Katherina Ushachov und Florian Waldner (Hg.): Dolche und Gewänder
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Herausgegeben von Katherina Ushachov und Florian Waldner im Silvanus Verlag
Rezension:
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- Jasmin Heinemann: Nemesis
- Kiàn KoWananga: Schlüsselereignisse
- A. M. Amberg: Göttliche Gerechtigkeit
- Jassi Etter: Die letzte Funkenhexe
- David Dams: Finres Rache
- Saskia Dreßler: Ungewöhnliche Maßnahmen
- Luzia Dworschak: 938 Schritte
- Irina Vérène: Von Angriffen und Geschenken
- Katherina Ushachov: Den Styropordolch im Gewande
- Michael Mende: Engelsschwingen
- Ylvie Thistle: Adrians Klinge
- Florian Waldner: Ass im Ärmel
- Maximilian Wust: Der Bewahrer wartet
- June Is: Eine Geschichte von Ruhm und Verdammnis
Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:
Nemesis
von Jasmin Heinemann
Ein schwieriger, aber durchaus klarer Auftrag: Töte die Prinzessin!
Doch wie so oft, ist der Teufel ein Eichhörnchen und alles stellt sich plötzlich dann doch nicht so klar dar, wie es sich in der Theorie angehört hat.
Tara, eine Assassine, ohne die für den Job eigentlich erforderliche Kaltherzigkeit, überwindet die im Plan als schwierig markierten Hürden, nämlich das Eindringen in das Schloss und das Finden der Prinzessin, erstaunlich leichtfüßig und steht während eines opulenten Schlossfestes kurz vor der Erfüllung ihres Auftrags. Es steht für Tara völlig außer Frage, dass die Prinzessin den Tod verdient hat, für all die Grausamkeiten, die sie, der König und der Prinz über ihre eigene Familie und das ganze Volk gebracht haben. Doch dann … kommt alles irgendwie anders…
Eine spannend erzählte Kurzgeschichte mit Witz und Feingefühl, in der einerseits deutlich wird, dass Rache nicht die beste Motivation ist und andererseits, dass die meisten Dinge selten nur schwarz oder weiß sind.
Schlüsselereignisse
von Kiàn KoWananga
Eine spannende Kurzgeschichte mit Magie, magischen Wesen, Grimoires, einer alten Bibliothek, einem Mini-Drachen und natürlich einem ganz besonderen Dolch.
Die Handlung mit nicht-binären, menschlichen, aber auch non-sapiens Charakteren ist von Kiàn KiWananga beschwingt wie ein übermütig-frecher herumalbernder Mini-Drache erzählt und macht Lust auf mehr.
Göttliche Gerechtigkeit
von A. M. Amberg
Der Glaube daran, dass Gottheiten ein Urteil über Menschen fällen, ist so alt wie die Gottheiten selbst. Es scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein, die Verantwortung über eine Strafe an ein höheres Wesen abzugeben, sei es aus Feigheit oder um dem Urteil ein höheres Gewicht zu verleihen. Manchmal wird in der Retrospektive ein Ereignis im Nachhinein als göttliches Urteil definiert, weil es unerwartet oder besonders ausgefallen ist. Manche glauben, sie sind in göttlicher Mission unterwegs und verurteilen oder bestrafen im Auftrag einer Gottheit, was auf eine ganz besonders perfide Art des wahnhaften Narzissmus hindeutet.
In der Kurzgeschichte von A. M. Amberg tritt einer der seltenen Fälle ein, in der tatsächlich eine Göttin für Gerechtigkeit sorgen möchte, um eine vereitelte Tat zu bestrafen und zugleich eine geplante zu vereiteln. Zwar entspricht diese Vorgehensweise nicht so wirklich dem Verständnis von einem modernen menschlichen Rechtssystem, aber zu einer Zeit vor der Gewaltenteilung gab’s wohl nichts Angemesseneres. Man kann nur hoffen, dass der Ausführenden am Ende ihr göttlicher Auftrag abgenommen wird.
