QUEER*WELTEN 08-2022

Inhalt:

Kommentar zum Band:

Es freut mich sehr, dass der Band 08/2022 von Queer*Welten sich dem Begriff “unaufgeregt” in der Form gewidmet hat, alles andere, bloß nicht das zu sein. Um auf die Bedürfnisse, Sorgen, Ängste, Wünsche und Erfahrungen von marginalisierten Menschen aufmerksam zu machen, gehört es, wie von den drei Herausgeberinnen so schön im Vorwort geschildert, wesentlich mehr dazu, als Randcharaktere in Geschichten, gleichgültig ob kurz oder lang, mit von Marginalisierung betroffenen Eigenschaften oder Wesenszügen zu schmücken. Die Marginalisierung von Menschen muss deutlich ausfallen, so deutlich, dass sie dem/der ein oder anderen womöglich als zu laut erscheinen möge. Aber zu laut gibt es bei diesem speziellen Anlass überhaupt nicht. Es kann im Grunde gar nicht laut genug sein.

Doch die Thematisierung einer Marginalisierung als “zu laut” zu bezeichnen ist, wie ich finde, gleichzeitig auch ein Symptom des Problems. Ich wage mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass exakt diejenigen, die es als “zu laut” betrachten, Hauptcharaktere mit ihrer lebenslangen Erfahrung an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, zum zentralen Thema einer Geschichte zu machen, diejenigen sind, die passiv oder aktiv zu ihrer Marginalisierung beitragen. Wenn diese echauffierten Menschen es lieber hätten, man solle sich doch bitte “unaufgeregt” auf das Erzählen von guten Geschichten beschränken, wird es nur überdeutlich, dass hier an etwas gekratzt wurde, bei dem schon lange der Lack ab ist: nämlich das Bild einer binären Welt von Mann und Frau, von männlich und weiblich, von starkem und schwachem Geschlecht von normal und “nicht normal”. Man könnte nun im Angesicht der immer wieder “das Andere” blockierenden Traditionalist*innen im Strahl kotzen oder aber … laut werden. Wobei “laut” eine, wie ich finde, relative Präposition ist, die vor allem den deutlich wahrnehmbaren Unterschied zum Status Quo wiedergibt. Ein heftiger Nieser im Lesesaal einer Bibliothek und einer mitten im Pogo tanzenden Pulk auf einem Open Air-Festival wird als durchaus unterschiedlich laut empfunden. Wenn also so etwas wie das Ans-Licht-bringen von marginalisierten Menschen als laut oder zu laut empfunden wird, haben die Autor*innen und Herausgeber*innen alles richtig gemacht.

Buchreihen wie Queer*Welten mögen zwar Menschen, die sich der LGBTQIA*-Community zugehörig fühlen oder/und auf sie aufmerksam machen wollen, Möglichkeiten bieten, Geschichten über queere Menschen zu erzählen, was sie aber eigentlich tun ist, Gedanken über vergangene und gegenwärtige Gesellschaften zu erzeugen, die queere Menschen ausgrenzen, verfolgen, bestrafen oder vernichten. Folgt man den marginalisierten Charakteren auf ihren steinigen Wegen, erfährt man so viel mehr über die breite, oft ignorante, manchmal willentlich marginalisierende Masse, als über die Protagonist*innen der Erzählungen selbst. Und das, was man dabei erfährt, gibt einem zu denken, macht traurig oder schockiert.

Also: Wer die Geschichten in Queer*Welten als zu laut bezeichnen sollte, möge sich fragen, was in deren bisheriger Welt so alles falsch lief.

Zum Aufbau der Ausgabe 08/2022:

Die drei Herausgeberinnen Judith Vogt, Lena Richter und Heike Knopp-Sullivan haben sich entschieden, die veröffentlichten Kurzgeschichten mit Einsprengseln abzuwechseln. Hierbei handelt es sich um 100-Wort-Geschichten, die genau das sind: Geschichten aus 100 Wörtern. Eine Kurzgeschichte gut zu schreiben ist schon schwer genug, aber eine Geschichte mit 100 Wörtern zu erzählen … chapeau. Neben diesen beiden Textsorten versteckt sich aber noch mehr, nämlich ein Gedicht sowie ein Essay.

Als besonders gelungen empfinde ich die Struktur des Bandes, weil es mir bei Anthologien oft schwer fällt, mich ohne längere Pause von einer Kurzgeschichte zur nächsten zu wagen. Da wird man als ahnungslose*r Leser*in innerhalb kürzester Zeit in eine Handlung gezogen, mit neuen Charakteren konfrontiert nur um dann am Ende … wenn’s gut läuft … berührt, überrascht oder geschockt aus dem literarischen Kinosaal geworfen zu werden. Gelang der/dem Autor*in die Immersion, fällt es zumindest mir nicht immer leicht, einfach zur nächsten Geschichte zu springen, ohne dass Eindrücke und Fragen der gerade beendeten Handlung im Geiste nachhallen und unglücklicherweise von der neuen ablenken.

