Macht Fußball einsam?

Gleich zu Beginn:
Ich bin kein (!) Experte, was Fußball angeht … PUNKT!

Aber zuletzt wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob die sozialen Medien das Zuschauverhalten bei der Fußball-WM verändern? Ob es neue Wechselwirkungen zwischen dem Zuschauen und Social-Media-Aktivitäten geben könnte? Ob man in Zukunft vielleicht auf reale Public-Viewing-Events verzichten wird, da man die Spiele von überall verfolgen kann? Ob die Partizipation über soziale Plattformen das Rezeptionsverhalten des Fußball-Fans verändern wird?

Nun, da es sich bei der Fußball-WM zweifelsohne um ein Massenphänomen handelt und man diese wegen ihrer potentiellen Wirksamkeit immer besonders kritsch betrachten muss, machte ich mir ein paar resümierende Gedanken dazu:

Fußball und insbesondere eine WM funktionieren fast nur in der Gemeinschaft. Ob diese Gemeinschaft real oder virtuell ist, ist eher zweitrangig und ihre Attraktivität abhängig von den Rezeptions- und Partizipationsvorlieben der Fans. Fußball alleine zu schauen und ihn für sich zu behalten macht wenig Sinn, noch weniger Spaß und klingt irgendwie sehr traurig.

Die Realisierung von realen Gruppen- oder Massenphänomenen in einer IT-gestützten Plattform ist bislang immer unvollständig und weniger vom gleichzeitigen Erleben von Emotionen und Reaktionen als von linear rezipierbaren Medienformaten bestimmt, die lediglich dazu geeignet sind, den Rezipienten zu informieren oder eine wie auch immer geartete Teilnahme am Geschehen zu suggerieren.

Das umfassende Erleben eines Fußballspiels erfordert entweder die Anwesenheit des Zuschauers im Bad der restlichen Zuschauermenge im Stadion oder ein durch Technik unterstütztes Mediendispositiv, bei dem technische und menschliche Parameter in einer Weise zusammenspielen, dass der Rezipient nicht darüber nachdenkt, nicht im Stadion zu sein, sich also in einer hochimmersiven Fußballspielumgebung befindet.

Allein, tippend und wischend vor einem mobilen Endgerät ist ein derart immersiver Zustand (noch!) nicht herbeiführbar.
Nichtsdestotrotz ermöglichen schnelle Internetverbindungen und Displays von Smartphones und Tablets mit hoher Auflösung wesentlich einfacheren, luxuriösen und ubiquitären Zugang zu synchronen und asynchronen Medieninformationen, die fast jeden Fan zu einem Fußballexperten machen können. Zum ’normalen‘ TV parallel aufgestellte Displays mit gestreamten Trainer-Cams können durchaus bereichernd sein, wenngleich sie meist zeitversetzt senden.

Wo früher nur das Fernsehen und Radio synchron und Printmedien asynchron informieren konnten (man denke nur ein paar Jahre zurück, als der Urlaub im Ausland für den Fußball-Fan und seine unmittelbare Umgebung eine mittelschwere Katastrophe darstellte und sofern man nicht über einen Weltempfänger verfügte auf schwer zugängliche und veraltete Zeitungen angewiesen war), offerieren heute zahlreiche Internetquellen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und variierender Informationstiefe derlei viel Material, dass man sich optimal für das reale Zuschauererlebnis vorbereitet fühlt, das man dann mit anderen „echt“ und „live“ wesentlich intensiver und umfangreicher teilen kann, als es derzeit vor einem mobilen Gerät möglich wäre.

Also, auch wenn ich nicht im Besitz diverser Fußball-Devotionalien bin und kein Fußballerblut in meinen Venen zirkuliert, kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Untergang des realen Fußballerlebnisses nicht erkennen. Nicht, dass ich es vermissen würde, während Fußball-Großereignissen zu jeder Zeit und überall damit konfrontiert zu werden … doch ich werde mich wohl noch eine ganze Weile mit hupenden Autokorsos, gröhlenden Fans, beflaggten Straßenzügen, spontan zusammengestellten Imbiss- und Getränke-Ständen bei Großbildleinwänden, Feuerwerksraketen im Sommer und sinnfreien Fußball-Small-Talks mit selbsternannten Fußball-Profis abfinden müssen.

Eines ist ja zum Glück gewiss: Auch eine Fußball-WM geht vorbei …

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