Die letzte Funkenhexe
von Jassi Etter
Das Böse ist keine Zutat für eine gruselige Geschichte am Lagerfeuer … es ist immer und überall unter uns. Es ist aber meiner Ansicht nach nichts Übernatürliches, sondern ausschließlich eine Seite der Menschen. Natürlich ist es auch eine Frage der Definition, was böse ist und seit Menschengedenken streiten sich darüber die Geister. Lassen wir mal die Mythen, den Volksglauben oder diverse Religionen außer Acht, so kann ich mich damit ziemlich gut arrangieren, wenn alles, was gegen die Internationale Menschenrechtscharta (International Bill of Human Rights) verstößt nicht gut ist und damit eher in Richtung „böse“ tendiert. Menschen denken an Böses, verleihen ihren bösen Gedanken durch Sprache Ausdruck und/oder handeln böse. Was wir denken ist nur schwer zu beeinflussen (Bildung und Mitgefühl helfen allerdings ziemlich gut), aber wie wir sprechen und was wir tun, kann sehr wohl beeinflusst werden. Es mag uns in unserer ach so aufgeklärten und entzauberten Welt unwahrscheinlich erscheinen, dass das Böse wieder die Dimension einer Hexenverfolgung, einer Inquisition oder eines Genozids erreichen könnte … aber erst durch diejenigen, die wegschauen, wächst das Böse zu einem Flächenbrand, der alles und jede_n verschlingt. Und auch heute scheint die Zahl der Wegschauenden und Hinterherlaufenden wieder größer zu werden.
Doch, wo das Böse aufkeimt, rührt sich auch das Gute. Es ist zarter, vorsichtiger und schüchterner … aber es ist immer da. Es muss beizeiten nur etwas angestupst werden oder einen Tritt bekommen.
Ein komplexer Plot, der aufgrund der Kürze der Geschichte von mir womöglich nicht zur Gänze erfasst wurde, aber zeitreisende Hexen, die in unserer Gegenwart den Funken des Bösen austreten, ist von Jassi Etter schon ein ziemlich cooler Move. Auch wenn diesmal der Dolch nicht zum Einsatz kommen musste … gut, dass er bereit war.
Finres Rache
von David Dams
Es gab für Finre und sein Volk eine Zeit des Friedens und des Glücks. Doch seit der Algorithmische Imperator die Herrschaft auch Finres Heimat übernommen hat, ist nichts mehr, wie es war. Die einst so schöne Wolkeninsel wurde zerstört und Finre verlor seine Flügel. Auch wenn Finre die Zeit nicht wieder zurückdrehen kann, so bleibt ihm wenigsten noch die Rache am Imperator für all seine Greueltaten. Ihm zur Seite steht ein magischer, sehr gesprächiger Dolche, mit dessen Hilfe Finre in den Palast des Imperators vordringen kann. Doch was er dort vorfindet, erschüttert alles, wovon er überzeugt war.
Eine schön-spannende Queste in einer besonders ausgestalteten Welt mit mechanischen Komponenten, die so natürlich mit Magie verwoben sind, dass sie eine schöne Variante der Science Fantasy ergibt.
Ungewöhnliche Maßnahmen
von Saska Dreßler
Manchmal muss man seine Gesetzestreue etwas kreativ auslegen, um redlich für Gerechtigkeit zu sorgen. Das muss sich auch der Anwalt Ilf eingestehen, der an der vom scheinbar unantastbaren Groß-Industriellen Van Beerk korrumpierten Justiz zu scheitern droht. Mit Hilfe Maron, seines Ex, der sich zu seiner Überraschung als nicht ganz so unkriminell herausstellt, versucht er in Van Beerks Luftschiff an Beweismaterial für einen aussichtslosen Prozess zu gelangen. Natürlich verläuft nicht wirklich alles nach Plan, aber dank des Einfallsreichtums von Ilfs Ex-und-irgendwie-vielleicht-doch-noch-Freunds Maron, kann so manche Hürde überwunden werden.
