Melanie Vogltanz: Weißer Wolf
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Unsterblich zu sein, erscheint einem auf den ersten Blick ziemlich verlockend. Schließlich hat man unendlich viel Zeit zu lernen, zu genießen, zu lieben, zu erschaffen … zu leben.
Doch, was als unglaublich wertvolles Geschenk erscheinen mag, hat naturgemäß auch einen hohen Preis und vor allem eine ebenso unglaublich grauenhafte Kehrseite.
Der erste Teil der Wolfswille-Trilogie von Melanie Vogltanz wirft die Lesenden in eine zuerst urtümlich animalische Welt im ewigen Eis. Dort, wo kein Leben gedeiht und die Welt stillsteht, hat sich das unsterbliche Wolfswesen, der Hemykin Alfio, in ein vermeintlich sicheres Exil begeben, um die blutigen Konsequenzen seiner unkontrollierbaren und tödlichen Wolfsseite so verträglich wie möglich zu halten.
Doch für jemanden, der ewig lebt, ist alles mehr oder weniger vergänglich. So auch die eisige Isolation und Alfio findet gemäß den seiner Natur gesetzten Grenzen Anschluss an menschliche Gesellschaft im London des späten 19. Jahrhunderts. Doch so sehr er scheinbar Menschen in seiner Nähe wissen möchte, so sehr ist er sich der Gefahr bewusst, die er für jede und jeden, die/der ihm nahe kommt, darstellt.
Mit der Zeit muss er erkennen, dass er nicht die einzige Bestie in der englischen Hauptstadt und nicht jede Bestie zwangsläufig ein unsterbliches Wesen ist. Denn auch wenn Alfio dafür kämpft, seiner menschlichen Seite die Kontrolle über sein gespaltenes Wesen gewinnen zu lassen, so deutlich wird er mit der bestialischen Seite von Menschen konfrontiert.
Ein unglaublich spannend geschriebener Roman über einen Antihelden der besonderen Art, interessanten Exkursen zu fremden Kulturen und Epochen, intelligenten Verwebungen historischer Fakten mit phantastischen werwolfesken und vampiresken Aspekten, Selbstzweifel, Loyalität, Freundschaft, Sehnsucht, Mitgefühl, Wahnsinn und einem heftig-fulminanten mehrstufigen Crescendo am Ende des Bandes.
Sehr beruhigend, dass es nur das Ende des ersten Teils ist …
Nach der traumatischen Zeit in London beginnt der zwischen Wolfswesen und Mensch zerrissene Alfio ein neues Leben weit entfernt in New Orleans. Doch der Neuanfang will nicht so wirklich gelingen und er schafft es nicht, sich ein neues Zuhause aufzubauen. Die Geister aus der Vergangenheit lassen ihm keine Ruhe.
Seinen Lebensunterhalt verdient er sich über viele Jahre hinweg als Kämpfer bei illegalen Untergrundveranstaltungen, die ein Sterblicher namens Esteban organisiert, der langsam zu so etwas wie einem Freund wird. Dem Einzelgänger Alfio bietet New Orleans das notwendige Chaos, um wenig aufzufallen und das sumpfige Umland, die Wildheit, um seinem Wolf das notwendige Jagdrevier. Doch genau diese Wildheit der Landschaft und um sich greifender Rassismus gegen die schwarze Bevölkerung, deren Kultur vom Voodoo geprägt ist, verschafft Alfio Vertraute und Gegner, die völlig unerwartet in sein Leben treten und auch nach eben jenem trachten. Nach einem Aufenthalt im Sumpf ist er überraschenderweise verletzt und heilt nicht vollständig. Etwas scheint anders zu sein, als all die Jahrhunderte zuvor, doch er findet die Ursache dieses Zustands nicht. Mehr und mehr verliert er die Kontrolle über sein Leben und ist zum ersten Mal in all der Zeit auf die Hilfe von Menschen angewiesen, deren Vertrauen er nicht zu verdienen glaubt.
Der zweite Band der Weißer Wolf-Reihe ist geprägt von Alfios Überlebenskampf und der Suche nach Gründen für seine Existenz und seiner Nemesis. Dummerweise stellt sich heraus, dass gleich mehrere diese sein Leben zeitgleich bedrohende Rolle einnehmen, von denen vielleicht er selbst der tödlichste Vertreter ist. Kann er den Kampf gegen sich und diejenigen, die nach Rache und seinem Tod trachten, gewinnen?
Eine grandiose und völlig anders gestaltete Fortsetzung von Wolfswille, die extrem spannend und tiefgehend den zerrissenen Antihelden auf seiner unsteten und gefährlichen Reise begleitet … tief in die Sümpfe, tief unter Wasser und tief in das Herz des Wolfes.



















