Judith C. Vogt/ Christian Vogt: Wasteland

5/5

Es passt irgendwie in unsere Zeit, wenn wir darüber nachdenken, wie es wohl werden würde, wenn sich die Menschheit an den Rand der Auslöschung brächte. Auch wenn der Plot von Wasteland so aussieht, als ob er zur Coronakrise geschrieben worden wäre, so entstand er in der Prä-Coronazeit, als uns eine globale Pandemie nur aus der Science-Fiction mit oder ohne Zombieanteilen bekannt und reine Fiktion war.

Wasteland ist ein Roman, bei dem es aber nicht nur um eine hausgemachte Apokalypse geht, sondern um das Überleben in einer Welt und das Mit- bzw. Gegeneinander von unterschiedlichen Ausprägungen neuer Proto-Gesellschaften. Gerade die inselhaft überlebenden Gruppen, die sich nach dem Zusammenbruch voneinander unabhängig entwickelten haben, bieten einem die Möglichkeit, sich in einer Erzählung mehrere Lebensweisen vorstellen zu können.

Die Vögte nutzen geschickt zur Vermittlung der Handlungsstränge die Fortbewegung per Motorrad. Das weckt einerseits Assoziationen zu naheliegenden Endzeit-Vorgängern wie Mad Max oder Terminator, andererseits spiegelt es auch die Unabhängigkeit der Protagonistin Laylay wider. Die Bilder, die man durch andere apokalyptischen Erzählungen in die vielschichtige und spannend erzählte Handlung mitnimmt, halfen zumindest mir, mich topografisch schnell in die Umgebung einzufinden. Sicher, die Anlehnung an Mad Max ist manchmal etwas sehr deutlich, aber gerade in den aufgezeigten Unterschieden wiederum auch sehr hilfreich, eine neue postapokalypische Welt in seiner Fantasie zu erbauen.

Die Vögte spielen auch in diesem Roman mit den Übergängen von Geschlechtern und Sexualität, und tun dies in einer sehr intimen und sensiblen Art, so dass es sich völlig natürlich anfühlt, den Begierden und Gefühlen der Charaktere ohne zu urteilen zu folgen und sich dort mit ihnen zu identifizieren, wo man sich selbst verortet.

Auf der anderen Seite handelt es sich auch um einen Entwicklungsroman, bei dem nicht nur die Überwindung räumlicher Distanz, sondern auch die Überwindung von Grenzen im Kopf eine wichtige Rolle spielen. Die weltumspannende Katastrophe ist zwar schon eine Generation her, nicht aber die Konsequenzen. Noch sind Ressourcen der alten Welt auffindbar, dennoch so rar, dass klar ist: so kann es nicht mehr lange weitergehen. Gerade die Proto-Gesellschaft der Toxxers, die an alten Hierarchien und Modellen festhalten will, zeigt auf, wie wenig zukunftsfähig eine protektionistisch-egoistische Weltsicht ist. Anders die Hopers, deren Mit- und Füreinander, bei denen vermeintliche Außenseiter, die nicht ins „normale“ Schema passen, wichtig sind und ihre Stärke ausmachen. Damit stellen die Vögte unterschwellig die/den Leser*in vor die Wahl, welche Zukunft man sich selbst bauen möchte.

Natürlich ist die Einteilung in Toxxer und Hoper eine binäre Sicht der Dinge, die den Vögten eigentlich so gar nicht eigen ist. Aber durch die elementare Funktion von Außenseitern und vermittelnden Charakteren wird schnell deutlich, dass es auch hier fließende Übergänge gibt, deren Ausarbeitung wir vielleicht bald in der Fortsetzung lesen dürfen.

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