Johanna Brenne: Problem 73 – Der Mond von Yazahaan (Teil 1)
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Im Grunde ist es doch etwas Gutes, wenn alle Menschen an einem gemeinsamen Ziel arbeiten … wenn alle ihren Teil beitragen, etwas Großes zu erreichen. Das hat etwas von Gemeinschaftsgefühl und Aufbruchstimmung und man wäre schön blöd, da nicht mitzulaufen.
Johanna Brennes erster Teil ‚Problem 73‘ der Dilogie ‚Der Mond von Yazahaan‘ erzählt von so einem gemeinsamen Ziel: Der (erneute) Flug zum Mond.
Dass sich die ganze Bevölkerung des Landes/Kontinents Yazahaan diesem ‚Großen Ziel‘ verschreibt, liegt in dem historischen Trauma begründet, das als die Große Katastrophe bezeichnet wird.
Eine ganze Generation wächst mit dem Glauben auf, dass die Bewältigung dieser Großen Katastrophe durch die Rettung einer sich bereits auf dem Mond befindenden Kolonie kompensiert werden könnte. Schließlich braucht eine Gesellschaft nach einer schweren Zeit auch wieder neue Ziele und etwas Hoffnung.
Nachdem der erste Versuch mit einer Rakete, die bezeichnenderweise ‚Hoffnung 1‘ hieß, katastrophal scheiterte, konzentrierte die Regierung von Yazahaan alle Ressourcen auf die Planung und den Bau einer neuen Rakete zum Mond. Aber irgendwie blieb es über viele, wirklich sehr viele Jahre bei dieser Planung und die gesellschaftlichen Strukturen fingen an, statt auf das Wohlergehen der Menschen und den Fortschritt als solches zu achten, sich mit dem Trauma der Vergangenheit, von den Menschen als ‚Ganz Früher‘ bezeichnet, zu verweben und allmählich wurde die Planung zum eigentlichen Ziel erklärt.
Casdan, ein talentierter Raketenforscher ist Teil des Systems hinter dem Mondflugprojekt und arbeitet an seinem ganz speziellen, kleinen Puzzleteil des großen Plans: dem Problem 73.
Dieses Problem ist die Achillesferse einer funktionstüchtigen Mondrakete und beschäftigt direkt oder indirekt im Grunde alle Mitarbeitenden des Raketenzentrums der Stadt Zereni.
Durch einen Sonderauftrag von seinem Vorgesetzten gerät Casdan in einen Strudel aus Informationen, Lügen und Manipulationen, die auf einer auf die Nachfahrenschaft eines Menschen namens Natjar gegründeten Aristokratie fußt, deren Vernetzung und Machtstrukturen ihm bisher eher unbekannt waren. Mit der Zeit muss er bemerken, dass vieles von dem, was er als Wahrheit kannte, immer mehr in Frage gestellt werden muss. Nichts scheint so zu sein, wie er und der Rest der Yazahaani es gelernt haben. Hat das Gedenken an die Große Katastrophe, die Mondkolonie und das Scheitern der ‚Hoffnung 1‘-Rakete zu einer Rückwärtsgewandtheit und zu hohlen Ritualen, gar zur gehaltlosen Stagnation einer ganzen Gesellschaft geführt?
So sehr auch der Flug zum Mond ein hehres Ziel zu sein scheint, so problematisch wird die Ausrichtung eines ganzen Staates auf dieses eine Ziel.
Auch abseits dieses Romans wurde historisch gesehen schon des Öfteren eine durch eine ganze Gesellschaft ziehende „Mission“ nur in der Theorie plausibel „realisiert“. Womöglich hat das etwas mit Skalierung, der unerschöpflichen Dummheit und maßlosen Gier der Menschen zu tun. Und zudem hat sich die goldene Regel „Was im Kleinen funktioniert, muss noch lange nicht im Großen gelingen“ schon ziemlich oft bewahrheitet.
Denn bei all der politisch gelenkten Ideologie, die von einzelnen Denkern oder/und Machtmenschen erdacht wurde, muss immer auch berücksichtigt werden, dass sich alles, wirklich alles, dieser statischen Agenda unterzuordnen hat … auch der freie Wille der/des Einzelnen. Und um das zu bewerkstelligen, dürfen eben nicht alle die Wahrheit kennen und ein gewisser Zwang muss zwangsläufig ausgeübt werden.
Dass dieses künstlich aufrecht gehaltene Konstrukt auf Dauer nicht wirklich gut gehen kann, kennen wir zur Genüge aus dem Geschichtsunterricht, Büchern, Filmen und Serien.
Mich persönlich erinnerte die von Johanna Brenne erzählte Welt sehr an die Zustände der ehemaligen DDR. Das Narrativ in Yazahaan ähnelt sozialistischer Propaganda und substanzlosen Kulissen aus billigem Papier. Die Staatsgründung begann zwar einst mit gut gemeinten Absichten, aber schon nach ein oder zwei Generationen wirkt Yazahaan wie die von der Außenwelt abgeschirmte Siedlung Covington im Film „The Village“ aus dem Jahr 2004 von M. Night Shyamalan, nur viel größer.
Casdan erkennt, dass das, was er für echt gehalten hat, nur Fassade, ein riesiges potemkinsches Dorf ist, hinter dem sich nichts Substanzielles verbirgt, außer ein Machtapparat, der nicht wirklich das Wohl der Menschen im Sinn hat.
Was von Johanna Brenne schon in den bewusst naiv klingenden Bezeichnungen ‚Die Große Katastrophe‘, ‚Ganz Früher‘, ‚Sektion Gelb, Blau, Rot‘ und ‚Das Große Ziel‘ angedeutet wird, erkennt Casdan nach und nach, dass die ganze Bevölkerung von Yazahaan mit leeren Versprechungen und Lügen in eine vermeintliche Sicherheit eingelullt und die Menschen für dumm verkauft werden. Er findet aber auch heraus, dass er nicht der Einzige ist, der Fragen stellt oder mit der Politik der Regierenden nicht einverstanden ist. Gemeinsam mit seinen Mitverschwörern versucht Casdan zum einen seine heißgeliebte Rakete zum Fliegen zu bringen, aber auch den Schleier der Naivität zu lüften, die seine Heimat erdrückt.
Johanna Brenne gelingt mit ‚Problem 73‘ der erste Teil einer unterhaltsam-spannenden dystopischen Utopie, die mit der sympathischen Hauptfigur und ihrer verschmitzt-witzigen Stimme im Kopf, uns an historische und gegenwärtige Machtgefüge erinnert, denen wir nicht blind folgen dürfen, sondern sie stets hinterfragen und manchmal auch bekämpfen müssen.



















