Katherina Ushachov (Hg.): Verbissen

Verbissen

Herausgegeben von Katherina Ushachov im Silvanus Verlag

Rezension:

12 wunderbare Kurzgeschichten der gepflegten hämatophagen Phantastik. Mit viel Liebe zur Vielfalt hat Katherina Ushachov in dieser Anthologie Autor_innen versammelt, die gänzlich andere Sichtweisen auf die durch Klischees und Stereotypen geprägten Vampir_innen der Literatur- und Filmwelt gewähren, als man es gemeinhin gewohnt ist. Zusammengenommen sind alle Geschichten ein faszinierender Blick in die erstaunlich bunte Welt der Nachtwesen und auf ihre manchmal allzu menschlichen Eigenarten.


Eine sehr gelungene Phantastik-Sammlung für all jene, die über den nosferatesken Blutrand blicken möchten/können.

Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:

Komplementär

von Kiàn KoWananga

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Magische Wesen leben meistens länger als Menschen … einige sogar sehr viel länger bzw. ewig, sofern sie nicht durch einen wütenden Mob heugabelbewehrter Dorfbewohner einen gewaltsamen Tod finden.
Eine der größten Herausforderung derlei unsterblicher Untoten ist sicher der Umgang mit dem Vergehen anderer Wesen, während man selbst übrig bleibt. Eine weitere ist die der Notwendigkeit, sich in jeder Epoche, die man durchlebt, anzupassen. Manche halten an ihrer ursprünglichen Lebensweise fest, andere pflegen ihre Traditionen, wieder andere erfinden sich ständig neu.
Insbesondere die Essgewohnheiten mancher magischer Wesen wirken auf Menschen eher irritierend oder erzeugen panischem Reaktionen. Besondere seien hier Werwölfe und Vampire erwähnt. Doch auch derlei Wesen durch“leben“ eine Entwicklung und so verwundert es nicht, dass es Individuen gibt, die völlig abstinent unter Menschen wandeln, also dem Konsum von Menschenblut und -fleisch entsagt haben.
Kiàn KoWananga erzählt in ems Kurzgeschichte von miteinander lebenden magischen Wesen, die einerseits interspezifische Beziehungen eingehen, in generationenübergreifenden WGs leben und sich in magischen abstinenten vegetarischen fleisch- und blutvermeidenden Selbsthilfegruppen gegenseitig unterstützen.
Eine unaufgeregte und trotz oder gerade wegen spezifischer Unterschiede der Charaktere äußerst angenehm harmonisch erzählte Kurzgeschichte, in der Unterschiede keine Gegensätze, sondern die Grundlage für langlebige (sic!) Vielfalt sind.

Totsein ist anstrengend

von Michael Schwendinger

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Aus ihrer/seiner Heimat vertrieben zu werden ist immer ein sehr traumatisches Erlebnis. Die Ursachen und Umstände können sehr unterschiedlich sein. Das Resultat ist ähnlich.
Wird frau/man durch einen Biss von einem Tag auf den anderen zur/zum Ausgestoßenen, ist ein solcher Umstand, der zugegebenermaßen allerdings nicht allzu häufig vorkommt. Doch wenn es passiert, ist es ein einschneidendes Erlebnis.
So erfährt es Emmerich, dessen Leben auf links gedreht wird, nachdem ihn ein Fremder zu einem Vampir machte. Eine Weile versucht er in seiner gewohnten Umgebung damit klarzukommen, doch nach lästigen Erfahrungen mit Heugabeln bewaffneten Dorfbewohner_innen und viel zu vielen Würmern, macht er sich auf die Suche, nach einem neuen Ort, wo er willkommen ist.
Nur aus der Verzweiflung heraus wagt er sich ins Sonnenlicht und als er durch den Riss in einer Stadtmauer schlüpft, scheint er das Unmögliche gefunden zu haben: den Beginn eines neuen Lebens … ohne Würmer.

Nur ein Ring

von Florian Waldner

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Auch ein Vampir hat lästige Alltagssorgen wie das Bezahlen von Rechnungen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb Luthor Simmons der Profession der privaten Ermittlungen nachgeht. Da Vampire naturgemäß nachtaktiv sind, wählte Simmons ein sehr abgelegenes und verlassenes Hafengebäude als sein Büro und geht dort seinen teils fragwürdigen und teils blutigen Geschäften nach, die, gemessen am Stapel unbezahlter Rechnungen, durchaus besser laufen könnten.
So kann er auch nicht den Auftrag eines irischen Nicht-Menschen ablehnen, der das Entwenden eines besonderen Artefakts beinhaltet, gleichwohl dieser ihn bei einem mitternächtlichen Snack stört.

Doch während des Auftrags stellt sich allerdings heraus, dass er nicht das einzige paranormale Wesen ist, das sich für das fragliche Artefakt interessiert.

Florian Waldner entführt uns in das London Sherlock Holmes‘ des späten 19. Jahrhunderts, als es Vampiren und anderen übernatürlichen Wesen noch leichter fiel, unerkannt unter Menschen zu „leben“. Wir erhalten einen rasanten schnappschussartigen Einblick in die dekadente Gesellschaft der Akademiker, die ganz offensichtlich so rein gar nichts von der sie umgebenden Parallelwelt voller Magie und Gestaltwandler_innen weiß.

