Tino Falke: Crow Kingdom

4.5/5

Ich hatte ja schon immer ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Vergnügungsparks, aber nach Tino Falkes eindrucksvollem Debütroman bin ich mir sicher, dass diese vorm von Vergnügen und ich keine Freunde mehr werden.

Warum auch immer, aber auch wenn der Buchrückentext nichts davon versprach, verleitete mich der Titel dazu, während des Lesens ständig auf Fantasy- oder Horror-Motive zu warten. Und manches mal war mir so, als ob die Grenze hätte überschritten werden können, doch Tino Falke blieb in der nicht minder fesselnde Realität.

Auch wenn ich mal davon ausgehe, dass die sklavenhalterischen Arbeitsbedingungen, die ein wohl wichtiger Motor für die Motivation der Charaktere waren, leicht überspitzt dargestellt wurden, kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass die Welt hinter den lauten Vergnügungen alles andere als lustig ist. Dass die hart arbeitende Crew aber so voller aufgestauter Frustration und Ausweglosigkeit sein kann, ist eine interessante Sicht der Dinge, durch die der Plot gar nicht so unwahrscheinlich erscheint.

Tino Falke widmet sich sehr intensiv der Gefühlswelt seiner Protagonist*innen und schafft durch die individuellen Charaktere eine Welt, in der man sich schnell zurecht findet, wenn sich nicht sogar vorstellen kann, Teil der malochenden Crew zu sein.

Das Setting, das er aufbaut, erinnerte mich nicht selten an Stephen King. Das mag zum Teil an den eingeflochtenen Kindheitserinnerungen, aber auch an der geschickten Platzierung von Tieren liegen. Und natürlich ist es clever, schon zu Beginn der Erzählung, das Ende anzudeuten, denn tatsächlich blieb mein Interesse, wie es zu all dem kommen konnte, bis zum Schluss bestehen.

Während Tino Falke immer weiter in die Vorgeschichten der Charaktere vordrang und die Einzelschicksale sich mehr und mehr ineinander verwoben, um dann mit einem wortwörtlich großen Knall zu einem Ganzen zu verschmelzen, wurde meine Aufmerksamkeit manches Mal auf die Probe gestellt.

Es war nicht so, dass die häufig wechselnden Einschübe aus Vergangenem mich allzu sehr verwirrten. Auch nicht die Zitate aus der fiktiven Buchvorlage zum Vergnügungsparkkonzept, die eine leichte Diskrepanz zwischen einem Kinderbuch- und Tino Falkes Schreibstil erzeugten und mich beizeiten durcheinander brachten.

Es war vielmehr die fehlende Unterstützung durch typographische Hilfen, die mich viele Absätze zweimal lesen ließen. Der Autor bzw. der Verlag machten es zumindest mir nicht immer allzu leicht, im Lesefluss und bei den Charakteren zu bleiben. Oft war ich mir nicht mehr sicher, wem die gesprochene Zeile zuzusprechen war, ob es in der Gegenwart spielte oder ob es sich lediglich um Gedanken handelte. Auch fällt auf, dass der Name der Hauptfigur ausgesprochen selten erscheint, was mich ab und an von Jessica entfernen ließ.

Ich freue mich natürlich, dass ich als Leser ernst genommen werde und man an mich einen gehobenen Anspruch in Sachen Aufmerksamkeit stellt, aber dass ich so konzentriert bleiben musste … darauf war ich nicht vorbereitet 😉

Vielleicht verfolgte der Autor aber auch in perfider Absicht genau mit dieser eingeforderten Aufmerksamkeit, dass man die ganze Handlung über in einer fesselnden Anspannung bleiben sollte? Vielleicht werde ich das noch erfahren 🙂

Crow Kingdom von Tino Falke ist auf alle Fälle ein sehr gelungener Debütroman und die Fülle an Ideen, cleverem Plot und sehr gut gezeichneten Charakteren lässt in mir die Erwartung zurück, dass es da bald eine weitere Veröffentlichung geben muss. Denn auch der/die Leser*in darf Ansprüche an den/die Autor*in anmelden 😉

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