Nora Bendzko: Die Götter müssen sterben

Wenig begeistert mich mehr, als eine neue Geschichte, in der sich Elemente befinden, die mich an alte Geschichten erinnern oder diese neu erzählen. Mythologeme sind etwas Faszinierendes. Und welche Geschichten könnten inspirierender sein, als die von unsterblichen Gött*innen und ihren Erlebnissen mit sterblichen Erden-Menschen?

So war mit Nora Bendzkos Roman ‚Die Götter müssen sterben‘ sofort meine Neugierde geweckt und meine Erwartungen durchaus hoch. Die griechische Mythologie war meiner Erinnerung nach selten Teil meiner Schulbildung und schaffte es nur mit viel Zufall und temporär aufflammendem Wissensdurst in meine eigene Mythen-Phantasie. Zumal sie mit nordischer, ägyptischer und römischer Mythologie um Aufmerksamkeit konkurrierte. Von indischen, asiatischen, persischen, nordamerikanischen, australischen und afrikanischen Mythen mal ganz abgesehen. Das Besondere an der griechischen Mythologie aber war für mich immer, dass sie von der römischen vereinnahmt, um- und weitererzählt wurde, bis sie bekanntermaßen der europäischen Christianisierung zum Opfer fiel. Zwar bieten auch Legenden und Geschichten rund um das den Dornbusch und das Kreuz viel Interessantes und Mythenhaftes, aber so richtig in Schwung kommen monotheistische Erzählungen nicht wirklich 😉

Wir kennen alle den Ausgang der griechisch-antiken Geschichte, nämlich, dass Troja fallen wird und man sich eigentlich fragt, wie soll denn bei diesem wohlbekannten Ende eine spannende Geschichte erzählt werden? Nora Bendzko gelingt es! Sie schafft es, zahlreiche spannende Erzählstränge miteinander zu verknüpfen, sie in traditionelle Überlieferungen einzuweben und völlig neue historisch-mögliche Begebenheiten und denkbare Mythen zu erschaffen. Dabei lässt sie Protagonist*innen Geschichten durchleben, die so wenig gut oder böse sind, wie männlich oder weiblich, hetero- oder homosexuell ihre Charaktere sind. Einfühlsam und detailverliebt schildert Nora Bendzko Interaktionen zwischen Mensch und (Halb-)Gött*in. Ob es Gespräche sind oder körperliche Zusammentreffen aus sexuellem oder militärischem Anlass, Bendzko lässt die/den Leser*in durch ihre offensichtlich tiefgreifende Recherche jede Begebenheit detailliert nachempfinden, während die Szenen vor dem inneren Auge Gestalt annehmen. Am Ende fühlt man immer mit. Gleichgültig, ob es gute oder weniger gute Gefühle sind. Und wer denkt, es mangelt in einem von einer Autorin verfassten Roman an Waffen und blutrünstigen Feinheiten … der irrt … aber sowas von!

Sobald ich von Nora Bendzkos Roman erfuhr, kamen mir Geschichten wir Dan Simmons ‚Ilium‘ und Neil Gaimans ‚American Gods‘ in den Sinn und ich fragte mich, weshalb sich scheinbar nur männliche Autoren mit derlei machtvollen und vor Gewalt triefenden Erzählungen beschäftigten? Ich fand keine befriedigende Antwort. Hervorragend also, dass ich durch andere Vertreter*innen der Progressiven Phantastik von diesem Juwel erfuhr und der Sache auf den Grund gehen konnte, wie sich eine Frau von Männern dominierten Mythen mit nicht männlichen Protagonist*innen nähert.

Allerdings, leicht macht es Nora Bendzko mit den vielen Namen und Orten einem (also zumindest mir) nicht und ich ärgere mich noch immer, dass ich es versäumte, mir einen Glossar bzw. ein Namensregister angelgt zu haben.

Das Urteil sei vorweggenommen: Nora Bendzko näherte sich nicht dem Thema, sie nagelte es! (Das sagt man doch so, oder? Wenngleich ich dabei spontan christlich-motivierte Assoziationen im Kopf habe ;-))

Zur Zeit des Trojanischen Krieges, sollte er stattgefunden haben, drehte sich die Welt natürlich weiter und es geschah sicherlich mehr, als Homer oder all die anderen Erzähler(*innen?) sich da aus den Fingern kitzelten bzw. mündlich tradierten. Da fällt mir ein … was, wenn gar nicht Homer der Verfasser der Ilias war, sondern dessen Frau … oder noch besser, seine Mutter Kreitheïs? Das ist aber vielleicht eine andere, noch nicht erzählte Geschichte.

Sei’s drum. Die Vorstellung, dass nur Männer in Schlachten gekämpft haben sollen, störte mich schon immer und was bei Kelten und Wikinger Alltag gewesen ist (ich freue mich schon wie Bolle auf die ‚Schildmaid‘ von Judith und Christian Vogt!), kann doch am Mittelmeer nicht völlig vorbei gegangen sein! Dass Chroniken und vermeintlich historische Aufzeichnungen wohl hauptsächlich von Männern verfasst worden sind, ließ in mir schon früh den Verdacht aufkeimen, dass, gemäß der Devise, die Sieger schreiben die Geschichte, es hier vielmehr oft geheißen haben mag: Männer auf der Siegerseite schrieben die Geschichte, in der Männer siegten.

Das mag aus männlicher Sicht nestbeschmutzend wirken, klingt für mich aber, würde ich mich in die Rolle eines beauftragten männlichen Chronisten hineinversetzen, völlig nachvollziehbar. Zumal getreu der Minnesänger-Devise „Wes Brot ich es, des Lied ich sing“ man ja an sein eigenes Wohl denken muss(te).

Was also, wenn nicht-männliche Protagonist*innen auch in der griechischen Geschichte wesentlich differenzierte Rollen gespielt haben, die sich jenseits geraubter Trophäen oder von Drogen benebelter Orakel bewegten? Was, wenn die bisher nicht wirklich sympathisch oder realistisch gezeichneten Amazonenkriegerinnen eine völlig andere Rolle im Trojanischen Krieg gespielt haben, als es uns Homer und seine Nachfolger weismachen wollten?

Da Mythen hervorragend dazu geeignet sind und es eigentlich auch ihrer Natur entspricht, erscheint die Neuinterpretation von Nora Bendzko der am Trojanischen Krieg Beteiligten völlig logisch und es ist nahezu natürlich, den Blickwinkel zu weiten und Frauen bzw. Nicht-Männern das Wort zu erteilen. Unsere heutige Zeit ist ideal dazu geeignet, um all das, was uns die Geschichte überliefert hat, neu zu bewerten und uns zu fragen, was wir eigentlich davon wissen, wie das Verhältnis von Frauen, Männern und Diversen in historischen Zeiten war, wenn wir nur Überlieferungen aus männlicher Feder kennen?
Ich würde mir wünschen, dass die Neuerzählungen aller (!) Mythen im Stile Nora Bendzkos auf uns wartet.

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