Bite & Breakfast

von Dana Morgan

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Der Unterhalt einer Burg ist heutzutage exorbitant teuer, vor allem, da man dereinst beim Bau nichts von Wärmeisolierung wusste. Nun ja, eigentlich war er das schon immer, aber in vorindustriellen Zeiten gab es Mittel und Wege auf … sagen wir mal „kreative“ Art und Weise … an Geld und günstige Arbeitskräfte zu kommen. Vor dem Hintergrund ziemlich arbeitnehmerfreundlicher Gesetze, stets nervenden Behörden und omnipräsenten Smartphonekameras ist das allerdings kaum noch denkbar, ohne eine beachtlich hohe kriminelle Energie aufzubringen. Da hilft es ausnahmsweise auch nicht wirklich viel, ein unsterblicher Vampir zu sein.

Der gerade „frisch geschlüpfte“ blutsaugende Adlatus des schon sehr betagten Vampirs Darius überredet in der Kurzgeschichte von Dana Morgan seinen Schöpfer zu einer völlig legalen Einnahmequelle: Bed & Breakfast-Übernachtungen auf der Burg mit gewissen Extras.
Doch ganz so unproblematisch lassen sich die Gäste der Premierennacht dann doch nicht bändigen und unterhalten, da jede_r eine doch recht unterschiedliche Motivation für eine Nacht in einer Vampirburg mitbringt. Zudem schwindet die vampirische Selbstdisziplin überraschend schnell, wenn sich so fügsames Frischblut in unmittelbarer Nähe anbietet. Doch das sind nicht die einzigen herausfordernden Faktoren für die beiden blassen Jungunternehmer, denn des nachts geschehen Dinge im Inneren der Burg, die das Geschäftsmodell auf eine harte Probe stellen.

Eine humorvolle und spannende Geschichte aus dem „Alltag“ mehr oder minder moderner Vampire mit so mancher menschlicher und übermenschlicher Überraschung.

(Für mich überraschend waren auch die von der KI generierten Tassen für Rechts- und Linkshänder_innen😉).

Katzenjammer

von Ludwig Karrell

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Das untote „Leben“ eines Vampirs in einer modernen Vorstadt ist nicht immer so glamourös, wie man glauben könnte. Wenn ich so darüber nachdenke, muss es im Grunde ziemlich trostlos sein. Für Ed zumindest, einem verhältnismäßig heruntergekommenen, auf einem Schrottplatz hausenden Vampir, ist es das.
Ed vegetiert von Nacht zu Nacht, von einem Gelegenheitsblutzapfen zum nächsten unachtsamen Tier vor sich hin … bis ihm eines Nachts ein Katzenjunges über den Weg läuft und er es nicht über sein nicht schlagendes Herz bringt, es sich selbst zu überlassen. Doch das soll nicht die einzige schicksalsträchtige Begegnung in dieser Nacht bleiben, die Eds Leben wider Erwarten auf links dreht.
Eine von Ludwig Karrell angenehm entschleunigt erzählte Kurzgeschichte über den unspektakulären und tristen Alltag eines einsamen Vampirs, der sein kaltes Herz am rechten Fleck hat.

Partner wider Willen

von Antonia Blaik

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Als ob das Leben eines Detektivs nicht schon kompliziert genug wäre, sieht sich Blake neben ganz normalen (menschlichen) Kriminellen und ihre Opfern seit geraumer Zeit auch noch mit übernatürlichen Exemplare der Unterwelt konfrontiert, was seine Arbeit alles andere als einfacher, aber auch um einiges interessanter macht.
Als er eine weibliche (Menschen-)Leiche mit merkwürdigen Wunden in Augenschein nehmen muss, ahnt er schon, dass dafür womöglich ein eher spezieller Täter verantwortlich sein könnte. Schnell führen ihn seine Ermittlungen an Orte in der ihm eigentlich bekannten Stadt, an denen Menschen eher selten anzutreffen sind.

Antonia Blaik verpackt ihren Krimi der besonderen Art eloquent und charmant in eine spannende und vor allem humorvolle Kurzgeschichte voller überraschender Erkenntnisse über Vampire umd andere übernatürliche Wesen, die ihr manchmal untotes Leben unter Menschen fristen und nicht immer so wirklich dem Klischee entsprechen.
Die Handlung ist interessant anders, die Charaktere trotz der der Textsorte geschuldeten Kürze facettenreich und der Erzählstil ist überaus schnell und witzig. Man ahnt geradezu, dass da noch viel mehr unterhaltsame phantastische Krimigeschichten auf uns warten.

Für mich ein echtes Vampir-Highlight, das ganz stark auf eine Preisnominierung zusteuert.

Keine Falter im Bauch

von skalabyrinth

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Schreib-Person erzählt von Interview-Person, die Vampir-Person zum Gespräch trifft.
Die queere Variante des Interviews mit einem Vampir von Anne Rice in einer etwas unkonventionellen Art.

