Im Grunde ist es gar nicht so verwunderlich, dass wir Menschen uns in Geschichten Monster erschaffen, vor denen wir uns ängstigen (wollen). Der Reiz, eine Prise Angst für kurze Zeit zu empfinden, ist seit der schriftlichen Überlieferung und wohl schon lange zuvor, ungebrochen. Jede Kultur und jede Generation hat ihre eigenen Monster, die in gewisser Weise auch den Zeitgeist der Ängste widerspiegelt. Und da wir uns schon nach kurzer Zeit an alles gewöhnen und auch immer schneller gelangweilt sind, verlangt es uns quasi ständig nach neuen Monstern. Einige Monster aber überstehen den Wandel der Zeit und ängstigen seit Generationen Jung und Alt, denn sie öffnen eine tief in der Amygdalla verborgene Tür, die wir alle in uns haben.
Wieso ist das aber nicht so verwunderlich? Meiner bescheidenen Meinung nach versucht sich unser Gehirn vor Gefahren zu schützen, indem es uns über Geschichten fiktionale Angst in kleinen Häppchen kredenzt, damit wir uns vielleicht auf die echten Ängste der Realität vorbereiten können. Eine andere Erklärung wäre, dass uns das Gehirn einreden und vorgaukeln möchte, dass das, was uns Monster in Erzählungen einjagen, die echte Angst ist. In Wahrheit jedoch verbirgt sich das wirkliche Grauen nicht in Büchern, Bildern und Filmen, sondern da, wo man es nicht vermuten würde. Würden wir es erkennen, wären wir kaum dazu in der Lage, jemals wieder das sichere Bett zu verlassen.
Die Kurzgeschichte von Franziska Ammer entführt uns in eine Castingshow der besonderen Art. Die Juroren dieses Formats sind nicht auf der Suche nach Sänger_innen, Tänzer_innen oder Künstler_innen anderer Couleur, sondern nach dem monströsen Monster der nächsten Generation, dem Monster 2.0. Und so sehr sich die bekannten Monster neu erfinden möchten, um herauszustechen, gegen EIN Monster hatten und haben sie nicht die geringste Chance.
Mystica
von Christine Fritz
Vampire haben es in der heutigen Zeit nicht wirklich einfacher als in den letzten Jahrhunderten. Es ist komplizierter geworden, an das begehrte Blut zu kommen und die omnipräsente mediale Überwachung macht es ihnen auch nicht gerade leichter, unerkannt zu bleiben. Aber das soll nicht heißen, dass Vampire nicht auch mit der Zeit gehen könnten. Einige sind den modernen Technologien durchaus aufgeschlossen und lassen sich von High-Tech-Gadgets gerne begeistern. Doch auch Vampirjäger wissen neue Technologien zu nutzen und ergänzen das Arsenal ihrer Standardwaffen (Holzpflock, Kruzifix, Knoblauch, Weihwasser u.a.) mit allerlei Tools, mit denen sie die Blutjäger überlisten möchten.
Christine Fritz erzählt von dem actionreichen Intermezzo eines solchen Zusammentreffens während einer ganz normalen Handy-Shopping-Tour, die von jetzt auf nachher grandios eskaliert.
Das zweite Leben
von Marco Lombardi
Die Konsequenzen der Klimakatastrophe können schon sonderbare Wege einschlagen. Ein gepeinigtes, zum ungewollten Leben gezwungenes Wesen erblickt ein zweites Mal im gar nicht so ewigen Eis das Licht der Welt. Missverstanden, belästigt, gefürchtet und gejagt findet die überstanden geglaubte Shelleysche Tortur in der kurzweiligen Kurzgeschichte von Marco Lombardi ihren zweiten, vielleicht aber nicht letzten Akt.
