Wer der Vorstellung verfallen ist, dass uns nach dem Ableben ein wohlgeordnetes Jenseits mit Belohnungen oder Bestrafungen erwartet, das je nach religiöser Ausrichtung angenehm temperiert oder ziemlich überheizt ist, wird von Maximilian Wusts Kurzgeschichte ziemlich überrascht bis leicht irritiert sein. Dass der Tod mal einen Fehler macht, ist in so mancher Geschichte schon einmal vorgekommen und sorgt meistens für ein spürbares Beben im Raum-Zeit-Gefüge. Aber, dass jemand/etwas diesen Fehler absichtlich herbeigeführt hat, ist dann schon seltener. Auch wenn dieser ‚Faux-pas‘ für die Protagonistin Yolanda alles andere als eine Lappalie ist, ist es noch viel dramatischer, dass nichts, also so gar nichts auf der „anderen Seite“ so ist, wie sie sich das vorgestellt bzw. auf der Seite der Lebenden bekannt ist. Wie das eben so unter einem Sofa ist … etwas schmuddelig, chaotisch und überraschend.
Ein ausgesprochen wilder Ritt durch eine skurrile jenseitige Welt, die Erinnerungen an Terry Pratchett und Douglas Adams wachrief.
Die Farbe der Zukunft
von C. Greene
[Image source: genAI, Byte Plus Seedream 5.0 Pro]
Zeit ist Geld. In unserer technologisierten, durchgetakteten ökonomisierten Welt, schon längst nicht mehr nur ein spießiger Kalenderspruch, sondern Lebensmotto vieler Menschen.
C. Greene nimmt dieses Motto in ihrer Kurzgeschichte wörtlich und lässt ihre Protagonist_innen in einer Zukunft leben, in der die eigene Lebenszeit als Ware und Währung dient. Doch wo ein Markt ist, ist auch ein Schwarzmarkt und Möglichkeiten, nicht ganz so legale Geschäfte zu tätigen. Doch wer verzweifelt ist und dem Tod ins Auge blickt, fragt selten nach Gesetzestreue und ist bereit, hohe Risiken einzugehen. Doch eine_r muss immer bezahlen.
Die Zeit ist nicht erst seit Einstein relativ. Jede_r weiß, dass manche Minuten länger und manche kürzer sind. Einige Momente in unserem Leben fühlen sich sogar an, wie die Ewigkeit.
Auf der Suche nach der Möglichkeit, für seine kranken Bruder Noah lebensverlängernde Zeit zu ergattern, begegnet Cassian einem mysteriösen Zeitlosen. Was zuerst eine Art einmaliger sachlich-geschäftlicher Termin ist, bei dem er Zeit „kaufen“ möchte, wird zu regelmäßigen, sehr emotionalen Auszeiten (im wahrsten Sinne des Wortes). Dabei erfahren der Zeitlose und der Zeitbedürftige etwas, was nur dann entsteht, wenn man gemeinsam Zeit miteinander verbringt und unbezahlbar ist. Eine sehr gefühlvolle Kurzgeschichte, in der deutlich wiird, dass Zeit besonders wertvoll ist, wenn sie gemeinsam „verbraucht“ wird.
Das Geheimnis des Chablis-Käses
von Erik Hauser
[Image source: genAI, Byte Plus Seedream 5.0 Pro]
Eine alptraumhaft surreale Geschichte über ein Paar, dessen Leben eigentlich stillsteht und jede/r nur noch genervt neben der/dem anderen herlebt. Plötzlich werden ihre Lebensjahre wieder wertvoll, weil ein diabolischer Quiz-Moderator sie in seine TV-Quiz-Show zieht und Zeit statt Geld als Gewinn anbietet. Doch was für den einen ein fantastischer Gewinn ist, kann für den anderen ein desaströser Verlust sein. Allein die Aussicht, jünger sein zu können, weckt in den Quiz-Kandidaten allerdings die hässlichsten Charakterzüge. Und was zuvor eine alltägliche kleine Gemeinheit war, wird schnell zur geriatrischen Katastrophe.
Merke: Es ist nicht wichtig, wieder jung sein zu können, sondern die Zeit, die man hat, miteinander mit Sinn und in Liebe zu nutzen.
Block L hat Priorität
von Beatrice Sonntag
[Image source: genAI, Nano Banana 2.1]
Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass, solange Geld die oberste Priorität in unserer Gesellschaft ist, werden diejenigen, die am meisten davon haben immer am meisten davon profitieren und diejenigen, die wenig davon haben am meisten verlieren. Da mit allem gehandelt werden kann und alles verkauft werden kann … zumindest, wenn es materiellen Ursprungs ist, kann man es sich an einer Hand abzählen, was passiert, wenn eines Tages abstrakte Güter, wie z.B. die Zeit als solche zur Ware wird. Beatrice Sonntag erzählt in ihrer Kurzgeschichte, wie sehr der Handel mit der Zeit von der Gier nach Geld und Einfluss korrumpiert wäre, wer die Gewinner und wer die Verlierer sein würden und wie es doch noch etwas geben könnte, dass mit Geld nicht zu kaufen ist.
Ränkespiele und Blockaden
von Andreas Flögel
[Image source: genAI, Nano Banana 2]
Im Stil einer Philip Marlowe-Geschichte erzählt Andreas Flögel die Geschichte der jungen Frau, Lena Müller-Kessler, die eigentlich nur verzweifelt Hilfe für ihre Freundin sucht, die in dubiose Machenschaften eines Zeithändlers geraten ist und von diesem übelst betrogen wurde. Doch der, bei dem sie Hilfe sucht, ist nicht einfach nur ein abgehalfteter Problemlöser, sondern jemand, der früher viel mit Magie zu tun hatte und einer der ganz Großen war, Theodor Kanlaufer. Schnell erkennt er, dass der Magische Rat seine Finger im Spiel hat und Lena in wesentlich mehr verstrickt scheint, als ihr bewusst ist und beginnt die Puzzleteile Stück für Stück zusammenzufügen. Eine spannend erzählte Kurzgeschichte, die in sehr kurzer Zeit einen komplexen Weltenbau durchblicken lässt und eine Riesen-Verschwörung obendrauf setzt.