Theresa Hannig: König und Meister

Keine Ahnung, an was es lag, aber Theresa Hannigs neuestes Werk ‚König und Meister‚, erschienen in Edition Roter Drache, fesselte mich von Anfang bis Ende.

Naja … ich könnte schon ein paar Antworten auf diese Frage geben, aber es war dennoch eine merkwürdig alte und auch neue Erfahrung, mal wieder einen Roman von Anfang bis Ende lesen zu können. Also imstande zu sein, so richtig bis zum Ende durchzulesen … und das in einem Zeitraum, in dem sogar ich mich noch an den Anfang erinnern kann.

Normalerweise ist mein Leben, so wie das von wahrscheinlich sehr vielen, geprägt von schnellem Lesen kurzer Nachrichten oder social media-Postings. Wenn’s ganz dumm läuft, bleibt’s sogar nur bei den Überschriften und man denkt sich, Kraft seiner übersinnlichen Fähigkeiten den Rest des Textes einfach so, wie man das gerne haben möchte … #filterblase #echokammer

In einem Anfall von kritischer Selbstreflexion musste ich in letzter Zeit bemerken, dass dieses Verhalten offenbar auch einen Einfluss auf meine Konzentrationsfähigkeit hat … oder aber ich werde einfach nur älter. Es fällt dem eigenen Gehirn eben nur sehr schwer, das eigene Gehirn zu beurteilen …

Längere Texte lese ich schon seit geraumer Zeit nur noch im beruflichen Kontext: Anträge, Protokolle etc. Das gehört eben dazu und wenn an einer Hochschule tätig ist, aber so richtig befriedigend ist das eher kaum. Selbst bei interessanten Sachbüchern und wissenschaftlichen Artikeln schweife ich immer schnell ab und fühle mich genötigt, schnell mal die ein oder andere Sache im Netz nachzuschlagen … was nicht selten dazu führt, dass ich vergesse, wie zur Hölle ich nach stundenlangem Surfen da jetzt eigentlich hingekommen bin.

Umso schöner war das Gefühl, mal wieder einen Roman in Händen zu halten, den ich gar nicht mehr aus denselben geben wollte. Nicht, dass es (seit langer Zeit) sich um den ersten, sich in meinen Händen befindenden Roman handelte … schließlich überkam mich in den vergangenen Monaten immer wieder der spontane Bücherkaufrausch und wie von Geisterhand bestellte ich dann online Sachbücher und Romane (ganz brav wenn’s ging beim Verlag oder in einem Online-Buchhandel meines Vertrauens, wie ecobookstore), deren Ankünfte mich dann kurzfristig glücklich machten und ungemein beruhigten … ich könnte ja all die schönen Papierwerke wirklich lesen *freu*. Warum die Bücher aber immer noch verstreut im Arbeitszimmer ihrer „Nutzung“ harren, vermag ich nicht zu beantworten, ohne in Scham zu versinken. Nicht so bei Theresa Hannigs Mysterythriller ‚König und Meister‘.

Vielleicht lag’s an ihrer persönlichen Signatur, die das Titelblatt meiner Ausgabe ziert oder daran, dass sie freundlicherweise schon auf meine für die Welt völlig irrelevanten Tweets reagierte … oder eben doch, an ihrer fesselnden Art zu schreiben. Letzteres Argument wiegt auf jeden Fall am schwersten.

Auch wenn es von der Jahreszeit eher untypisch war, sich mit einem guten Buch zu vergraben (der Frühling wehte gerade durchs Ländle), so fühlte sich das Lesen dieses Buches doch in etwa so an, als ob man sich im Herbst wieder das erste Mal mit einem guten, alten Single Malt zurücklehnt und Zeit zum Nachdenken hat … über das Leben, das Universum und den ganzen Rest (R.I.P., D.A.).  

Theresa Hannig vermochte mir durch ihren eleganten und abwechslungsreichen Erzählstil und geschickt platzierten Perspektivenwechsel der Charaktere das Gefühl zu vermitteln, die ganze Szenerie unmittelbar vor Augen und darüber hinaus zu projizieren. Es wäre mir schon ein bisschen peinlich einzugestehen, dass ich ein gruselig verbranntes Gesicht in meine Traumwelt einbastelte, aber leugnen kann ich’s eben auch nicht.

Was in ihrer Geschichte, die eigentlich auch „Königin und Meister“ heißen könnte, vorsichtig und beinahe beiläufig Fahrt aufnimmt, wenngleich sie mit einem einschneidenden, alles auf den Kopf stellenden Erlebnis der Protagonistin Ada König beginnt, erhält nach und nach in wohl (ich möchte fast sagen, perfide) platzierten, Dosen (ein*e gute*r Autor*in hat schon auch etwas von einem Drogendealer) Einzelheiten, die sich dann in einem sich überstürzenden Galopp zu einem Ganzen fügen … und das in bester Thriller-Manier erst auf den allerletzten Seiten. Es war mir ab Kapitel 43 wirklich unmöglich, das Buch wegzulegen, wenngleich es gerade zeitlich eher nicht wirklich passte und mich eine andere Aufgabe rief … aber, da musste ich eben durch und einfach schneller lesen!

Well done, Theresa Hannig. Mission accomplished!

Du hast den unwiderlegbaren Beweis angetreten, dass man sich als hervorragende Autor*in nicht auf nur ein Genre festlegen muss … obwohl ich doch auch schon Deinem nächsten Science Fiction-Roman entgegenfiebere. 

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