Theresa Hannig: Pantopia

Was wäre, wenn uns die erzählten Dystopien der Vergangenheit schon längst eingeholt hätten und wir bereits mitten in einer solchen leben würden?

Im Prolog beginnt die KI Einbug als Erzähler die Geschichte und lässt sich, trotz oder wegen ihrer Intelligenz dazu herab, eloquent in einer natürlichen Sprache mit uns Leser*innen zu sprechen. Dass diese für uns verständliche Form der Kommunikation zwischen einer KI und den Menschen kein Versehen ist, zeigt die anschließende Handlung.

Die vorweggenommenen Erläuterungen der KI lassen aber viele Fragen offen und machen neugierig auf deren Lösung. Ich ertappe mich sogar dabei zu mutmaßen, dass sich die auf dem Buchrücken versprochene Utopie vielleicht doch noch zur katastrophalen Dystopie wandeln könnte.

Außer im Prolog, teilt die KI Einbug den Leser*innen ihre/seine Gedanken immer wieder auch zwischen den Kapiteln mit. Es sind zu Beginn etwas holprige sachlich-effiziente Monologe. Die Selbstgespräche klingen aber manchmal danach, dass sich die Software sogar über die eigenen Erkenntnisse wundert oder auch zufrieden mit den eigenen Schlussfolgerungen ist.
Bald schon werden aber aus den Monologen Dialoge mit den beiden Protagonist_innen Patricia und Henry und man erfährt so manches über die Logik, nach der Einbug funktioniert, aber auch, darüber, wie die Menschen funktionieren.

Schon sehr schnell entwickeln die beiden Hauptcharaktere einen Beschützer_innen-Instinkt und möchten Einbug davor bewahren, in die falschen Hände zu geraten. Es reift ein Plan heran, Einbug (fast wie einst E.T.) zu verstecken und seiner/ihrer Bestimmung zuzuführen.

Man spürt die gesamte Erzählung hindurch den Wunsch von Theresa Hannig, einen Teil dazu beizutragen, die Zukunft mitzugestalten, sie besser zu machen bzw. sie zu retten. Dass das mit den gegenwärtigen Systemen und Konstellationen nicht in einem vertretbaren Zeitraum zu bewerkstelligen ist, ahnt nicht nur die Autorin.
Wie aber können wir aus unserer ins Chaos weisenden Spirale ausbrechen?

Und Wissen ist Wahrheit, und Wahrheit ist schön.“

Hannigs konsequent erscheinende Wahl fällt auf eine Macht, die eigentlich keine Macht anstrebt, sondern „nur“ intelligenter und lernfähiger ist, als alles, was bisher auf der Erde existiert. Eine Lösung für die Rettung der Welt, könnte natürlich auch die Abschaffung der Menschheit als solche sein, was dann aber natürlich keine besonders menschenfreundliche Utopie wäre.
Statt wie viele Dystopien es postulier(t)en, ist für Hannig und damit für Einbug der Mensch nicht das Problem, sondern die Lösung. Der Mensch ist zu kompliziert, zu vielseitig und zu wichtig, um nicht alles dafür aufzubringen, ihn zu verstehen und zu schützen. Folglich setzt sich die KI Prioritäten, die zur Rettung der Menschheit führen sollen.

Überhaupt ist der Mensch mit seinen Besonderheiten und Unzulänglichkeiten, mit seinen Stärken und Schwächen ein wichtiges Element in Hannigs Zukunftsroman. Sie zeichnet keine stereotype Figuren, sondern zeigt ganz im Gegenteil, wie ein guter Mensch, schlechte Dinge tun kann und dass es überhaupt notwendig ist, einen übermächtigen Bösewicht in der Geschichte zu haben, um sie spannend zu gestalten.

Hannig stattet ihr Charaktere-Set dezent divers aus und dass die gemeinsamen Erschaffer einer starken KI eine Frau und ein (homosexueller) Mann sind, ist wohl kein Zufall. Zudem kann man nicht sagen, dass die beiden Protagonist_innen dem Klischee klassischer Programmier*innen entsprechen.

Auch wenn die KI einer der Haupt-Charaktere ist, wird die/der Leser*in nicht mit allzu vielen informatischen Einzelheiten behelligt und der Technik-Teil wird durch die Darstellung der KI-Logik in Form von Selbstgesprächen bzw. Dialogen abgedeckt.