Skalabyrinth gewährt den Lesenden in dieser Kurzgeschichte nicht nur ganz besondere Einblicke in das Leben eines transsexuellen Untoten, sondern auch xiere Gedanken und Gefühle. Zudem werden wir durch Apostrophe-Einschübe Zeuge des Kurzgeschichtenschreibprozesses und können skalabyrinth so ein klein wenig über die Schulter schauen.

Der neue Alte

von Magdalena Freitag

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Es ist nie wirklich eine gute Idee, sich ein- oder die Welt auszuschließen. Das gilt besonders für untote Burgherren, die offenbar motivationslos die Zeit vergessen haben.
Aber selbst nach etlichen Jahrzehnten (Jahrhunderten?) in der selbst gewählten Einsamkeit kommt einmal der Augenblick, an dem die errichtete Mauer per Zufall durchlässig wird und das Leben im wörtlichen Sinne Einzug in tote Gemäuer hält. Gleichwohl es sich der blutaffine Dämon der Nacht ganz passabel in seinem übergroßem Sarkophag eingerichtet hat und mit einem eher unverträglichen Blutsubstitut am Tode hält, kann so eine ungeplante Ruhestörung auch etwas Gutes haben.

Eine unterhaltsam-überraschende und etwas andere Anekdote aus dem Leben eines Vampirs von Magdalena Freitag.

Mit Geflatter aus der Klemme

von Anna Kleve

[Image source: genAI, Nano Banana 2 Pro]

Wenn sich übernatürliche Wesen begegnen, entsteht meist etwas Magisches. Das dachte sich Anna Kleve vielleicht, als die einer gefangengenommenen Vampirin eine Zahnfee zu Hilfe schickte, um sie aus den Fängen eines drittklassigen Möchtegernzauberers zu befreien.

Die ziemlich andere Konstellation einer Vampirgeschichte ist der Beginn einer innigen und zauberhaften Beziehung, deren Verlauf noch nicht geschrieben ist.

Alt, aber mörderisch

von Andrea Weil

[Image source: genAI, Flux.2 Pro]

Vampire werden in Geschichten und Filmen nicht selten in ihren besten Jahren zu dem, was sie ihr langes untotes Leben sein werden. Manchmal ereilt es auch einen Jugendlichen oder sogar ein Kind, was sich auf die potentielle Ewigkeit bezogen als durchaus für problematisch heraustellen kann.
Einen ganz anderen Weg geht Andrea Weil.
Ihr weibliches Blutsauger-Opfer ist eine achtundachtzigjährige Grantlerin und lebt in einer Pflegeeinrichtung. Äußerst interessant erzählt sie von den Auswirkungen der Verwandlung auf einen alten Körper und von den daraus entstehenden Möglichkeiten und Folgen. Doch auch eine graue Neu-Vampirin ist nicht alleine und muss sich an jahrhundertealte Regeln halten.
Eine gar nicht mal so kurze, aber außergewöhnliche Vampir-Kurzgeschichte, die sich meinem Geschmack nach auf weniger hätte beschränken können.

Der Vorschlag

von Maria Goodwill

[Image source: genAI, Byte Plus Seedream 5.0 Pro]

Gefühle für einen anderen Menschen zu haben und diese ihr/ihm auch noch zu gestehen, ist schon schwer genug. Gefühle für eine Vampirin zu haben und sie ihr zu gestehen, ist aber nochmal eine ganz andere Nummer.
In der Kurzgeschichte von Maria Goodwill zögert Alma schon gute drei Jahre der über 100 Jahre älteren Vampirin Isabella ihre Gefühle zu offenbaren, aus Angst, ihre wunderbare Freundschaft und die wöchentlichen Treffen auf dem Friedhof könnten darunter leiden.
Das allein wäre schon kompliziert genug, doch zu allem Überfluss haben Isabellas Eltern bereits eine Hochzeit für ihre Tochter innerhalb der Untoten-Gesellschaft arrangiert … zum Leidwesen der von Alma Angebeteten.
Ob und wie sich dieses Drama auflösen lässt, erfahrt ihr in der charmanten Geschichte von Maria Goodwill.

Das Zuckerproblem

von Selena Reed

[Image source: genAI, Byte Plus Seedream 5.0 Pro]

Man ist, was man isst! Ein altes Sprichwort, das natürlich nicht allzu wörtlich zu nehmen ist, allerdings sollte es sich schon längst herumgesprochen haben, dass das, was wir zu uns nehmen, maßgeblich für unsere Gesundheit und den körperlichen, wie auch geistigen Zustand verantwortlich ist. Man kann nicht erwarten, dass man nach schlechter Nahrung (Junk Food, viel Zucker etc.) pumperl-g‘sund ist … frei nach dem GIGO-Prinzip der Informatik.
Und gerade bei Wesen wie Vampiren, deren Speiseplan relativ einseitig ist, kommt es beizeiten zu heftigen physischen und psychischen Reaktionen, sollte das zu sich genommene Blut verunreinigt sein. Das kann sowohl gefährlich werden, als auch die Beziehung von Vampiren untereinander stark belasten.