Hybris oder Zeitgeist?

kategorie_gesellschaftEs gibt zahlreiche Wege glücklich zu werden. Wer dieses Glück in der Arbeit sucht, wird unter einer Vielzahl von Alternativen wählen müssen, in der Hoffnung, sich richtig zu entscheiden und letzten Endes ihr/sein Glück zu finden.

Der gesunde Menschenverstand sagt einem (sofern man zuhören möchte), dass es nicht nur einen (!) Weg zu einem erfüllten Arbeitsleben führt. Die ein oder andere Profilierungskampagne aus der Politik mag das einen zwar zwischenzeitlich vergessen lassen, wenn man die vehemente Unterstützung einer weiter zu steigerenden Akademisierung der Bundespolitik betrachtet, aber nach der pragmatischen Einsortierung dieser Politik, wird schnell klar, dass das nicht die eierlegende Wollmilchsau sein kann. In der Diversität liegt die Wahrheit … aber das möchte keiner der Lobbyisten gerne hören. Es gehört schließlich zum ‚Trommeln‘ dazu, die eigenen Ansichten, das eigene Fach, die eigene Branche zu priorisieren und gnadenlos über das Ziel hinauszuschießen, um unterm Strich mehr für sich herauszuschlagen … klare Verkaufsstrategie, wogegen nichts einzuwenden ist.

Doch was passiert, wenn man über den Zeitraum der Kindheit und Jugend eines Menschen ihr/ihm suggeriert, sie/er sei etwas ganz Besonderes … hätte viel Potential … müsse die bestmögliche Unterstützung bekommen … sei zu Höherem berufen … werde nur glücklich, wenn man den bestbezahlten Arbeitsplatz anstrebe?

Leider begegnen einem die Resultate dieser „Strategie“ häufig in Hörsälen bzw. Seminarräumen von Hochschulen. Ständig muss man sich sagen: Die Armen … sie können ja nichts dafür … dass sie so sind, wie sie sind … sie sind doch nur Opfer überbeanspruchter Lehrer, ihrer Helikopter-Eltern, des Bildungssystems oder gar der ganzen Weltwirtschaft. Wer hier die Verantwortung zu übernehmen hat, vermag ich nicht zu sagen. Ich kann nur feststellen, dass ich mit den „Produkten“ beizeiten umzugehen genötigt bin.

Ein „nettes“ Beispiel las ich am 21.12.2013 im Ressort ‚Studium‘ der ZEIT ONLINE‘: Studienabbrecher und froh darüber. Allein die Tatsache, dass dieser Beitrag bei der ZEIT ONLINE erschien, lässt einige Schlüsse über den deutschen Journalismus zu. Aber ich möchte hier in keinster Weise heiteres Journalisten-Bashing praktizieren. Diesmal geht es um etwas anderes: Es geht um die Tatsache, dass ein junger Mensch, hier der junge Redakteur Ruben Karschnick, an eine Universität seiner Wahl ging, nur um im Laufe seiner drei Semester Politikwissenschaften festzustellen, dass er dort nichts Praktisches lerne, spricht Bände.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal der Lage: Eine Universität hat genau welchen Zweck? Soll sie junge Menschen für einen Beruf ausbilden? Eigentlich doch nicht … dafür sieht das Bildungssystem die Lehre und auch die Fachhochschulen vor. Was tut die alma mater aber dann? Natürlich soll sie künftige Wissenschaftler ausbilden … gut, aber nicht jeder Uni-Absolvent kann Wissenschaftler werden … zumal das Wissenschaftszeitvertragsgesetz in Deutschland dafür sorgt, dass die „Mutter“ ihre Kinder nach sechs bzw. zwölf Jahren in die weite Welt (ggf. auch in prekäre Verhältnisse und Arbeitslosigkeit) entlässt (böse Zungen würden eher sagen, sie werfe sie aus dem Haus). Natürlich steht nach einem Studium in den meisten Fällen die Erwebstätigkeit … also die Annahme eines Arbeitsvertrags … womit man gemeinhin den Weg in den Beruf meint. Also steht doch der Beruf am Ende des Studiums? Ja, aber eigentlich nur am Ende … nicht am Anfang. Also dient das Studium dem Finden der eigenen Interessen, Talente und Ziele. Denn nur dort, wo man mit Herzblut dahintersteht, kann man wirklich gut und glücklich werden. So die Theorie … vielleicht auch nur meine.

