Generationenfrage? Subtilität ade.

kategorie_gesellschaftIn der Tat treibt mich wieder einmal die Frage um, ob es so etwas wie ein generationenbedingtes Verhalten gibt. Kann man Millionen von Menschen ähnlicher Sozialisation (ob das über überhaupt möglich ist, muss hier unbeantwortet bleiben) über einen Kamm scheren? Sind alle der in den 1980er-Geborenen ähnlich in ihrem Verhalten, ihren Motiven, ihrem Denken? Das Dumme an derlei Versuchen, die Welt zu simplifizieren, besteht darin, dass man sich entweder auf repräsentatitive Studien der Soziologie verlassen muss (von den unzähligen pseudo-aussagekräftigen Umfragen diverser Lobby-Einrichtungen möchte ich hier einmal gänzlich absehen) oder aber, dass man sich auf persönliche Erfahrungen stützen muss/kann.

Da es mir gerade an der Zeit fehlt, soziologische Studien zu suchen und diese nach ihrer Aussagekraft bewerten zu wollen, entscheide ich mich einfach mal für die Alternative B … persönliche Erfahrungen.

Generationen-Frage: Sind alle Anfang- und Mitt-Dreißiger (also diejenigen, die in der ersten Hälfte der Achtziger geboren sind) eine Generation von gedankenlosen Nutznießern?

Eine Erfahrung der letzten Nacht veranlasst mich zu behaupten, dass dies sehr wohl möglich sein könnte. Wie komme ich dazu? Nun … folgendes Szenario:

Man fährt ca. 100km mit dem eigenen Auto zu einer Festivität (zwar ein antiquierter Begriff, aber mir fällt gerade nichts Passenderes ein) und freut sich dort ein paar nette Stunden unter Freunden und Bekannten zu verbringen. Gegen Ende der Party (inzwischen wohl ebenfalls antiquiert) hat man bereits drei Gästen zugesagt, sie mit nach Hause zu nehmen, da sie ohne fahrbaren Untersatz nur schwer den Weg aus der entlegenden Gegend ins heimelige Bett finden würden … man ist ja gut erzogen und hilfsbereit. Klingt bisher wenig spektakulär … also ein ganz normaler Umstand.

Zu den Rahmenbedingungen sei erwähnt, dass man die drei Personen zum Teil bereits seit ein paar Jahren kennt, aber es zu einer tiefen Freundschaft bisher leider noch nicht wirklich ausgereicht hat, ihnen zum Teil bei der Veranstaltung zum ersten Mal begegnet ist. Ein weiterer Umstand: das Benzin wird nicht billiger!

Die Fahrt dauerte (durch ländliches … hügeliges Gebiet) ca. 1 Stunde und in heimatlichen Gefilden angekommen, möchte die erste Mitfahrerin an einer Straßenkreuzung herausgelassen werden. „Vielen Dank für’s Mitnehmen. Noch ein schönes Wochenende.“ … Tür ging auf, Tür ging zu … weitergefahren.

Mhm … ich vermute stark, dass ich diesen Menschen nie wieder sehen werde, wodurch ich auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeitin nicht in den Genuss einer Gegenleistung … vielleicht auch einmal mitgenommen zu werden … oder eine nette Einladung auf ’nen Kaffee … o.ä. … kommen werde. Aber das ist ja auch gar nicht nötig, oder? Wer wird denn gleich so berechnend sein? Obwohl ich letztens gelernt habe, dass Mitfahrgelegenheiten, natürlich höchst hipp per App organisiert, gerade boomen und ein finanzieller Ausgleich für das Mitgenommenwerden, gang und gäbe sein soll.

Ein paar hundert Meter weiter … wieder das gleiche Spiel: „Vielen Dank für’s Mitnehmen. Noch ein schönes Wochenende.“ … Tür ging auf, Tür ging zu … weitergefahren.

