phantastisch! – Stories

Das Heft 100 der Zeitschrift phantastisch! auf einem Holztisch

Nach dem Schattenfall
von Michael Marrak, phantastisch!, Heft 100

Flux.2 Prompt: A vast monolithic tall building dominates a desolate futuristic metropolis, its surface dark, flawless and perfectly smooth, rising like an obsidian slab into a bleak sky. The facade is almost featureless except for a single, precisely centered window made of black reflective glass, absorbing nearly all light. In front of the structure stretches a wide ceremonial staircase with exactly nine broad steps leading up to the entrance. The ground floor is wrapped in a colonnade of tall pillars. Embedded within this disturbing lower level are two massive doors, imposing and industrial, serving as the only visible access points into the building. Two long, orderly rows of dejected women and men in bleak, colorless clothing walking up to the doors, you only see people's backs, suggesting submission and hopeless routine. The atmosphere is dark, oppressive and dystopian, with cold, muted colors, harsh artificial lighting, overcast skies and subtle fog, evoking a mood of inescapable control and existential despair, ultra-detailed, style of graphic novel, high contrast, wide-angle shot.
[Image source: genAI, Flux.2]

„Gedankenernte“ … ein beängstigendes Wort … und genauso ist es auch gemeint.
In einer dystopischen post-apokalyptischen Welt herrschen Regenten und/oder Schattenwesen, die sich in der „Bank“ mit Kollektoren die Gedanken der Menschen „spenden“ lassen. Aber im Grunde ist es nichts anderes als eine hochtechnologische Form von Gehirnwäsche, bei der die Menschen Erinnerungen und Gedanken entzogen bekommen. K-1 erzählt seine düster-traurige Geschichte, in der Ahnung, dass er sich schon bald nicht mehr daran erinnern kann.

Eine sehr dystopische, dunkle und hoffnungslose Welt, in die uns Michael Marrak da mitnimmt. Im Laufe der Erzählung wird die jüngere Geschichte der Stadt bzw. des Planeten erzählt, in der alles unter dem Joch der Schatten vor sich hin vegetiert. Marrak legt sehr großen Wert auf ausführliche und exakte Beschreibung der Szenerie, was beizeiten dazu geführt hat, dass ich abdriftete … allerdings in eine sehr trostlose Gedankenwelt, was durchaus perfiderweise im Sinne des Autors gewesen sein könnte 😉

Das Dschinn-Desaster
von Christian Endres, phantastisch!, Heft 100

[Image source: genAI, Flux.2]

Wir können es einfach nicht sein lassen. Wenn wir etwas nicht haben, setzen wir alles daran, es zu bekommen. Wenn wir etwas Erstrebenswertes haben, wollen wir immer mehr davon. Irgendwie scheint es beinahe ein vielversprechender Anwärter auf einen virtuellen (im wörtlichen Sinn) vierten Hauptsatz der Thermodynamik zu sein, das alles, was einem Freude bereitet, immer schrecklich mühsam zu erreichen ist, jede Menge Ressourcen kostet und immer viel zu viel Zeit braucht, bis es da ist.
Aus diesen Gründen erschuf der Mensch in der arabischen Mythologie den Dschinn. Der konnte nämlich all die Mühe und notwendige Zeit umgehen und der- oder demjenigen, die/der ihn aus seinem engen Gefängnis befreite, mindestens drei Wünsche gewähren.
Doch so erstrebenswert dieses magische Erfüllungswesen für uns faule und gierige Menschen auch sein mag, macht ihre Existenz dummerweise nur dann Sinn, wenn sie sehr selten sind.

Christian Endres erzählt in seiner nach orientalischen Gerüchen duftenden Parabel von der epischen Katastrophe, als viele, ja nahezu alle Menschen einen Dschinn ihr Eigen nennen konnten, was sie das kostete, wie unglücklich alle wurden und beinahe endgültig zugrunde gingen.
Und wie es so oft bei derlei neo-mythologischen Geschichten ist, steckt auch in ihr viel Wahrheit. Denn auch wir neuzeitliche Vertreter_innen des homo avarus glauben mit dem ubiquitären Einsatz omnipotenter Informationstechnologie alle Probleme unseres Daseins lösen zu können, und erschaffen doch nur viel größere Probleme, Langeweile und unseren ganz eigenen (AGI-)Ifrit.
Leider befürchte ich, dass im Gegensatz zu den Menschen in Endres‘ unterhaltsamer und nachdenklich stimmender Kurzgeschichte, bei unserem Pech keine 13 Zauberer auftauchen, die uns vor uns selbst retten werden.