Umso erfrischender ist die Methode, den Prozess des Nachsinnens durch die hier dargebotenen 100-Wort-Geschichten so dermaßen abrupt zu unterbrechen, dass man an ein Remake der ALS Ice Bucket Challenge von 2014 glauben könnte. Schockartig abgekühlt kann man so die eine Kurzgeschichte hinter sich lassen und sich unbeeinflusst der nächsten widmen. Die Herausgeberinnen sollten sich dieses Verfahren patentieren lassen, sofern es in der Literaturgeschichte hierfür nicht schon Vorläufer gibt … gerne Hinweise an mich.

… dass die ein oder andere 100-Wort-Geschichte den Einzug ins Inhaltsverzeichnis nicht schaffte, kann hierbei einfach mal übergangen werden 😉 … und wird dadurch kompensiert, dass das Papier des Bandes … zumindest meine Ausgabe … angenehm harzig duftet 🙂

Kurzeindrücke der einzelnen Texte:

Ritorna Vincitor
von Carolin Lüders

Interessante und clevere Systematik von Hexenmagie, die unmittelbar über Vor- und Nachteile der jeweiligen Methode und damit über ihre Unzulänglichkeit und Gefahren nachdenken lässt. Ein scheinbar ungleiches Paar trifft in der etablierten Tradition eines “(k)alten Hexenkrieges” aufeinander. Schon nach wenigen Zeilen wird eine spannungsgeladene Atmosphäre erzeugt, in der ein Showdown vorprogrammiert zu sein scheint. Inspirierende Blickwinkel auf verschiedene Ebenen von Magie und auch auf das, was vermeintlich keine Magie ist.

Der Zustand der Welt
von Aiki Mira

Spannende Science-Fiction-Geschichte in der die Perspektiven gleich mehrfach wechseln und man sich, nachdem man in eine temporeiche Szene geworfen wurde, fragt, was KI, was Mensch ist und worin der Unterschied besteht. Extremismus und Dekadenz bilden den Rahmen eines rasanten Lernprozesses der Charaktere.

Ein Regenbogen aus Gold
von Linda-Julie Geiger

In einer herrlich überbordend bunten, wilden Magiewelt, in der Farbe mehr als nur Farbe ist, sind Menschen nur eine lästige Randerscheinung. Schön, wie das Neben-/Gegeneinander zu einem harmoniesuchenden Miteinander wird. Ich bin mir fast sicher, dass die Autorin versucht hat, ihren Text beim Verlag in Nicht-Schwarz drucken zu lassen 😉

Hinter den Sternen
von Sonja Lemke

Tolle Science-Fiction-Geschichte, in der Depression, Fürsorge, Liebe, Angst, Verfolgung, Flucht, Selbstlosigkeit und Sehnsucht in kürzester Zeit aufeinandertreffen. Vielleicht überinterpretiere ich das Setting, aber mir erscheinen die Metaphorik von Derada-5/Linda und Raumstation/Pia sehr plausibel.

Sonnenaufgang, Sonnenaufgang, Sonnenaufgang
von Lauren Ring, übersetzt von Tobias Eberhard

Spannende Mischung aus Logbuch und Dialog in einer Science-Fiction-Variante von “Und täglich grüßt das Murmeltier” in zweiter Potenz. Intelligent gemachte Weltall-Touristenfalle mal völlig anders.

What is dead may never die – Über Toxische Nostalgie
von Christian Vogt (Essay)

Der Essay von Christian Vogt spricht einen Aspekt an, der durchaus für alle Innovationen gilt, die mit Traditionen konkurrieren müssen. Gerade die Kritik an Neuverfilmungen im Kontext einer traditionellen Community wie z.B. bei Star Trek oder Star Wars, Marvel oder Mittelerde macht es sehr schwer, neue Impulse in alte Stoffe zu bringen. Es ist weit verbreitet, Neues gerne schnell als kanonfremd abzuwatschen oder gar vernichtend zu bekämpfen. Subjektiv geschieht dies heftiger und reflexartiger in von weißen, alten (aber auch jungen) Männern dominierten Communities. Sogar jenseits der Populärkultur in der Wikipedia wurden und werden derlei Grabenkämpfe geführt, wenn es z.B. lediglich um Genderfragen geht.

Ich stimme Christian Vogt voll und ganz zu, dass diese Trends sowohl den Film- wie auch den Buchmarkt dominieren und bedauerlicherweise eine Verengung des Horizonts wie auch eine Fokussierung auf ungesundes Gedankengut unterstützen. Man mag es als bloße Unterhaltungskultur klein reden, aber die hier vor allem über die visuellen Medien Film und Serie ins kollektive Gedächtnis eingebrannten Narrative beeinflussen uns unser ganzes Leben und wie Christian Vogt so schön dargelegt hat, sind für unsere Gefühle und unser soziales Verhalten mitverantwortlich.
Auch hier gilt, dass das, was nicht in unseren Erfahrungsschatz, in unser Weltbild passt, gnadenlos ignoriert oder ausgesiebt wird. Ob es Nachrichten oder wissenschaftliche Fakten sind, Filme, Serien oder Literatur, was unseren Einstellungen und Erfahrungen widerspricht, wird, wie wir gerade in den letzten Jahren schmerzhaft erfahren mussten, mit aller zur Verfügung stehenden Härte bekämpft.

