leben.
So bemerken wir beispielsweise das Wachsen von Pflanzen nicht, denn weder machen sie beim Sich-gegen-die-Gravitationskraft-stemmen Geräusche, noch bewegen sie sich allzu auffällig. Und dennoch ist das Wunder des pflanzlichen Wachstums nahezu allgegenwärtig … falls man nicht gerade inmitten einer urbanen Betonwüste oder auf einer Raumstation lebt.
Am Brenach lässt uns in der Kurzgeschichte „347 Sprossen“ an einer alltäglichen Faszination teilhaben: der Wiederentdeckung des Wunder pflanzlichen Wachstums mitten in der kalten Leere des Alls. In einer Zukunft, in der Pflanzen keinen Platz mehr haben, sie durch synthetische und technologische Verfahren ersetzt wurden und ihre Formen, Farben und Gerüche völlig vergessen und unbekannt sind, wird durch Neugier, Mut und Beharrlichkeit eines einzelnen Menschen, ein essentieller Teil unserer Existenz renaturiert.
Mimulus Fortuna
Pflanzen haben einen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Ob es die pure Freude beim Anblick einer schönen Blüte, die beruhigende Wirkung des Pflanzengrüns auf unsere Augen, der per Photosynthese erzeugte Sauerstoff oder die immunsystemstärkenden Terpene in Wäldern ist, Pflanzen beeinflussen uns.
Dominique Großen erzählt in ihrer Kurzgeschichte, wie der mentale Zustand eines Menschen, das Wohlergehen von Pflanzen nahezu desaströs negativ beeinflusst und was man (nicht nur in einer fernen Zukunft) dagegen tun kann.
Nemus Novum
von Chaoseule & LiaSchattenfell
Noch können wir es uns nicht vorstellen, aber werden erst einmal die klimastabilisierenden Prozesse ihren Dienst quittiert haben, werden wir es mit gänzlich anderen Wetterextremen zu tun haben, als mit Schneefall im mitteleuropäischen Mai.
Chaoseule und Liaschattenfell skizzieren den Alltag in einer nicht allzu fernen Zukunft, wenn wir um jede Kartoffelpflanze kämpfen und wir für eine lieb gewonnene Zimmerpflanze unser Leben riskieren werden.
Noch können wir es uns nicht vorstellen … und unsere Enkel werden Geschichten über langweilige immer ähnlich wiederkehrende Jahreszeiten für unrealistische Märchen halten.
Die Blüten der Mars-Katastrophe
von M. R. Seibert
Wollen wir auf Monden oder anderen Planeten dauerhaft leben, benötigen wir unter vielen anderen Dingen auch eine funktionierende Nahrungsmittelproduktion. Ob und wie das unter extrem lebensfeindlichen Bedingungen funktionieren wird, sei mal dahingestellt, zumal wir es ja kaum in einer lebensfreundlichen Umwelt auf der Erde schaffen, die Grundlagen nicht zu zerstören.
Welchen Herausforderungen wir uns bei einer Marsbesiedlung stellen müssen, ist Kernthema der Kurzgeschichte von M. R. Seibert. Ist der Import terrestrischer Pflanzen, ihre gentechnische Modifikation oder vielleicht etwas anderes die erfolgreiche Strategie? Erschwerend oder erleichtern kommt hinzu, dass es auf dem Roten Planeten vor langer Zeit womöglich Leben gab, das es aufzuwecken gilt. Wir sollten aber nie vergessen, dass wir eben nur fremde Besucher sind, die sich anzupassen haben.
Per Terrena ad Astra
von Chris Balz
Es wäre tatsächlich tröstlich, wenn die Menschheit (und diverse extraterrestrische Spezies) aus ihren Fehlern gelernt hätte, nachdem sie ihren Heimatplaneten final zugrunde gerichtet hat. Wenn sie gelernt und verstanden hätte, dass nur ein Miteinander zu langfristiger (Ko-) Existenz führen kann und dabei alle Lebewesen die gleiche Daseinsberechtigung haben, wäre noch ein Funken Hoffnung für den Verbleib menschlicher DNA in der Galaxie.
Chris Balz wagt den optimistischen Weg, auf dem Menschen, andere humanoide Spezies, Pflanzen, hochentwickelte pilzartige Wesen, Maschinen und KI eine Symbiose eingehen, die sich in einem einzigartigen Raumschiff-Organismus zusammenfinden, um toten Planeten Leben zu bringen.
Epiphyten
von Mina Schüttmann
Das Leben auf der Erde (und womöglich überall im Weltall) existiert vor allem deshalb, weil es so manchen elementaren Prinzipien folgt. Zwei davon sind der Überlebensinstinkt und die Homöostase. Wir Menschen kennen unseren Überlebensinstinkt nur zu gut, sind aber wohl die einzige Spezies, die entgegen diesem Instinkt handelt und sich konsequent selbst zu vernichten droht. Dabei legen wir nicht nur direkt Hand an uns und nehmen Nahrung zu uns, die uns schadet, atmen Luft ein, die uns krank macht, konzentrieren uns auf Äußerlichkeiten, statt uns um unser Innerstes zu kümmern. Nein, wir zerstören auch ganz bewusst unsere Umwelt, die unsere Lebensgrundlage bildet.
In unserer Hybris merken wir das allerdings erst, wenn es zu spät ist und geben dann reflexartig anderen die Schuld, was leider eine wichtige Lernphase in unserer eigenen Evolution unterbindet und es deshalb mehr als fraglich ist, ob die Erde sich nicht bald wie eine lästige Erkältung unserer entledigen wird.