Die Kunst des Schlenderns
von Volker Dornemann

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Es ist viel einfacher für autoritäre Regime, wenn die Bevölkerung unter Kontrolle gebracht werden kann. Das geschieht auf vielfältige Weise und ab einem gewissen Level sogar ziemlich unbemerkt. Ein paar der Schlüsselelemente für die „gelungene“ Kontrolle einer ganzen Gesellschaft sind die Abschaffung einer freien Presse, Ausbau von Überwachungstechnologien, Übernahme der Exekutiven, Judikativen und Legislativen, Gleichschaltung der Bildung und als kleines Goodie, die pharmazeutische Vernebelung derjenigen Gehirnareale, die einem das Nachdenken, Kritisieren und Hoffen ermöglichen.
Selbstständig aus diesem Strudel herauszukommen ist keineswegs trivial und nahezu unmöglich.

Volker Dornemann erzählt in seiner Kurzgeschichte von Hermann Wellmill, einem desillusionierten, psychisch kranken Mann, der lediglich ein kleines Rädchen in einer dystopischen Zukunft ist und ausgerechnet durch den simplen therapeutischen Ratschlag einer SimDoc-KI über ein triviales Buch auf die futuristische Variante der yellow brick road, einem verwaisten Gehweg, dazu verleitet wird, ausgetretene (Denk-)Pfade zu beschreiten.
Doch derlei ungewöhnliche Normabweichungen bleiben in einer nahezu vollständig überwachten Megacity nicht unbemerkt und Hermann muss die Konsequenzen schmerzlich am eigenen Leib erfahren.

Eine spannende und nachdenklich stimmende Geschichte, in der es keiner roten Pille bedarf, sondern ein einfaches Buch ausreichen kann, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Reflektionen
von Stefan Pannor

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Was wäre aus unserem Leben geworden, hätten wir die eine oder andere Entscheidung anders getroffen? Wie wären wir geworden? Was hätten wir erlebt? Wem wären wir begegnet? Wahrscheinlich hat sich das schon jede_r mal gefragt und sich parallele Lebenswege vorgestellt oder sich dieses Wissen herbeigewünscht. Aber mehr als die Vorstellung davon bleibt uns nicht, denn das Rad zurückdrehen, können wir (bislang) nicht. Es wäre aber schon mal interessant, mit eigenen Augen zu betrachten, wie wir in alternativen Universen aussehen würden, oder?

Das klingt alles harmlosen und leicht sinnfreien, multiversalen Sehnsucht … hätte, hätte, Fahrradkette … die uns nicht wirklich weiterbringen. Aber wozu haben wir die Phantastik 😉

Dass es nämlich auch weniger spaßig ablaufen kann, zeigt uns Stefan Pannor in seiner beunruhigenden Kurzgeschichte mit einer leicht alptraumhaften Variation. Sein Protagonist hat tatsächlich die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Altersphasen alternativer Paralleluniversen zu betrachten. Das Alptraumhafte daran ist allerdings, dass ihm sein alter ego jedes Mal begegnet, wenn er in eine spiegelnde Fläche schaut und er nur noch sich selbst in seiner eigenen Realität zu seiner eigenen Zeit sieht, wenn er sich via Kamera aufzeichnet. Während andere diese alternativen Reflektionen von ihm nicht sehen können, muss Pannors Protagonist mit der Unsicherheit leben, ob das, was er da sieht, real oder nur eine ganz besondere Form einer psychischen Erkrankung ist. Es gehört nicht viel dazu, zu vermuten, dass daraus eine ziemlich extravagante Identitätskrise resp. Psychose erwachsen muss, die man sich nicht wirklich herbeisehnt.

Titel
von NN