Leider ist die Realität nach flächendeckender Realisierung des B.A./M.A.-Systems eine leicht andere … denn was soll man während eines komprimierten, zum Teil gehetzten Schul-Studiums von jungen Menschen anderes erwarten, als dass sie sich auf das Wesentliche konzentrieren: ECTS-Punkte und den Abschluss. Die nach meiner Ansicht eigentlich zu bewältigende Aufgabe während des Hochschulstudiums, das Finden der individuellen Befähigung, muss hierbei zwangsläufig in Vergessenheit geraten. Natürlich kann dies trotz dieser widrigen Umstände dennoch geschehen … als Zufallsprodukt sozusagen. Meist aber nur dann, wenn die/den Studierende/n die eigene Lebenslage dazu zwingt, länger als die vermeintliche Regelstudienzeit zu studieren. Beizeiten geht da der/dem ein oder anderen ein Licht auf … und man erkennt vage, weshalb man studiert (hat).

Was nun aber der o.g. ZEIT-Redakteur berichtet (und auch noch stolz darauf ist), ist meiner unwesentlichen Ansicht nach ein Indiz für die Tendenz zur grassierenden und verheerenden Selbstüberschätzung. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, denn es spricht überhaupt nichts dagegen, seinen Studiengang zu wechseln oder gar zu erkennen, dass das ganze Studium aufgrund eigener Erfahrungen und Überlegungen unpraktikabel ist. Es zeugt sogar von einer gewissen Größe, diesen Schritt zu gehen … mit all ihren daraus resultierenden bitteren Fragen (von „Wie erkläre ich das meinen Eltern?“ bis zu „Welche Alternativen habe ich überhaupt?“). Es ist aber ein Zeichen von unerhörter Dreistigkeit zu behaupten, dass die eigene Motivation zu studieren („beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit“ … auch noch von einem ominösen „Studierteufel“ eingeflüstert … man möge sich hier nur an die legendären „Visionen“ von Helmut Schmidt, der gerade 95 wurde, erinnern und tendiert zwangsläufig zu dem Rat für diesen Ex-Studenten, er möge zum Arzt gehen) das gesamte Bildungssystem ad absurdum führe. Wie unreflektiert muss man sein, um all die irregeleiteten Studierenden, die es nicht hassen, „komplizierte Texte zu lesen“ als „Akademiker auf eine[m] Sockel“ zu bezeichnen?

Es gehört schon eine gehörige Portion Selbstüberschätzung mit einer nicht zu vernachlässigenden Prise Ignoranz gegenüber elementarer Wissenschaftlichkeit dazu. Wenn Menschen, die falsche Vorstellungen vom Studieren und dem Wissenschaftsbetrieb haben, ihre Nicht-Eignung für dasselbige aber als General-Schelte gegen das Bildungssystem verschleiern und dann noch darüber schreiben, als ob es ein glorreicher Erfolg gewesen sei, so zu handeln und zu denken, ist es schlecht bestellt um unseren Nachwuchs.

Doch leider hilft es nichts, sich nur darüber zu beschweren … Lösungen müssen her, die zwar den Schaden an der gegenwärtigen Schüler- und Studierendengeneration (und wohl auch nicht an besagtem ZEIT-Redakteur) nicht mehr zu kitten imstande sein werden, aber vielleicht die Nachrückenden vor dem Schlimmsten bewahren können.

Mein Plädoyer: Eltern und Lehrer, entspannt euch und hört auf  eure Kinder zu umschwirren und ihnen vorzugaukeln, Gutverdiener-Jobs sind der Heilige Gral. Lehrt eure Zöglinge, sich weniger selbst zu loben … lehrt sie etwas ganz, ganz Altes und scheinbar Veraltetes: Demut!

Angesichts eigener Erfahrungen durch eine Vielzahl (zum Glück nicht aller … das lässt mich noch hoffen) von Studierenden, die ich kennenlernen durfte, muss ich auf die Überschrift bezogen leider ein Zwischenfazit ziehen und damit eine Korrektur vornehmen:

Die Devise lautet leider derzeit wie folgt: Hybris als (!) Zeitgeist!

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