Woher stammen wir? Wer hat uns oder die Erde erschaffen? Fragen, die die Menschheit schon seit Jahrtausenden quälen. Bereits die Religionen haben den uralten Schöpfungsmythen unserer Vorfahren den Garaus gemacht und ihre ganz eigene Schöpfungsgeschichte an ihrer statt installiert. Dann kam die Wissenschaft und fand heraus, dass das alles gar nicht so passiert sein konnte, schon gar nicht in den von den Kirchenmännern postulierten kurzen Zeiträumen. Sogar die göttliche Schöpfungsmacht wurde angezweifelt respektive widerlegt. Davon, dass die Erde der Mittelpunkt unseres Sonnensystems oder der Mensch die einem Gott nachempfundene Krone der Schöpfung sei, mussten wir schon bald Abschied nehmen. Zumindest, wenn man etwas für wissenschaftliche Fakten und Logik übrig hat. Diese Dämpfer in Sachen Demut prägen noch heute unser Weltbild und unsere Rolle darin. Doch so richtig beweisen konnte man neben all der Theorien den Ursprung des Lebens bisher nicht.
Das hochkomplexe Gerät, das Kairoskop, in Dieter Bohns spannend und witzig erzählten Kurzgeschichte soll ein für allemal Klarheit verschaffen, indem es den Wissenschaftler_innen Einblicke in die Milliarden Jahre zurückliegende Vergangenheit gewähren soll, als das erste Leben entstand … die Urzelle des Lebens. Doch dummerweise, wie so oft in der Wissenschaft, findet man nicht so wirklich das, was man erwartet hatte … so überhaupt nicht das, was man für möglich gehalten und es vielleicht besser nie erfahren hätte.
Denn vielleicht würde das, was man da erkennen müsste, unser Selbstbild von der besonderen Einzigartigkeit der Menschheit im Universum gehörig zurechtstutzen und anstatt dass wir die Nase weiterhin so hoch tragen könnten, würden die anderen da draußen vielleicht dieselbige bei unserem Anblick eher rümpfen.
Que pasa?
von Ellen Norten
[Image source: genAI, Flux.2]
Es ist schon eine seltsame Sache mit der Realität. Wir glauben immer, wir wüssten, was real ist und gehen wir selbstverständlich davon aus, dass das immer so bleiben wird. Es gibt aber Momente im Leben, an denen wir einen kurzen Blick in eine andere Realität erhaschen. Wir tun das gerne mit Halluzinationen oder temporärer Verwirrung ab. Was wäre, wenn es zwischen den uns bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten Zonen der Varianz gäbe, die einen Übergang in andere Welten ermöglichen oder zumindest uns einen Blick in sie gewähren.
Ellen Norten erzählt in ihrer mysteriös-unterhaltsamen Kurzgeschichte einen nicht ganz normalen Tag einer Biologin, die eigentlich nur ihren Trip nach Barcelona genießen wollte. Als sie nach einem Snack, den sie nicht so wirklich vertragen hat, im Krankenhaus aufwacht, sieht sie Dinge, die es eigentlich so nicht geben kann. Sind das Nachwirkungen ihrer Lebensmittelvergiftung? Sind es die Folgen des Organismus, der sich über das Essen in ihrem Blutkreislauf eingenistet hat? Oder haben sich die allgemeingültigen Gesetze der Physik für einen kurzen Moment für sie in Nichts aufgelöst?
Der Turm der Wahrheit
von Thomas Le Blanc
[Image source: genAI, Flux.2]
Mich etwas an die „Die Bibliothek von Babel“ von Jorge Luis Borges erinnernd, erzählt uns Thomas Le Blanc von einem magischen Turm, dessen Fenster auf verschiedenen Wegen die Wahrheit zu zeigen vermögen. Dabei schildert er das erste Lehrjahr des Novizen Pavel, wie er vom Hüter des Turms, Meister Ohm in die Geheimnisse des magischen Bauwerks eingeweiht wird. Im Grunde entpuppt sich die Kurzgeschichte als der Prolog einer noch nicht erzählten Geschichte, denn so richtig zu einer Handlung kommt es während der sehr detailreichen Worldbuilding-Beschreibungen nicht. Schade, denn durch die Beschreibungen, wie sich Pavel in das Leben im Turm eingewöhnt, seine ihm helfend zur Seite stehende Gnomenfamilie, die sich in der Turmbibliothek verbergenden Geheimnisse und nicht zuletzt das mysteriöse Fenster ohne ersichtliche Funktion, laden geradezu ein, in weltenumspannende Abenteuer verstrickt zu werden.
Aber vielleicht ist genau dies die Absicht des Autors, der schließlich selbst Meister eines magischen Bauwerks in Wetzlar ist und hoffentlich nicht allzu bald müde sein Amt an eine_n Nachfolger_in übergeben muss.
Hieronymus Insitoris, Inquisitor Cosmicorum
von Alexander Röder
[Image source: genAI, Flux.2]
Die Bedeutung von Kunst wird oft unterschätzt, solange sie sich frei entfalten kann. Erst, wenn Künstler_innen verfolgt und ihre Kunst geächtet oder vernichtet wird, wird deutlich, welchen Stellenwert Kunst für eine freie Gesellschaft hat und welche Bedrohung sie für faschistische Systeme darstellt. Gruppierungen, Parteien, Staatsführer, Staaten und auch Konzerne, die Freiheit einschränken wollen, müssen zwangsläufig Kunst kontrollieren.
Aber selbst Autokratien, Oligarchien und Theokratien bedienen sich der Kunst willkürlich nach Gutdünken und missbrauchen und pervertieren Bilder und Narrative, um ihre Herrschaft zu legitimieren und auszubauen. Kunst wird nicht nur durch Ideen geschaffen, sie generiert auch Ideen. Und diejenigen, die die Kontrolle über Kunst haben, haben auch die Kontrolle über die Ideen. Folglich kann keinesfalls die Rede davon sein, dass Kunst nicht systemelevant sei.
Alexander Röder erzählt eine Geschichte des verzweifelten Widerstands von nur noch wenigen verbliebenen Hexen gegen eine massiv despotische Theokratie in einer fernen Zukunft. Da der Widerstand bereits sehr geschwächt ist, bündelt eine der verbliebenen Hexen mit ihrem Familiar ihre Kräfte und statt zu versuchen, die herrschende Köpfe rollen lassen zu wollen, wählt sie den Weg zurück in die Vergangenheit, um nicht Menschen aufzuhalten, sondern diejenigen Ideen und Kunstwerke zu zerstören, die dereinst dazu benutzt wurden, das menschenverachtende Regime erstarken zu lassen … teilweise, ohne dies selbst zu wollen.
Ein von Alexander Röder erzählter sehr außergewöhnlicher und überraschender Genremix aus Science-Fiction, Fantasy und Volkssage mit mich diesmal gar nicht so sehr verwirrendem Zeitreisemotiv.