Frank G. Gerigk: Caprice 02

Caprice 02

Herausgegeben von Frank G. Gerigk bei p.machinery

Rezension:

Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:

Ein Haufen Geschichte

von Dieter Bohn

Flux.2 Prompt: A humanoid alien with a human head and face in a sleek silver body suit, wearing a high-tech mask covering mouth and nose, with oversized eyes much larger than human proportions, partially visible torso while crouching tensely behind a large rock formation in a dry rocky desert landscape, snow-capped mountain peaks in the distant background, cinematic lighting, photorealistic, detailed textures, science fiction scene, wide angle composition
[Image source: genAI, Flux.2]

Woher stammen wir? Wer hat uns oder die Erde erschaffen? Fragen, die die Menschheit schon seit Jahrtausenden quälen. Bereits die Religionen haben den uralten Schöpfungsmythen unserer Vorfahren den Garaus gemacht und ihre ganz eigene Schöpfungsgeschichte an ihrer statt installiert. Dann kam die Wissenschaft und fand heraus, dass das alles gar nicht so passiert sein konnte, schon gar nicht in den von den Kirchenmännern postulierten kurzen Zeiträumen. Sogar die göttliche Schöpfungsmacht wurde angezweifelt respektive widerlegt. Davon, dass die Erde der Mittelpunkt unseres Sonnensystems oder der Mensch die einem Gott nachempfundene Krone der Schöpfung sei, mussten wir schon bald Abschied nehmen. Zumindest, wenn man etwas für wissenschaftliche Fakten und Logik übrig hat. Diese Dämpfer in Sachen Demut prägen noch heute unser Weltbild und unsere Rolle darin. Doch so richtig beweisen konnte man neben all der Theorien den Ursprung des Lebens bisher nicht.

Das hochkomplexe Gerät, das Kairoskop, in Dieter Bohns spannend und witzig erzählten Kurzgeschichte soll ein für allemal Klarheit verschaffen, indem es den Wissenschaftler_innen Einblicke in die Milliarden Jahre zurückliegende Vergangenheit gewähren soll, als das erste Leben entstand … die Urzelle des Lebens. Doch dummerweise, wie so oft in der Wissenschaft, findet man nicht so wirklich das, was man erwartet hatte … so überhaupt nicht das, was man für möglich gehalten und es vielleicht besser nie erfahren hätte. 

Denn vielleicht würde das, was man da erkennen müsste, unser Selbstbild von der besonderen Einzigartigkeit der Menschheit im Universum gehörig zurechtstutzen und anstatt dass wir die Nase weiterhin so hoch tragen könnten, würden die anderen da draußen vielleicht dieselbige bei unserem Anblick eher rümpfen.

Que pasa?

von Ellen Norten

Flux.2 Prompt: Two pterosaurs standing on the flat rooftop of a 7‑story apartment building in the middle of modern Barcelona, in front of a primitive pterosaur nest. Inside the nest sits an ugly pterosaur chick with pale pink skin crisscrossed by visible blue veins, slightly wet and wrinkled, unsettling and fragile. Faintly on the horizon, behind the city, a chain of volcanoes erupts and spews bright lava into the sky, silhouetted against a dramatic sunset. Between the buildings and the volcanoes stretches a surreal prehistoric landscape with gigantic tree ferns, misty low fog and strange rock formations, blending seamlessly and impossibly into the urban environment. Highly detailed, surreal atmosphere, cinematic wide angle, dramatic lighting, rich textures, hyperrealistic, 8k.
[Image source: genAI, Flux.2]

Es ist schon eine seltsame Sache mit der Realität. Wir glauben immer, wir wüssten, was real ist und gehen wir selbstverständlich davon aus, dass das immer so bleiben wird.
Es gibt aber Momente im Leben, an denen wir einen kurzen Blick in eine andere Realität erhaschen. Wir tun das gerne mit Halluzinationen oder temporärer Verwirrung ab. Was wäre, wenn es zwischen den uns bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten Zonen der Varianz gäbe, die einen Übergang in andere Welten ermöglichen oder zumindest uns einen Blick in sie gewähren.