Eine schönes Steampunk-Abenteuer zweier ungleicher Charaktere, die sich, wenn’s darauf ankommt, wunderbar ergänzen.
938 Schritte
von Luzia Dworschak
Eine Quest ist nicht nur dann besonders gefährlich und schwierig, wenn an ihrem Ende ein mächtiges Monsterwesen wartet, das ein begehrtes Artefakt verteidigt. Liwarel muss sich durch das Sumpfgebiet Helcha wagen und das, was sie dort erwartet sind ihre Trauer und Verzweiflung, die sie nach dem Tod ihres Geliebten Demenar noch immer quälen. Ein Wesen, dass in ihren Verstand und ihr Herz einzudringen vermag, manipuliert sie und versucht, sie von ihrer Mission abzubringen. Wie kann man gegen etwas kämpfen, dass man liebt? Wird Liwarels geistige Kraft ausreichen, um den Einflüsterungen widerstehen zu können?
Eine kurze, aber intensive Episode in der Welt aus der „Fluch der sieben Monde“-Reihe von Luzia Dworschak, in der nichts so ist, wie es scheint.
Von Angriffen und Geschenken
von Irina Vérène
Das Leben als Assassinin ist zumeist gefährlich und einsam. Normalerweise ist sie es, die einer anderen Person auflauert, um ihren Auftrag zu erfüllen. Doch beizeiten wird die Verfolgerin zur Verfolgten. Natürlich sollte eine erfahrene Auftragsmörderin über ausreichend geschärfte Sinne und einen geschulten Instinkt verfügen, um zu bemerken, dass sie verfolgt wird. Doch manche Jägerin ist nicht so menschlich, wie sie scheint.
Irina Vérène entführt uns in einen kalten, einsamen Winterwald, in dem sich das vermeintlich geheime Versteck einer solchen Assassinin befindet. Dort kommt es nach einer langen Verfolgung zur Begegnung mit einer ebenbürtigen oder gar überlegenen „Berufskollegin“. Doch was als Hinterhalt mit vermeintlich klarem Ausgang beginnt, wird zu einem Tanz mit todbringenden Dolchen.
Spannend und sprachlich angenehm erzählt, so dass man von der ersten Zeile zum erwartungsvollen Beobachter wird, der sich den Ausgang der Geschichte auf keinen Fall entgehen lassen möchte.
Den Styropordolch im Gewande
Conventions unterschiedlichster Genre locken enthusiastische Fans in zum Teil unfassbar sorgfältig hergestellten Kostümen unter ein Dach. Es gibt viel zu sehen und natürlich möchte man auch gesehen werden. Doch manchmal nutzen Wesen dieses bunte Getümmel, um sich getarnt unter die Leute zu mischen, um ihren ganz eigenen Interessen nachzugehen, die einem mondklaren Ziel folgen …
Eine spannende Geschichte in einem nicht alltäglichen Ambiente mit überraschendem Twist.
Engelsschwingen
von Michael Mende
Besonders böse Wesen wissen, welche bösen Gedanken ihre Gegner_innen hegen, um sie zu töten. Folglich kennen sie alle Spielarten, mit denen man nach ihrem Leben trachten könnte und treffen alle Vorkehrungen, um diese zu vereiteln.
Einem solchen Wesen dennoch so nahe zu kommen, um dessen Leben zu beenden erfordert die richtige Waffen, viel Training und Geduld. Doch das allein reicht nicht.
In Michael Mendes Kurzgeschichte über das letzte, fast schon an Verzweiflung grenzende Kapitel einer langen Kette zahlreicher Vorbereitungen der Assassinin Ciarraí, voller Training, Entbehrungen und Schmerzen, entscheidet eine einzige Zutat, über die kein wirklich böses Wesen verfügt, über den Erfolg ihrer Mission … Selbstlosigkeit.
