Swantje Niemann: Das Buch der Augen

Eine Jägerin von inneren und äußeren Dämonen wider Willen.

Der grandios geschriebene Roman ‚Das Buch der Augen‘ und bei Edition Roter Drache erschienene von Swantje Niemann ist kein klassischer Dämonenjagd-Roman, sollte es so etwas überhaupt geben. Sicher, bei der „Berufsbezeichnung“ Dämonenjägerin mag so manche/r an Buffy denken, aber Renia ist weit davon entfernt, dem Klischee einer klassischen, im Fall von Buffy, unfreiwillig komisch wirkenden, Coming-of-Age-Geschichte zu entsprechen. Vielmehr hatte ich beim Lesen angsteinflößende Assoziationen von Dean Koontz‘ Roman „Ort des Grauens“ („The Bad Place“) und „Strange Dreams“ („Come True“) von Anthony Scott Burns, die wie geschaffen für Alpträume sind.

Renia, gerade aus Schottland nach einem eher unfreiwillig abgebrochenem Studium nach Berlin zurückgekehrt, muss sich im wahrsten Sinne des Wortes, ihren Dämonen stellen. Eine offenbar in ihrer Familie verankerte Fähigkeit, lässt sie Dinge sehen und hören, die ihr nicht nur den Schlaf rauben, sondern sie beizeiten auch an ihrem Verstand zweifeln lässt. Nicht gerade üppig mit Selbstbewusstsein ausgestattet, gerät sie sowohl ohne ihr Zutun als auch durch ganz bewusste Entscheidungen in einen Kampf um Leben und Tod … über gleich drei Welten hinweg, die alle ihre eigenen Gefahren beherbergen.

Swantje Niemann erschafft in ihrem Roman innere und äußere Welten, mit inneren und äußeren Dämonen, die eine zerbrechlich-starke junge Frau mit Dingen konfrontiert, denen man lieber aus dem Weg gehen möchte. Dabei stellt die Sensibilität und Empathie der Protagonistin einerseits das Problem und andererseits auch die Lösung dar. Niemann lässt die/den Leser*in durch eloquente Sprache und spannendem Schreibstil an Renias Zerrissenheit und ihrem Verhältnis zum eigenen Körper und zur Außenwelt (eigentlich sind es ja drei) so sehr teilhaben, dass man für all ihre rationalen und irrationalen Entscheidungen Verständnis aufbringt bzw. aufbringen möchte. Gerade die inneren Dialoge und die Abwehr gegen die ihr scheinbar vorgegebenen Rollen in der von Menschen und der von Dämonen bevölkerten Welt(en), bis hin zur Ablehnung ihres eigenen Körpers, geben der/dem Leser*in Einblicke in eine ziemlich katastrophale und schier ausweglose Konstellation. Auch wenn man sich weder vom Geschlecht, noch vom Alter, noch vom sozialen Umfeld mit der Protagonistin zu vergleichen vermag, so schafft es Swantje Niemann, dass sich die/der Leser*in mit Renia identifizieren kann und dass man sich sogar mit den eigenen Ängsten und Sorgen zu verbinden vermag. Vielleicht erspäht man sogar in Ansätzen etwas von dem, was Menschen mit nicht somatisch bedingten Erkrankungen durchleben. Da dies aus berufenem Munde erzählt wird, weil die Autorin nach eigenen Aussagen Ähnliches durchlebt (hat), macht die Geschichte umso authentischer, auch wenn es sich hier eindeutig um Phantastik handelt. Dabei muss Niemanns Mut, sich den eigenen Dämonen in dieser öffentlichen Form zu stellen und ihrem Können, dies so spannend und mitreißend zu erzählen, höchster Respekt gezollt werden.

Gerade die Ahnung, dass es da etwas hinter unserer alltäglichen Wahrnehmung gibt, das nicht alle Menschen sehen oder spüren können, lässt die/den Leser*in mit einem ambivalenten Gefühl und vielen offenen Fragen, aber auch einem kleinen Lösungsansatz zurück. Vielleicht ist die Welt ja gar nicht so simpel, wie wir es uns einzureden versuchen? Vielleicht nehmen wir alle unsere Mitmenschen und die Welt(en) mehr oder weniger anders wahr? Vielleicht stehen wir mit Dingen in Verbindung, die wir nicht ignorieren, sondern sich ihnen stellen sollten? Und wenn eine junge, sensible und zerbrechliche Frau das kann, welche Ausrede habe ich dann?

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