Ellen Norten erzählt in ihrer mysteriös-unterhaltsamen Kurzgeschichte einen nicht ganz normalen Tag einer Biologin, die eigentlich nur ihren Trip nach Barcelona genießen wollte. Als sie nach einem Snack, den sie nicht so wirklich vertragen hat, im Krankenhaus aufwacht, sieht sie Dinge, die es eigentlich so nicht geben kann. Sind das Nachwirkungen ihrer Lebensmittelvergiftung? Sind es die Folgen des Organismus, der sich über das Essen in ihrem Blutkreislauf eingenistet hat? Oder haben sich die allgemeingültigen Gesetze der Physik für einen kurzen Moment für sie in Nichts aufgelöst?

Der Turm der Wahrheit

von Thomas Le Blanc

Flux.2 Prompt: A hexagonal interior of a nearly empty tower room with warm wooden floorboards and rough stone walls, six tall windows with wooden frames and greenish glass panes positioned on each of the six walls, exposed wooden roof beams forming the ceiling of a pointed roof structure with visible timber rafters, wooden barrels suspended from metal pipes hanging from the beams, two falcon nests nestled among the roof beams, a few simple rustic wooden chairs placed near the windows, golden sunlight streaming through the greenish glass panes casting emerald-tinted rays across the space, sparkling dust particles floating and glittering in the sunbeams, medieval fantasy architecture, atmospheric lighting, photorealistic, cinematic composition, architectural interior photography
[Image source: genAI, Flux.2]

Mich etwas an die „Die Bibliothek von Babel“ von Jorge Luis Borges erinnernd, erzählt uns Thomas Le Blanc von einem magischen Turm, dessen Fenster auf verschiedenen Wegen die Wahrheit zu zeigen vermögen. Dabei schildert er das erste Lehrjahr des Novizen Pavel, wie er vom Hüter des Turms, Meister Ohm in die Geheimnisse des magischen Bauwerks eingeweiht wird. Im Grunde entpuppt sich die Kurzgeschichte als der Prolog einer noch nicht erzählten Geschichte, denn so richtig zu einer Handlung kommt es während der sehr detailreichen Worldbuilding-Beschreibungen nicht. Schade, denn durch die Beschreibungen, wie sich Pavel in das Leben im Turm eingewöhnt, seine ihm helfend zur Seite stehende Gnomenfamilie, die sich in der Turmbibliothek verbergenden Geheimnisse und nicht zuletzt das mysteriöse Fenster ohne ersichtliche Funktion, laden geradezu ein, in weltenumspannende Abenteuer verstrickt zu werden.

Aber vielleicht ist genau dies die Absicht des Autors, der schließlich selbst Meister eines magischen Bauwerks in Wetzlar ist und hoffentlich nicht allzu bald müde sein Amt an eine_n Nachfolger_in übergeben muss.

Hieronymus Insitoris, Inquisitor Cosmicorum

von Alexander Röder

[Image source: genAI, Flux.2]

Die Bedeutung von Kunst wird oft unterschätzt, solange sie sich frei entfalten kann. Erst, wenn Künstler_innen verfolgt und ihre Kunst geächtet oder vernichtet wird, wird deutlich, welchen Stellenwert Kunst für eine freie Gesellschaft hat und welche Bedrohung sie für faschistische Systeme darstellt. Gruppierungen, Parteien, Staatsführer, Staaten und auch Konzerne, die Freiheit einschränken wollen, müssen zwangsläufig Kunst kontrollieren.