Ich ertappte mich dabei, wie eine Augenbraue den Weg nach oben fand und ich leicht ins Grübeln kam. Schon wieder keine höfliche Andeutung, dass man sich gerne an den Benzinkosten beteiligen möchte … was ich in diesem Fall selbstredend ablehnen würde … so teuer ist das Benzin nun doch noch nicht … aber wäre da nicht zumindest eine Geste des guten Willens angebracht?

Wohl nicht … denn auch beim dritten Gast meiner motorisierten Kutsche spielte sich das Gleiche ab … „Vielen Dank für’s Mitnehmen. Noch ein schönes Wochenende.“ … Tür ging auf, Tür ging zu … weitergefahren.

Es entfuhr mir ein gedanklicher (oder gar realer?) Seufzer und ich fragte mich:

Bin ich schon so alt, dass höfliche Gesten nicht mehr modern sind? Sind die ‚jungen‘ Leute es gewohnt, alles umsonst zu bekommen, wenn kein explizit angebrachtes Preisschild sichtbar ist?

Natürlich stiegen sofort Selbstzweifel in mir hoch … ich hätte den Subtil-Modus nicht voraussetzen dürfen und gleich bei der Mitnahmezusage den Preis nennen sollen … oder doch nicht? Ein (sehr, sehr) kurzes Nachdenken brachte mich zu dem Resultat: Nein, so weit bin ich (noch) nicht! Wörter wie: höflich, anständig, sozial, hilfsbereit, freundlich u.ä. kreisten in meinem antiquierten Hirn und in Anlehnung an Deep Thought blieb nach nicht gar so langer ‚Rechenzeit‘ nicht eine Zahl, sondern ein Begriff am Ende übrig: gedankenlos.

War es normal, gedankenlos zu sein? Darf das als Erklärung für fehlende Höflichkeit (und dem ganzen anderen oben erwähnten, altmodischen Kram) gelten? Das wäre sicherlich die einfachste Antwort auf meine Frage und wir könnten uns beruhigt zurücklehnen und kopfnickend zugestehen, dass die ‚jungen Leute‘ eben so sind … hach … hasch mich, ich bin so unbedarft.

Natürlich ist das nur eine rein rhetorische Frage, denn natürlich ist es nicht normal oder in Ordnung, so gedankenlos zu sein!

Aber woran liegt dieses Verhalten? War das ein Zufall, der nur mir passierte und sonst nirgends auf der Welt stattfand? Oder ist es mal wieder ein Generationen-Ding? Ich möchte nur ungern den durchgekauten und völlig nichtssagenden Begriff der ‚digital natives‘ bemühen, dennoch schoss mir der Gedanke durch’s immer noch antiquierte Hirn, ob die vielfach kolportierte ‚Alles-umsonst-bekommen-Mentalität‘ des Internet diese „Generation“ vielleicht doch mehr geprägt hat, als wir es vermuten?

Wie so oft, ist auch dieses Verhalten sicherlich nicht derartig monokausual zu begründen, aber vielleicht, ja vielleicht mag sich einmal ein findiger Verhaltensforscher an diese Form der Einflussnahme wagen und sie untersuchen … und bitte nicht Spitzer zitieren!

Aber da man ja selbstkritisch erzogen wurde … (Erziehung! … noch so ein Ding … vielleicht sind auch nur die Eltern Schuld? … aber das ist sicherlich ein ganz anderes Thema) … muss ich mir natürlich auch die Frage stellen, was ich dafür tun kann, dass diesen armen, bedürftigen, gedankenlosen Wesen geholfen wird. Da das Mitnehmen für mich eher nur sporadisch in Frage kommt, verwerfe ich die Installation eines unsubtilen Taxameters im Auto gleich wieder. Was aber durchaus im Bereich des Möglichen liegt, wäre der Versuch, mich beim nächsten Mal, wenn man mich nach einer Mitfahrgelegenheit fragt, daran zu erinnern, einfach einen Preis zu nennen. In Euro … und natürlich … völlig gedankenlos … ohne zu suggerieren, dass dieser verhandelbar sei.

Subtilität ade.

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