Kaltgewaltzter Stahl
von David M. Henne
Monster sind nicht immer leicht zu erkennen. Manchmal tarnen sie sich, manchmal verstecken sie sich und manchmal sehen sie einfach nicht so aus, wie man sich gemeinhin ein Monster vorstellt. Auch ist es ziemlich schwer zu beurteilen, ob man selbst ein Monster ist, denn die wenigsten Monster empfinden sich als solches, während sie Monströses tun. Mal sind sie der Überzeugung, dass das, was sie da tun, völlig normal oder/und in Ordnung sei, mal übernimmt das Monster in ihnen die Kontrolle und verdrängt das Menschliche, so dass der Mensch-Anteil gar nichts von Monster-Trip mitbekommt. So ergeht es auch dem Menschen in David M. Hennes Kurzgeschichte. Er ist auch derjenige, der am allermeisten davon überrascht ist, als ihn der Vollmond verwandelt.
Ein kleiner Werwolf-Krimi, der meiner Meinung nach sein Potenzial leidern nicht zur Gänze ausgeschöpft hat.
Die Welt der Monster ist eine, die nach ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten existiert. Weder die üblichen physikalischen Prinzipien noch die uns Menschen wohlvertrauten ethischen Grundregeln scheinen dort zu gelten. Wie also sollte ein Zusammenleben normaler Menschen mit normalen Monstern möglich sein? Zahlreiche Geschichten der Phantastik erzählen uns von derlei interspezifischen Kollisionen, die in der Regel … sagen wir mal … suboptimal verlaufen.
Wie eine Interaktion zwischen sehr unterschiedlichen Monstern in einem relativ gut geschützten Raum stattzufinden vermag, erzählt Monika Grasl in einer psychotherapeutischen Sitzung der ganz besonderen Art zwischen dem leicht gespaltenem Dr. Jekyll und dem ziemlich deutlich unsichtbaren Prof. Griffin.
Ohne vorgreifen zu wollen, kann ich doch verraten, dass auch diese eloquent und spannend erzählte Begegnung … sagen wir mal … suboptimal verläuft.
Gegen das Vergessen
von Katharina Stenzel
Sogenannte Monster in ihrem ureigensten Habitat sind im Grunde auch nur empfindsame Wesen. Erst wenn sie in Kontakt mit Menschen kommen, werden sie Monster genannt. Das sollte uns irgendwie zu denken geben.
In dieser Kurzgeschichte von Katharina Stenzel sind die „Monster“ alles andere als furchteinflößend oder gefährlich. Sie fristen größtenteils in völliger Dunkelheit und Einsamkeit ihr Dasein und nur die wenigen Augenblicke der Zweisamkeit lassen sie die jahrhundertelange Isolation ertragen. Auch wenn es immer nur wenige Stunden miteinander sind, bedeutet es für beide doch die Welt. Bedauerlicherweise halten die ihnen auferlegten Aufgaben sie davon ab, ihre Gefühle füreinander zu erkunden und ihren Sehnsüchten nachzugehen. Als sie es dann doch tun, hat sich die Welt verändert und es ist beinahe zu spät.
Eine melancholische Monster-Geschichte der anderen Art, die einen über versäumte Gelegenheiten nachdenken lässt.
Die Dinge werden sich ändern, mein Schatz
von Sabine Brandl
Die Welten der Lebenden und der Toten sind nicht so weit voneinander entfernt, wie man vermuten mag. Und das bemerkt man nicht nur dann, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben tritt. Doch worin genau besteht der Unterschied? Und gibt es neben unserer Realität noch eine weitere, in der Geister existieren? Vielleicht auch eine, die Untoten vorbehalten ist? Oder leben wir alle in einer einzigen Welt und bemerken nur (noch) nichts von unserer Koexistenz?
Eine humorvoll-gruselige Geschichte von Sabine Brandl, in der die Protagonistin Antworten auf all diese Fragen und noch einige mehr in einer einzigen alles verändernden Nacht erfährt.
Briefe eines Unsichtbaren
von Anne Fuchs
–
Die Stimme der Unterwelt
von Volker Liebelt
–
Das Ding der Stadt
von Fabian Henry
–
Frankensteins Monster und der Zug der lebenden Toten