Christian Vogt beschreibt dies mit dem Begriff der “Toxischen Nostalgie”, die es zu durchbrechen gilt. Zwar stimme ich ihm bei dem Vergleich des Remakes ‘Ghostbusters’ von 2016 und der Fortsetzung ‘Ghostbusters: Legacy’ von 2021 nicht gänzlich zu, wenn er die Ablehnung des 2016er Streifens hauptsächlich auf den weiblichen Cast bezieht, denn für mich persönlich floppte der Film, weil er lieblos gemacht und völlig humorfrei war. Die weibliche Hauptbesetzung war für meine Bewertung hierbei völlig irrelevant. Bei dieser Produktion bin ich sogar fast gewillt zu vermuten, dass dieses Remake absichtlich gegen die Wand gefahren wurde, um nicht-männlich dominierten Filmen zukünftig die Finanzierung zu erschweren. Aber das mag womöglich zu sehr nach Verschwörungsmythen klingen.

Dass es auch tolle und wie ich finde sehr progressive Remakes gibt, zeigt die norwegische Neuverfilmung von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel von 2021. Auch hier wurde viel Kritik im Sinne der von Christian Vogt beschriebenen toxischen Nostalgie laut. Dennoch glänzt der Film, entgegen der Lamenti der ewig Gestrigen, meiner Meinung nach mit grandiosen zeitgemäßen und progressiven Veränderungen in Cast und Handlung, ohne den Kern der Geschichte zu verändern.

Es ist im Grunde völlig widersinnig, alte Stoffe in immer der gleichen Art und Weise wiederzukäuen. Das nutzt zwar den großen Medienkonzernen, schadet aber unserer Kultur und Weiterentwicklung.
Mündlich tradierte Geschichten veränderten sich von jeher von Generation zu Generation, wurden sowohl dem Publikum wie auch der Lebensweise mal absichtlich mal aus Versehen immer und immer wieder angepasst. Erst die schriftliche Fixierung brachte neben den offensichtlichen Vorteilen exakter Tradierung auch eine neue, weniger flexible Art des Erzählens in das Leben der Menschen. Die uns über (bewegte) Bilder erzählten Geschichten liefern hier womöglich noch eine weitere Steigerung dieser Zementierung von Stoffen. Was nicht exakt so aussieht, wie es uns zuerst erzählt wurde, wird kritisch beäugt oder abgelehnt. Bis ins kleinste Detail werden visuelle Elemente in Remakes, Sequels und Prequels auseinander genommen und den Drehbuchautor_innen um die Ohren gehauen bzw. mit negativem Konsumverhalten boykottiert.

Natürlich verbirgt sich hinter dem endlosen Perpetuieren populärer Mainstream-Kultur der schnöde Mammon. Umso wichtiger ist es, dass denjenigen Kreativen Mut gemacht wird, die vorrangig keinem Profitstreben unterliegen, wenngleich eine adäquate finanzielle Anerkennung ihres Schaffens willkommen und auch existentiell erforderlich ist, unbekannte und unbequeme Wahrheiten an die Öffentlichkeit zu bringen, in das Narrativ einzuspeisen. Auch wenn Genregrenzen meist mehr hinderlich als hilfreich sind, empfinde ich es als sehr wohltuend, dass das Genre der Progressiven Phantastik hier eine Lanze für diejenigen bricht, die sich bisher nicht getraut haben, deren Schere im Kopf sie davon abgehalten oder deren Umfeld sie daran gehindert hat, ihre Geschichten am Rande der Gesellschaft zu erzählen.
Ich bin zuversichtlich, dass die marginalisierten Gruppen allmählich über immer häufiger gelesene und geschaute Geschichten immer mehr Gehör finden werden. Erste Anzeichen, dass sich die Mühe bereits auszahlt, sind auch in Blockbuster-Filmen und Bestseller-Romanen vorsichtige Einsprengsel von Diversität und auch Elemente einer Progressiven Phantastik. Zwar noch in Form von, ich möchte es mal “progressive washing” nennen, aber das ist schon mal ein erster Schritt.
Das kann natürlich nicht das Ende der Bewegung sein, sondern es ist ein Anfang. Und wenn immer mehr mutige Autor_innen ihre Geschichten immer häufiger verbreiten, kann sich vielleicht am Ende sogar das soziale Verhalten der Gesellschaft verändern.

to be continued …

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