Pflanzen hingegen verstehen die natürlichen Prinzipien und leben nach ihnen. Dort, wo es schwierig ist, zu existieren, passen sie sich an. Sie nutzen die Zeit und verändern geduldig ihre physiologischen Prozesse, ergreifen Maßnahmen zur Verbesserung ihres Stoffwechsels und schützen sich gegen schädliche Einflüsse. Was sie dafür allerdings benötigen, ist Zeit. Zeit, die sich Menschen in ihrer Ungeduld nur selten gönnen, weil sie in dem Glauben leben, alles unmittelbar und folgenlos selbst geregelt zu bekommen.
So scheint auch in der Kurzgeschichte von Mina Schüttmann der verzweifelte Versuch zweier Wissenschaftlerinnen, Pflanzen zu züchten, die mit den von Menschhand erzeugten lebensfeindlichen Bedingungen zurechtkommen könnten, zum Scheitern verurteilt. Gleichwohl sie alles in ihrer Macht stehende tun, um die Pflanzen so zu modifizieren, dass sie nicht in der toxischen Umwelt zugrunde gehen, fehlen ihnen die dafür notwendigen Mittel und vor allem die Zeit. Doch nicht nur die beiden Frauen versuchen eine Lösung zu finden, auf der zerstörten Erde zu überleben.
Es würde uns gut stehen, wenn wir uns nicht nur um uns selbst kümmern, uns nicht nur auf unseren eigenen ach so brillanten Verstand verlassen würden, sondern auf das Leben um uns herum achten und von ihm lernen würden. So, wie es die Pflanzen tun.
Seelenverwandt
von Britta Redweik
Wenn sich zwei Lebewesen aneinander gewöhnen und sich gegenseitig brauchen, nennt man das Beziehung. Wenn zwei Lebewesen sich gegenseitig ergänzen und voneinander abhängig sind, nennt man das Symbiose. Wenn das eine Wesen von der Symbiose mehr hat, als das andere, wird’s allerdings schnell zur Parasitose.
Wir Menschen haben uns im Laufe der Evolution von anderen Lebewesen emanzipiert und entkoppelt, so dass wir immer mehr in dem Glauben leben, kein anderes Wesen zum Leben wirklich zu brauchen. Die Industrialisierung und Technologisierung der Gesellschaft führte zu mehr Wohlstand und dazu, dass wir uns allmählich sogar von Mitgliedern der eigenen Spezies entwöhnten und lernten, gänzlich allein klarzukommen.
Doch je widriger die Umstände, umso mehr benötigt man die Unterstützung und Zuwendung von anderen.
Britta Redweik erzählt in ihrer Kurzgeschichte mit viel Gefühl, dass auf dem kargen, eigentlich lebensfeindliche Mars die Zuwendung von Mensch zu Pflanze nicht nur durch Wässern und Düngen erfolgen kann und dass aus einer zugegebenermaßen etwas skurrilen Mensch-Apfelbaum-Beziehung eine echte Symbiose entsteht, die für das Leben auf dem roten Planeten sogar zum Gamechanger werden kann.
Das Gewächshaus im Rand der Realität
von Charline Winter
Jede_r benötigt einen Rückzugsort. Ein Ort zum Nachdenken, ein Ort zum Wohlfühlen, ein Ort, wo man so sein kann wie man ist, ohne beurteilt zu werden. Wir leben (noch) in dem Luxus, dass die Natue uns diese Orte zur Verfügung stellt, ohne dass wir uns dafür allzu sehr bemühen zu müssen. Wir haben nur die eine Aufgabe, diese Orte nicht zu zerstören.
Charline Winter nimmt uns mit in eine Welt, in der nichts mehr wie selbstverständlich einfach da ist. Alles muss mühsam (wieder-) hergestellt und unter erschwerten Bedingungen bewahrt werden. Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die Orte des Rückzugs virtueller Natur sind, und trotzdem ihre Funktion für uns ganz ordentlich erfüllen. Wir hätten es aber einfacher haben können.
Internet of Plants
von Fenja Harbke
Wenn man eine Leidenschaft für etwas entwickelt, kann man sicher sein, dass es andere gibt, die sie mit einem teilen, manche sie aber auch viel exzessiver betreiben. Qualitativ und quantitativ ist im Grunde ja alles steigerungsfähig. Die Digitalisierung hält schon heute zudem für alles und jede Lebenslage eine App bereit, die einem dabei helfen soll, jede Kleinigkeit zu optimieren. Ob man Sport macht, isst, trinkt, schläft, Termine plant, Notizen ordnet, Hobbys dokumentiert … für alles kann man eine App finden.
In einer zukünftigen Welt, in der das Internet of Things konsequent umgesetzt wurde, ist alles via KI vernetzt und von jedem Gegenstand ist sein Ort und Zustand abrufbar.
Fenja Harbke lässt ihre Protagonistin das Internet of Plants an ihren Pflanzen testen und probiert eher überredet, als freiwillig, ob sie ihre Liebe zu Pflanzen mit einem Gadget plus App „optimieren“ kann.
Doch schon bald erkennt sie, dass wahre Leidenschaft keiner Optimierung oder lückenloser Kontrolle bedarf. Stülpt man ihr derlei Effizientzsteigerung über, wird sie schnell zu stressbeladener Arbeit. Dabei lernt sie allerdings, was eine Leidenschaft vergrößern kann: sie mit anderen zu teilen.
Fürchtet uns, denn wir gebären Wälder
von Carina Zacharias
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Um Haarwurzelbreite
von Katrin Biasi
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Vergessen und Erinnern
von Saskia Dreßler
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Tagewerk
von Martina John
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Ribbeck
von Kiàn KoWananga
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Die Dalonie
von Johanna Brenne
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