Weltuntergang und Bunker im Internetzeitalter … wohin mit unseren Ängsten?

KellertreppeÄngste begleiten uns unser ganzes Leben … und das ist im Prinzip auch gut so. Ohne Angst werden wir unvorsichtig, was uns im unangenehmsten Fall schlagartig ans Ende unserer Lebensspanne bringt. Und bekanntermaßen macht es wenig Sinn, über Angst nachzudenken, die man im Anschluss daran haben könnte.

Die Gründe für Angst sind oft irrational und/oder das Resultat von zu wenig Informationen. Man denke dabei nur an die Monster aus Kindheitstagen, die sich als ihre Wohnstatt den Kleiderschrank, die Bettunterseite oder den Keller ausgesucht haben. Was diese Orte verbindet, ist die Dunkelheit. Überall dort, wo kein Licht hinfällt, könmte sich potentiell Gefahr für Leib und Leben befinden. Und Pfeifen hilft meistens nur wenig.

Encyclopedie de d'Alembert et DiderotAber nicht nur die Abwesenheit von Licht befeuert die destruktive Seite unserer Phantasie und unterdrückt schöne Gedanken an Sicherheit und Wohlbefinden. Auch der Mangel an Aufklärung, sprich Wissen, lässt die Dämme unserer Amygdala brechen. Je weniger wir über Hintergründe und Zusammenhänge wissen, umso wahrscheinlicher lassen wir uns darin bestärken, wozu wir am schnellsten neigen: reflexartige Angst, die entweder in Flucht oder Angriff resultiert … manchmal auch in beides gleichzeitig.

Andere Ängste wiederum haben einen nur allzu realen Hintergrund. Krieg, Verfolgung, Hunger. Menschen, die in Angst vor diesen lebensbedrohlichen Zuständen fliehen, bedürfen Hilfe derjenigen, denen es nicht so schlecht geht. Doch wie uns die letzten Jahre großer Flüchtlingsströme zeigen, ist menschenfreundliches Verhalten nicht zwangsläufig selbstverständlich. Naturgemäß bezeichnet sich jeder Mensch (Psychopathen einmal ausgenommen) als gut und potentiell freundlich (zumindest zu sich selbst und seinem engsten Kreis). Wie erklärt sich dann also die Wut und all der Hass auf diejenigen, die unserer Hilfe bedürfen?

Ein Grund könnte die kritische Masse sein. Dorthin, wo einige wenige flüchten, besteht die Möglichkeit für alle akzeptable Lösungen zu finden. Wenn ich allerdings daran denke, dass gerade in den Regionen, in denen der Anteil Nicht-Einheimischer (was auch immer das bedeuten mag und wo auch immer die willkürliche Grenze gezogen wird) besonders niedrig ist, die Ablehnung (zahlenmäßig gar nicht mal so großer, dafür aber umso radikaler Gruppen) am stärksten zu sein scheint, hinkt dieses Argument.

Der Verdacht liegt also nahe, dass die Quantität nicht die größte Rolle spielt. Was aber dann?

Ist es wieder der Mangel an Information? In unserer von Medien und dem Internet durchdrungenen Welt eigentlich kaum vorstellbar. Informationen prasseln in nahezu jeder Minute, in der wir wach sind auf uns ein. Im Schlaf sind wir dann ohnmächtig den physiologischen Prozessen unseres Gehirns ausgesetzt, die all diese Informationen mit dem bereits vorhandenem Wissen in Einklang zu bringen versuchen … was naturgemäß nicht immer gelingt. Da wir auf das, was der Schlaf uns bringt nur wenig Einfluss haben (von Wachträumern mal abgesehen), macht es insbesondere Sinn, sich der Zeit zuzuwenden, in der wir wach sind.

Während dieser Tagesabschnitte haben wir also eigentlich die Wahl, welche Informationen wir konsumieren möchten. Wir können selbst entscheiden, ob wir mit anderen Menschen kommunizieren, welche Zeitung oder welches Buch wir lesen, welchen TV-Kanal wir einschalten, auf welche  Webseiten wir gehen und welche App wir nutzen.

… eigentlich.

Uneigentlich wählen wir unsere Informationsquellen wenig bewusst aus. Gewohnheiten und der Zufall scheinen auf den ersten Blick allzu oft die Faktoren zu sein, die unseren Informationskonsum bestimmen. Gegen unsere Gewohnheiten können wir vorgehen … wenn wir unsere Trägheit aufgeben und über den Tellerrand schauen wollen. Gegen den Zufall vorzugehen gestaltet sich da schon schwieriger. Aber ist es wirklich der Zufall, der uns die zumeist digital übermittelten Informationen zuweist? Von der Werbung sind wir schon längst gewohnt, gelenkt und verführt zu werden. Aber von ‚DEN‘ Medien dürfen wir schon allein aufgrund ihrer Vielfalt erwarten, umfassend informiert zu werden, oder? Immer mehr geraten Algorithmen global agierender IT-Konzerne in den Verdacht, den „Zufall“ zu manipulieren.

