QUEER*WELTEN 15-2025

Inhalt:

Zur Ausgabe 15/2025:

In der 15. Ausgabe des queer*welten-Magazins vom Amrûn Verlag kuratierten die drei Herausgeberinnen Judith Vogt, Lena Richter und Heike Knopp-Sullivan neben phantastischen Kurzgeschichten auch zahlreiche Kürzestgeschichten „Heiter scheitern“ mit 60 Zeichen pro Zeile auf 15 Zeilen. 
Leider reicht mein poetisches Verständnis nicht aus, damit mir beim Lesen der Heiter-Scheitern-Texte Rezensionen einfallen, weshalb sich hier nur Micro-Rezis zu den Kurzgeschichten befinden.

Kurzeindrücke der einzelnen Texte:

H exen helfen heilen mit (Heiter scheitern)
von Rosa* Kato Glück

Die Hummel
von Carina Zacharias

Screenshot des Titels der Kurzgeschichte "Die Hummel" von Carina Zacharias in Fischaugen-Optik

Kurzgeschichte:

Konsequent ist die dystopische Welt von Carina Zacharias ja, das muss man ihr lassen.
Nicht nur, dass die Klimakatastrophe die Küstenländer weggespült, Stürme regelmäßig verheerende Fluten durch die Städte jagen und Jahreszeiten immer extremer ausfallen … nein, auch die Insekten haben größtenteils das Antlitz der Erde verlassen.
Zu allem Überfluss leiden die Menschen unter chronischer Erwerbslosigkeit und Regierungen setzen Künstliche Intelligenz ein, um einerseits zu überwachen und andererseits nach und nach ihnen ihre Lebengrundlage zu entziehen, indem die menschliche Arbeitskraft durch künstliche ersetzt wird.
Trostloser kann es für eine_n in dieser dem Untergang geweihten Welt kaum noch sein. Doch ein fast unmöglicher Zufall setzt bei der Hauptfigur der Kurzgeschichte, Nuhu, einen Prozess in Gang, der Hoffnung macht und zeigt, dass trotz aller Ausweglosigkeit, eine mitfühlende Berührung und ein fast ausgestorbenes Insekt, mehr Bedeutung haben, als man es für möglich halten könnte.

Eine gefühlvolle und im Grunde zärtliche Erinnerung an die wichtigen Dinge im Leben und dass auch nur ein einziges Exemplar unserer wahren Bestäubungshelden (Bienen werden überbewertet) zahlloser entomophiler Pflanzen dazu imstande ist, das Leben eines Menschen mit einem Sinn zu versehen, ihn selbstermächtigend sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und Zuversicht vermittelt.

Die Bäckerin (Heiter scheitern)
von Gloria H. Manderfeld

Hundespielzeug (Heiter scheitern)
von Maj Wedlich

Ein ganz normaler Mensch
von Hagen Geyer

Screenshot des Titels der Kurzgeschichte "Ein ganz normaler Mensch" von Hagen Geyer

Kurzgeschichte:

Eine Metamorphose durchzumachen ist keine Krankheit. Gleichwohl es die Umwelt so interpretieren mag. Immer dann, wenn man aus standardisierten Mustern herauswächst oder auszubrechen versucht, neigen die Norm-Wesen dazu, einen zu verjagen oder klein zu machen, damit man sich wieder einfügt.
Hagen Geyer geht in seiner subtil-ätherischen Kurzgeschichte über die Metaphorik eines Lebens als Geist hinaus und gibt uns Einblicke in die reale Verwandlung eines Geistes in einen Menschen, während wir parallel an den Gedanken des behandelnde Geist-Arztes teilhaben. Immer in der Annahme, die Veränderung sei krankhaft und entweder durch Glauben, Disziplin oder Medikamente aufzuhalten, die sogar vom betroffenen Geist anfangs geteilt wurde, weil man/geist eben niemanden enttäuschen oder verletzen will.

Die Kurzgeschichte offenbart die Verzweiflung, aber auch die wachsende Selbstliebe eines sich allmählich verändernden Geistes, die notwendig ist, die eigene Veränderung zu akzeptieren und mit Unterstützung anderer, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Und vielleicht ist man/geist dann gar nicht mehr so sicher, „dass es per se schlecht ist, ein Mensch zu sein.“

Windiger Antrag (Heiter scheitern)
von Coco Celestis

Hyperlight Delivery Services (Heiter scheitern)
von Lisa Olthafer

Die Pflicht, alt zu werden
von Lian Ay Gee

Screenshot des Titels der Kurzgeschichte "Die Pflicht, alt zu werden" von Lian Ay Gee in gestörtem Bildschirm-Optik

Kurzgeschichte:

Hoffnung ist ein fragiles Gut. Allzu leicht lassen uns Ereignisse verzweifeln, allzu oft versuchen andere uns verzweifeln zu lassen. Wer die Hoffnung verliert, ist ein leichtes Opfer und hat keine Kraft zu kämpfen. Deshalb ist es auch eine der ersten Maßnahmen machthungriger Faschist_innen, Angst und Verunsicherung zu verbreiten und Hoffnungen zu zerstören bzw. Wünsche zu erzeugen, die versprechen, man könne durch simple Lösungen selbstsüchtige Ziele erreichen.
Dieses Ringen um einen passablen Kompromiss bei gleichen Rechten für alle und die Auslöschung jedweder Andersartigkeit und Vielfalt zur Dominanz einer einzigen Gruppe prägt die Geschichte der Menschheit von jeher.
Wie in einer scheinbar aussichtslosen Zeit von einer kleinen Gruppe mutiger Menschen, die nicht aufgeben wollen, der Funke der Hoffnung in anderen Dimensionen gesucht wird, um das Ruder wieder Kurs auf eine lebenswerte Welt für alle zu nehmen, erzählt Lian Ay Gee in dieser nicht unkomplizierten, aber eindrücklichen Kurzgeschichte.

Br_uch (Heiter scheitern)
von Jassi Etter

Kinderladen
von Jol Rosenberg

Kurzgeschichte:

So bizarr die Vorstellung eines Androidenkindes auf Probe auch sein mag, so plausibel ist die Idee, wenn man sie konsequent zu Ende denkt. Neben des wohldurchdachten und einfühlsamen Plots und den einzelnen interessanten Aspekten der fiktionalen Handlung, wurde ich beim Lesen fast zwangsläufig in den Bann gegenwärtiger und zukünftiger ethischer Fragestellungen hineingezogen. Ein klassischer Jol-Effekt.

Hätte das Kindeswohl tatsächlich Priorität vor Art. 1, Abs. 2 und Art. 6 GG, wäre es nicht so ohne Weiteres möglich, Kinder ohne vorherige Tauglichkeitsprüfung auf biologischem Weg zu bekommen. Dass im Gegensatz dazu bei einer künstlichen Schwangerschaft oder einer Adoption vom Gesetzgeber
sehr hohe Hürden festgelegt werden, erscheint im Angesicht von Vernachlässigung, physischer und psychischer Misshandlung oder gar Missbrauch im Umfeld „natürlich“ entstandener Eltern nur schwer verständlich.
Es poppen beim Lesen Fragen auf, wie: Sind die Qualifikationen zur Elternschaft wirklich messbar? Welche Qualifikationen in welcher Priorisierung sind tatsächlich ausschlaggebend für eine gesunde und glückliche Kindheit der eigenen Nachkommen?

Jol Rosenberg thematisiert in dieser Kurzgeschichte nicht wirklich leichte, aber essentielle Fragestellungen zur Eignung als Eltern, zur Verarbeitung und Heilung von Kindesmissbrauchsopfern, zur wachsenden Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen und auch zum Recht auf Menschenwürde als Rechtssubjekt bei Androiden mit künstlicher Intelligenz, die alle meiner Ansicht nach keinesfalls abschließend geklärt sind.
Die in der Realität (noch) nicht spruchreifen Verfahren, wie beispielsweise die Löschung des Speichers von androiden Missbrauchsopfern, regen zum Nachdenken an, auch weil Traumata bei Menschen wohl nur selten durch Ignorieren oder „Vergessen“ einer Heilung zugeführt werden können.

In einer anthropozentrischen Welt, in der sich der Mensch von der Natur nahezu völlig entfremdet hat, wäre es nur konsequent, ursprünglich von der Natur gelenkte, nun aber von ihr nahezu vollständig losgelöste Prozesse einer künstlichen Kontrolle zu unterziehen, die in Bezug auf „das Führen von Kindern“ vielleicht der Fahrerlaubnis von Kraftfahrzeugen ähneln könnte.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn sich die Robotik und KI-Forschung in der gegenwärtigen Geschwindigkeit weiterentwickelt, sich schon in wenigen Jahren der Deutsche Ethikrat mit den hier von Jol angeschnittenen Situationen beschäftigen wird.

Herzschnitthoffnung (Heiter scheitern)
von Eleanor Bardilac

(H)Eis(s) (Heiter scheitern)
von Lou Korte

Fiktionale mit Frosch und Rosskastanie
von Chris Balz

Kurzgeschichte:

Also als stereotyp kann man die Kurzgeschichte von Chris Balz beim besten Willen so überhaupt rein gar nicht bezeichnen. Gleich auf mehreren Ebenen ist die Geschichte etwas sehr Besonderes. Da wäre der Plot, den ich hier wegen akuter Spoilergefahr leider nicht detailliert beschreiben möchte, wobei ich (hoffentlich gefahrlos) sagen kann, dass wir mit Shakespeare, altnordischen Mythen, Magie, Atomenergie, extraterrestrischen Wesen, Märchen, Vampiren, belebten Büchern bzw. Buchfiguren (und Gebäuden), nicht zu vergessen, mit der mir bislang völlig unbekannten Spezies der Fiktionalen und wahrscheinlich noch einer Menge anderer Entitäten in Kontakt geraten, die ich aus purer Überforderung bedauerlicherweise und sträflichst übersehen habe.
Dann haben wir die Sprache, die in bemerkenswerter Konsequenz Neopronomen, inklusiven Plural und sicherlich mir bislang noch andere, mir unbekannte linguistische Weiterentwicklungen verwendet.
Das Ganze wird in einem rasanten Tempo garniert mit metafiktionaler Ansprache und inneren Monologen.