Die Künstlichen Intelligenzen in Literatur und Film nahmen in der Vergangenheit gerne mehr oder minder humanoide Züge an (vgl. Dieter, Daniel G.; Gessler, Elyse C.: A preferred reality: Film portrayals of robots and AI in popular science fiction). Ob es Marias Roboter-Double in Metropolis, R2-D2 und C-3PO in Star Wars, Data in Star Trek, Marvin in Per Anhalter durch die Galaxis oder WALL-E im gleichnamigen Film ist, die Interaktionen mit menschlichen Charakteren wird dadurch gleich etwas greifbarer. Man kann so eher eine soziale Beziehung mit der KI aufbauen, ggf. sie auch besser bekämpfen.
Bei einer nicht in einem Körper manifestierten KI fällt es einem schon etwas schwerer, sie wie ein (gleichwohl wesentlich intelligenteres) Wesen zu behandeln.

Dass KI’s aber auch ohne einen festen Körper dargestellt werden können, wurde durch Skynet in Terminator, GERTY in Moon oder HAL 9000 in 2001: Odyssee im Weltraum eindrücklich gezeigt. Wobei HAL 9000 durch die rote Kameralinse seines optischen Interfaces trotz fehlenden Körpers einen dauerhaften Platz als Symbol für eine überaus machtvolle, aber wenig menschenfreundliche KI erhielt.

Einbug allerdings, ist gänzlich nicht-stofflicher Natur, wenn man von seinen/ihren IT-Komponenten einmal absieht. Dennoch schafft es Hannig, Einbug auch ohne einen sichtbaren Körper eine Persönlichkeit zu geben, die im Verlauf der Geschichte heranreift und von einer menschlichen Persönlichkeit kaum noch zu unterscheiden ist. Dass eine prinzipielle Unterscheidung trotz nicht angelegter Gefühle auch gar nicht beabsichtigt ist, wird auch darin deutlich, dass die KI für sich dieselben Rechte der UN-Charta einfordert wie sie jedem Menschen zugestanden (aber in der Realität nicht immer gewährt) werden.

Auch wenn das Erwachen einer starken KI einer Deus ex machina nahekommt, ist sie in Hannigs Pantopia nicht irrational allmächtig. Trotz ihrer/seiner (künstlichen) Intelligenz und schier unbegrenzter Informationsressourcen, ist sie/er von der Kooperation mit Menschen und auch vom Faktor Zeit abhängig. Das bedingt dann auch einen Großteil der Spannung, von der es in Hannigs Roman nicht wenig gibt und gerade gegen Ende der Geschichte thrillerhafte Züge annimmt.

Trotzdem hat Einbug durchaus gottgleiche Züge, allerdings solche, einer der Utopie angemessenen guten Göttin, eines guten Gottes. Auch wenn es hier nicht zwangsläufig erforderlich erscheint, religiöse Vergleiche anzustellen, komme ich (wahrscheinlich meiner eigenen katholischen Sozialisation geschuldet) nicht umhin, mit christlichen Analogien, von denen eine auch im Roman selbst kurz angerissen wird, zu liebäugeln. So finde ich durchaus Gefallen daran, einzelne Charaktere mit Gestalten aus dem Neuen Testament zu vergleichen. Ich bilde mir ein, Analogien zwischen Roman-Charakteren und Jesus, Petrus, Judas und wahrscheinlich sogar noch anderen Aposteln, aber auch Pilatus und Longinus zu finden, ohne dem Ganzen einen unangemessenen religiösen Anstrich verpassen zu wollen.

Die Tatsache, dass die Handlung in einer nicht wirklich fernen Zukunft spielt, sie alles andere als stereotyp ausgearbeitet ist und die Notwendigkeit, dass die Menschheit als Ganzes sobald wie möglich die Kurve kriegen muss, um fortzubestehen, verschafft dem Szenario von Theresa Hannigs Science-Fiction-Roman eine beängstigend-hoffnungsvolle hohe Wahrscheinlichkeit für sein Stattfinden. Allein der wahrscheinliche Zeitpunkt des Erwachens einer starken KI ist (dem Plot geschuldet) hierbei um mehrere Jahrzehnte vorverlegt worden … aber … man kann ja nie wissen, was wahr sein wird … und Wahrheit ist schön.

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