Als Dienstleistung am Nutzer getarnt, der vor Unwichtigem bewahrt und nur mit für ihn/sie relevanten Informationen gefüttert werden soll, gewähren wir auf wirtschaftlichem Gewinn aufgebauten Unternehmen die Installation von Filtern, die einst von erfahrenen Menschen in Presseagenturen, Literatur- und Kunstkritikern sowie Wissenschaftlern kreiert wurden. Und da der Mensch ein faules Säugetier ist, lassen wir uns gerne bedienen und lehnen uns nur zu gern bequem zurück. Zudem neigt unser Gehirn dazu, nach bekannten Mustern zu suchen. Perfiderweise belohnt es uns nur zu gerne, sobald wir etwas wahrnehmen, was wir schon kennen und für nicht unangenehm bewertet haben. Alles, was wirklich neu und unbekannt ist, wird vom Gehirn als potentiell unangenehm klassifiziert … und wer will sich sein Leben schon absichtlich unangenehm gestalten? Neuerdings ist uns dieses Phänomen als Filterblase bekannt und stört die so sehnlichst angestrebte Komfortzone unserer Informationssphäre. Wir sind inzwischen also nicht zu wenig, sondern zu einseitig informiert. Und die Seite, über die wir informiert werden, vertritt in den seltensten Fällen unsere eigenen (wirklich wichtigen) Interessen, sondern vielmehr diejenigen Interessen, die zum Machterhalt und -gewinn der neuen Gatekeeper führen.

Jüngst veranlasste mich der Artikel in WIRED (bzw. The New Yorker) ‚Wie die Superreichen aus dem Silicon Valley sich auf den Weltuntergang vorbereiten‚ darüber nachzudenken, wie absurd Menschen auf Ängste reagieren können. In diesem Artikel werden Maßnahmen beschrieben, die von Menschen ergriffen werden, die auf der einen Seite Angst und auf der anderen Seite zu viel Geld oder zu viel Zeit oder von beidem zu viel haben.

Weltuntergangsängste gehören schon immer zur Menschheitsgeschichte dazu. Jede Kultur, die etwas auf sich gehalten hat, erdachte sich ein Zeitalter, das dann eintreffen wird, wenn alles … aber auch wirklich alles den Bach runtergeht. Zumeist sind Götter oder gottähnliche Wesen die Verpackung derjenigen Naturgewalten, die der Menschheit ihre Grenzen setzen. Heute, in einer Zeit, in der Gott oder Götter immer weniger Einfluss zu haben scheinen, wir entweder nicht mehr an sie glauben oder uns im religiösen Tante-Emma-Laden die Zutaten für unsere ganz individuelle (bequeme) Religion selbst zusammenstellen, ist es der Mensch selbst, der am wahrscheinlichsten als Weltuntergangsverursacher/-bote in Frage kommt.

Spätestens seit der ersten Atombombe haben wir Angst, dass wir uns selbst ein globales Ende bereiten könnten. Diese Angst ist nicht immer gleich groß. Die Höhe der Ressourcen, die darauf ver(sch)wendet werden, Schutzräume zu bauen und auszustatten, in die man sich im Fall der Fälle zurückziehen und (wie lange auch immer) überleben kann, kann als Weltuntergangsgradmesser gelten. Oder man vertraut auf die Doomsday Clock, die uns durch nobelpreistragende Fachleute verrät, wie viele Minuten uns noch bis zwölf Uhr (=Atomkrieg) bleiben … und momentan sieht es nicht gut aus (2,5 Minuten vor zwölf). Interessanterweise verrät uns der WIRED-Artikel, dass dieses Verhalten inzwischen nicht mehr nur einsam lebende Menschen mit leicht religiös geprägtem Eskapismus betrifft, die sich eine  Bunker im eigenen Garten bauen, sondern längst die Millionäre des Silicon Valley erreicht hat. Also diejenigen, die sich mit Daten und Kommunikation auskennen und reich geworden sind. Plötzlich sind diejenigen, die vom Puls der digitalen Information leben, die extremsten Survivalisten.

Diese Flucht an einen vermeintlich sicheren Ort (nicht zu vergleichen mit der vor realen Bedrohungen aus Kriegs- und Hungergebieten) ist meiner Ansicht nach ein verzweifelter Versuch, vornehmlich von Millionären sich selbst zu betrügen. Selbst wenn im Fall der Fälle (=Atomkrieg) die Flucht gelingen sollte, die vollständige Autarkie gewährleistet wäre und man sich auf Dauer vor Trittbrettfahrern, die verständlicherweise ebenfalls Interesse daran haben könnten, in den geschützten Raum zu gelangen, zur Wehr setzen könnte, müssen all diese „priveligierten“ Menschen auf unbestimmte Zeit miteiander leben. Es erscheint mir doch sehr unwahrscheinlich, dass Menschen, die größtenteils aufgrund ihrer charakterlichen Eigenschaften, die zumeist nicht viel mit Altruismus zu tun haben, zu viel Geld gekommen sind, dazu in der Lage sein sollen, auf engstem Raum harmonisch miteinander leben können.

Viel wahrscheinlicher erscheint es mit, dass binnen weniger Monate nach einer atomaren Katastrophe, die kleine, aber feine Gruppe von ‚Prepper‘ sich selbst den Garaus macht oder aber freiwillig in den Fall-out flüchtet. Insofern wäre der ganze Aufwand, sowohl finanziell als auch zeitlich, vollkommen für die Katz‘ und nichts anderes als die Verschwendung von Lebenszeit.

Viel zielführender wäre es, wenn jeder die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen dafür verwenden würde, sich reflektiert über die Welt zu informieren und dann Entscheidungen trifft, die dazu beitragen, Mensch (alle Menschen!) und Natur zu erhalten.

Als Grundsatz, wie man sich als unbedeutendes Lichtlein auf der großen Welttorte am besten informiert, könnte das Folgende gelten: Alles, was einfach und schnell zu sein scheint bzw. als solches von jemandem angepriesen wird, ist mit Vorsicht zu genießen. Alles, was von langfristigem Wert ist, ist aufwendig und mühsam. Wenn also jemand (mal wieder) einfache und schnelle Lösungen verspricht, einzelne Menschen oder Gruppen als alleinigen Grund für Probleme verantwortlich macht, sollte man innehalten, nachdenken und den schwierigen Weg wählen.

… aber auf dem Weg in den Keller werde ich manchmal doch noch pfeifen …

 

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