J. C. Vogt: Anarchie Déco

5/5

Der Roman Anarchie Déco von Judith und Christian Vogt ist … eine Klasse für sich!

So viel kann man auf alle Fälle schon mal sagen, ohne Gefahr zu laufen, zu spoilern. Vor allem ist der Roman ein Zeugnis von Mut. Es ist mutig, es mit unliebsamen oder/und bewusst ignorierten Themen aufzunehmen und sie in einer Weise zu kombinieren, wie es wohl noch niemand zuvor getan hat. Allein die Tatsache, die späten 1920er aus der Mottenkiste zu holen und sie nicht als Zwischenkriegszeit, sondern als Art Beginn eines neuen Zeitalters umzuwandeln, wenngleich es nicht ganz ausgeschlossen bleibt, dass vielleicht doch noch ein schrecklicher Krieg folgt, ist eine Meister*innenleistung der ganz besonderen Art.

Die Schöpfung von Magie durch die Kombination von Kunst und Wissenschaft in den 1920ern ergibt eine fantastische Variante, wie die Geschichte hätte ablaufen können. Der reale Verlauf unserer Geschichte zeigt uns zudem, dass es wesenlich absurdere Dinge gab und gibt, die uns im Lichte der Geschichte gar nicht mehr so merkwürdig erscheinen. Warum also nicht die wissenschaftliche Entdeckung von Magie, statt eines gescheiterten österreichische Malers, der zum Massenmörder Europas wird?

Die fehlenden Grenzen der Geschlechter(-rollen) sind ein wichtiges Element im Roman und zeigt in wunderschön sensibler und purer Weise, dass das Leben vielfältiger ist, als schwarz-weiß, männlich-weiblich, hetero- oder homosexuell. Der Vögte Charaktere gewinnen durch das Ausloten der eigene Sexualität eindeutig an Tiefe.

Einen Teil des Reizes der Geschichte von den Vögten macht die Rekombination scheinbar nicht zusammenpassender Elemente aus. Allein der Genre-Mix, sofern man sich überhaupt noch bemühen möchte, Genregrenzen zu ziehen, zog mich sofort in seinen Bann.

Was wie ein Krimi mit Charakteren aus den Wissenschaftskreisen der 1920er begann, geriet wie ein Tropfen Tinte, in ein angerührtes Wasserglas gegeben, schnell zu einem Taumel von alten und neuen Motiven und erstaunlichen Bildern, die zum Teil ungewohnt und für den naiv Lesenden wie mich, zu Beginn verwirrend wirken. Ich glaubte hier und da die Schritte von Agatha Christie zu hören, spürte beizeiten den Geruch von Steampunk und war ständig in dem Streitgespräch im Inneren meines Kopfes gefangen, ob es sich bei dem Roman um Fantasy oder nicht doch um Science-Fiction handele.

Zu meinem Glück muss ich diese Frage nicht beantworten und wüsste auch nicht, ob sie überhaupt beantwortet werden muss. Dennoch kam ich beim Lesen immer wieder zu dem Schluss, dass es sich hier um eine besondere Art der Science-Fiction handelt. Sie gibt vor, Fantasy zu sein, hält sich aber an die (oder einige) Regeln der Science-Fiction. Welche das im Detail sind, überlasse ich gerne den Experten der Science Fiction Studies, aber Sascha Mamczak hat es, weil ich ihn noch so frisch im Gedächtnis habe, in seinem 100 Seiten starken Büchlein schön auf den Punkt gebracht, was eine gute SF-Erzählung ist:

„Eine Science-Fiction-Geschichte muss nicht unbedingt in allem Sinn ergeben, um zu funktionieren, sie muss allerdings in sich selbst Sinn ergeben.“ (Mamczak, Sascha: Science-Fiction. 100 Seiten. Stuttgart: Relcam 2021, S. 28)

Die Verwendung von wissenschaftlichen Verfahren, so wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, gespickt mit einer Zutat, die alles Bekannte auf den Kopf zu stellen imstande ist, macht eigentlich aus dem Fantasy-Roman einen Science-Fiction-Roman. Um noch einmal Mamczak zu bemühen:

„Und man kann sie [das Bekannte und das Unbekannte] auf elegante Weise miteinander verbinden und damit die Wirkung erzielen, dass sich eine Science-Fiction-Geschichte, und sei sie noch so haarsträubend, für ihre Dauer wahr anfühlt […]“ (S. 28)

Die Zeit, in der der Roman spielt ist den meisten kaum bekannt. Zum einen gibt es nur noch sehr wenige Zeitzeugen, zum anderen lernen wir nur sehr wenig über das Nicht-Politische dieser Epoche in den Schulen, zumindest in meiner Schulzeit. Die Jahre zwischen den Weltkriegen haben von der Geschichtsschreibung die unliebsame Rolle zugewiesen bekommen, zu beschreiben, wie es zum Aufstieg der Nationalsozialisten, zum Ermorden von Millionen Menschen und zum 2. Weltkrieg kam. Von der Kultur, der Mode, der Wissenschaft und dem Alltag dieser Zeit erfahren wir im Normalfall nicht viel. Ich muss gestehen, dass mich im Grunde diese Epoche auch nicht wirklich reizte (aus den besagten schulisch geprägten unattraktiven Gründen), nun aber, da ich eine „magische“ Welt in den hässlichen Straßen eines längst vergangenen Berlins von den Vögten nahegebracht bekommen habe, ist meine Neugierde geweckt.

Das Sich-mit-den-Protagonisten-Identifizieren fällt einem bei Anarchie Déco nicht schwer. So gut wie alle Charaktere sind genauso naiv und unsicher, wie der/die Leser*in selbst. Sie sind alle etwas Großem auf der Spur, versuchen es zu verstehen oder zu beherrschen, merken aber nur allzu bald, dass niemand mehr den Geist zurück in die Flasche locken kann.

Die Beschäftigung mit Wissenschaften, die noch ohne Computer auskommen und irgendwie roh, grob und dreckig wirken, ließ mich schnell an die seltenen Stunden in Physik- und Chemie-Laboren von Schule und Universität denken, in denen gute Lehrer*innen es schafften, mich neben drögem Lernstoff für Neues neugierig zu machen.

Wenn ich etwas herumkritteln wollte, dann vielleicht über den stakkato-artigen Erzählstil in der Mitte des Romans, der womöglich der hektischen Ermittlungsarbeit der Protagonist*innen geschuldet war, mich aber beizeiten aus dem Flow riss. Die Vögte lassen (wohl bewusst) einige Herleitungen von Szenen unter den Tisch fallen, um die Handlung schneller voranzutreiben, erschwerten es mir dadurch allerdings an ein paar Stellen die Stimmung, in der sich die Charaktere befinden, unmittelbar zu erschließen. Gut, im Nachhinein wurde dann auch mir alles etwas klarer, aber da forderten die Vögte doch mehr von mir als Leser, der naiv dachte, doch nur unterhalten werden zu wollen 😉

Die Sprache des Berlins der 1920er ist mir völlig unbekannt. Die Einsprengsel des Berliner Dialekts erscheint mir zwar logisch, aber andererseits auch wieder irritierend, wa? Es wird nicht konsequent berlinert, was auch gut ist, denn sonst hätte ich viele Sätze mindesten dreimal lesen müssen, aber der Wechsel zwischen Standardsprache und Dialekt riss mich doch ab und zu aus der Handlung heraus. Andererseits habe ich auch überhaupt keine Idee, wie man das hätte anders machen können. Auch habe ich keine Ahnung, wie man die über die 1920er meistens recht uninformierte Leserschaft in die Epoche hätte einführen können, ohne sie an manchen Stellen etwas übermäßig mit historischen Informationen zu überhäufen. Da drängte sich schon manchmal etwas die Hintergrundrecherche der Vögte auf … so als ob die mühsam erarbeiteten Fakten zum Plot unbedingt mal raus mussten 😉

 

Anarchie Déco ist ein echter Lesegenuss für Krimi-, Fantasy- und Science-Fiction-Fans und Faninnen und wenn ich mir das Ende so anschaue, spricht doch alles dafür, dass wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.