Nur noch einmal kurz ein Reminder: Es handelt sich bei dem all diese Elemente beherbergenden Text um eine KURZ (sic!)-Geschichte.
Es könnte also durchaus erforderlich oder von allgemeinem Vorteil sein, „Fiktionale mit Frosch und Rosskastanie“ ein zweites … oder drittes Mal … zu lesen. Wert ist es die Geschichte auf jeden Fall 😉

Blumenfeuerwerk (Heiter scheitern)
von Tarya K. Moon

Das letzte Gelage (Heiter scheitern)
von Jenny Cazzola

Die Menschheit soll sich im All verwurzeln: Die Raumfahrt in Octavia E. Butlers Parabeln und Mary Robinette Kowals Lady Astronaut-Reihe
von Judith C. Vogt

Essay:

Weltraumfahrt lockt uns einerseits nicht mehr generationenübergreifend vor den Fernseher, wie einst 1969, bewegt uns 2025 aber andererseits noch immer, wenn Superreiche ihre Egos während eines kleinen Trips in die Schwerelosigkeit streicheln. Die Faszination, unseren Heimatplaneten kurzfristig oder für immer zu verlassen, mag sich zwar geändert haben, aber nicht unbedingt, weil es nicht mehr faszinierend ist, sondern weil andere Belange auf der Erde unsere Aufmerksamkeit wesentlich mehr in Beschlag nehmen. Wer hat schon Muße, sich mit Raumfahrtprogrammen zu beschäftigen, wenn sich unanständig reiche und machthungrige Narzissten alles unter den Nagel reißen, was noch nicht unter ihrer Kontrolle ist und während sie kruden Allmachtsphantasien folgen, Faschismus unterstützen oder ihn unverhohlen etablieren?
Die ursprüngliche Idee, die Sterne zu erreichen, ist im Zuge ökonomischer und militärischer Interessen in den Hintergrund geraten. Dennoch ist der originäre Funke der ersten Entdecker_innen und Visionär_innen noch immer vorhanden. Zumindest möchte ich das glauben. Denn wie unermesslich groß wäre der Verlust, würden wir die Sehnsucht nach den Sternen vergessen? Wo es doch so viel mehr bedeutet, als hochkomplexe Technik und unermessliche physische und psychische Anstrengungen so vieler Menschen. Denn sie steht für die Hoffnung, über sich selbst hinauszuwachsen und mehr zu sein, als frau/mann ist.
Doch wer hält, trotz selbstsüchtiger Menschen und widriger Umstände, das kleine Feuer, das noch so winzig anmuten mag, am Glühen?

Judith Vogt bietet uns in ihrem Essay „Die Menschheit soll sich im All verwurzeln – Die Raumfahrt in Octiavia E. Butlers Parabeln und Mary Robinette Kowals Lady Astronaut-Reihe“ zwei Lösungsansätze in Form von Texten der kurz vor der Mondlandung geborenen Mary Robinette Kowal und der vor zwanzig Jahren verstorbenen Octavia E. Butler an. Sie analysiert, wie beide Science-Fiction-Autorinnen die Raumfahrt nicht nur als technologisch realisierbare Tatsache für unterhaltsame und nachdenklich stimmende Geschichten verwenden, sondern sie dazu nutzen, urtümliche Bedürfnisse einzelner Menschen und der ganzen Menschheit zu offenbaren und zu verarbeiten. So unterschiedlich die von Vogt ausgewählten Texte sind, so sehr gleichen sie sich in dem progressiven Versuch, neben all den Unzulänglichkeiten und Verfehlungen der Menschheit, den multiplen Krisen, all den todbringenden Katastrophen und den ausweglos scheinenden Kaskadeneffekten mit diversen herannahenden oder längst erreichten tipping points, den Weg in eine Zukunft zu erarbeiten, in der es sich für alle Menschen, losgelöst von ihren Unterschieden, lohnt, die Zukunft diesseits oder jenseits der Erdoberfläche anzugehen.
In dem kleinen Essay von Judith Vogt erahnt man das profunde Hintergrundwissen der Autorin für Progressive Phantastik und Aktivistin für so viele wichtige und erstrebenswerte Werte und spürt ihre Hingabe für progressive und diverse Literatur, feministische, LGBTQ+-unterstützende und antikapitalistische Themen, vor allem aber für die Menschen dahinter, die von eine gerechtere Welt träumen, an sie glauben und für sie arbeiten und kämpfen.

Heiser scheitern (Heiter scheitern)
von Kristina Schreiber