Adrians Klinge
von Ylvie Thistle
Ein Andenken an einen geliebten Menschen hat an sich schon einen hohen Wert. Ist das Andenken dann noch eine Waffe, die man gegen Menschen einsetzen kann, die einem nach dem Leben trachten, ist es nahezu unbezahlbar.
So erfährt es Aurelia, Witwe des zukünftigen Herrschers und Mutter zweier Kinder, während sie auf der Flucht vor ihren Häschern ist. Die einstige Klinge ihres Mannes gibt ihr Halt und hilft ihr, sich und ihre Kinder zu beschützen. Doch ein Dolch allein reicht nicht aus, um die Reise sicher zu überstehen.
Ylvie Thistle erzählt in etwas nüchternem und fragmentiertem Stil, wie für eine kleine Familie, die schutzlos ist, alles verloren hat und gejagt wird, ein Dolch und eine Fremde zu Beschützer_innen werden und sich dann sogar zu Gefährt_innen entwickeln.
Ass im Ärmel
von Florian Waldner
Archäologische Funde legen nahe, dass schon 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung Menschen um oder für ihr Glück spielten. Es wäre wohl ziemlich vermessen, zu glauben, dass dieser so alte Trieb 3000 Jahre nach unserer Zeitrechnung verschwunden sein könnte. Ich denke, die Aussicht von einem Moment auf den anderen, mit einem hohen Gewinn, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, wird nie vergehen.
Manchmal spielen wir aus reinem Vergnügen – allein des Nervenkitzels wegen. Manchmal sind wir gierig und wollen unbedingt viel Geld gewinnen. Manchmal ist es nicht Gier, sondern Verzweiflung, die uns dazu antreibt, so viel Geld zu gewinnen, um frei zu sein.
Janes Motiv ist nicht (nur) ihre eigene Freiheit mit dem erspielten Hauptgewinn zu erkaufen, sondern die, eines geliebten Menschen, namens Tam. Sie setzt mit der Teilnahme an einem sehr hochdotierten Pokerturnier alles auf eine Karte. Doch auch wenn sie großes Vertrauen auf Fortuna hat, so hält sie noch ein Plan B in ihrem Kleid versteckt und es ist kein Ass.
Doch als der Sieg schon zum Greifen nahe ist, muss sie erkennen, dass nicht nur ihre Motivation, den Gewinn mit nach Hause zu nehmen, sehr groß war, sondern auch die ihres Spielgegners.
Ob ihr Fortuna auch jenseits des Spieltischs gewogen bleibt, erzählt Florian Waldner in seiner spannenden Space Opera-Kurzgeschichte.
Der Bewahrer wartet
von Maximilian Wust
Besuche ich ein Museum, beschleicht mich manchmal die Frage, was diese alten Gegenstände im Laufe der Jahrhunderte gesehen, gehört und erlebt haben, wären sie empfindsame Lebewesen.
Was für faszinierende Geschichten könnten sie uns berichten, während kein_e Zeug_in, kein_e Chronist_in (ich befürchte, der Beruf des Chronisten war in den allermeisten Fällen männlich besetzt) anwesend gewesen war. Doch es sind eben doch nur leblose, stumme Gegenstände.
Maximilian Wust ignoriert in seiner Kurzgeschichte geflissentlich und erfreulicherweise dieses Faktum und bietet uns die Möglichkeit, einen Dolch als eigenständigen Charakter zu erleben, wie er von tödlicher Hand geführt sein zerstörerisches Werk vollbringt.
Doch der Dolch vermag noch viel mehr wahrzunehmen, als seine Umwelt und das auströmende Leben seiner Opfer. Und diese, offenkundig magische Eigenschaft machen sich Menschen zunutze, die ihre ganz eigenen, geheimen Ziele verfolgen.
Eine Geschichte von Ruhm und Verdammnis
von June Is
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