Aber selbst Autokratien, Oligarchien und Theokratien bedienen sich der Kunst willkürlich nach Gutdünken und missbrauchen und pervertieren Bilder und Narrative, um ihre Herrschaft zu legitimieren und auszubauen.
Kunst wird nicht nur durch Ideen geschaffen, sie generiert auch Ideen. Und diejenigen, die die Kontrolle über Kunst haben, haben auch die Kontrolle über die Ideen. Folglich kann keinesfalls die Rede davon sein, dass Kunst nicht systemelevant sei.

Alexander Röder erzählt eine Geschichte des verzweifelten Widerstands von nur noch wenigen verbliebenen Hexen gegen eine massiv despotische Theokratie in einer fernen Zukunft. Da der Widerstand bereits sehr geschwächt ist, bündelt eine der verbliebenen Hexen mit ihrem Familiar ihre Kräfte und statt zu versuchen, die herrschende Köpfe rollen lassen zu wollen, wählt sie den Weg zurück in die Vergangenheit, um nicht Menschen aufzuhalten, sondern diejenigen Ideen und Kunstwerke zu zerstören, die dereinst dazu benutzt wurden, das menschenverachtende Regime erstarken zu lassen … teilweise, ohne dies selbst zu wollen.

Ein von Alexander Röder erzählter sehr außergewöhnlicher und überraschender Genremix aus Science-Fiction, Fantasy und Volkssage mit mich diesmal gar nicht so sehr verwirrendem Zeitreisemotiv.

Ostfriesisches Juju

von Axel Aldenhoven

[Image source: genAI, GPT Image 1.5]

Man sollte das flache ostfriesische Land nicht unterschätzen. In den etwas einsameren Gegenden, wo es die Menschen nur selten hinzieht, haben Wesen, die alten Sagen entsprungen sein könnten, womöglich die Jahrhunderte überdauert. Um ihnen zu begegnen muss man nur etwas geduldig und Fremdem gegenüber tolerant sein, den Geist offen halten und es schadet nichts, etwas Plattdütsch zu können.

Eine sehr untypische und außergewöhnliche Kombination verschiedener Sagenkreise, dargeboten in einer durchaus typisch unaufgeregt-norddeutschen Art.

Mein oder nicht mein

von Regina Schleheck

[Image source: genAI, Flux.2]

Eltern erzählen ihren Sprösslingen meist gerne von Märchen. Manchmal lesen sie sie vor und manchmal erzählen sie sie mehr oder weniger korrekt nach.
Kinder hören meistens auch gerne zu, während die oft müden, überarbeiteten oder gestressten Eltern an ihrem Bett von Drachen, Hexen, Prinzessinnen und Prinzen erzählen.
Doch es kommt der Zeitpunkt, da fangen Kinder an, die Erzählungen zu hinterfragen, anstatt sie ungefiltert zu glauben.

Regina Schleheck erzählt von einem besonders skeptischen Mädchen namens Gunilla, das nicht nur die Sinnhaftigkeit der Handlung, die Motive der Charaktere und die zweifelhaften Machtverhältnisse zwischen Frau und Mann oder König und Prinzessin hinterfragt, sondern auch die Integrität ihres eigenen Vaters.
Wie sehr diese Zweifel und die Motivation, hinter die suspekten Machenschaften der Mächtigen zu kommen und auch diese Zustände ändern zu wollen, das Leben einer Frau prägen kann und welche Rolle dabei ein realer Drache spielt, erfahrt ihr in dieser besonderen Kurzgeschichte.

Silphium

von Maximilian Wust

[Image source: genAI, Flux.2]

Wenn der Mensch eins ist, dann ist es maßlos zu sein. Alles, was der Mensch Gutes oder Schlechtes tut (zum Bespiel bezogen auf Lebewesen und deren Habitate), übertreibt er und pervertiert eine ursprünglich gute Idee in eine sich und anderes zerstörende Katastrophe.

So war es in längst untergegangenen Zivilisationen mit Tier- und Pflanzenarten und so wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch unserer Zivilisation ergehen. Inzwischen haben wir ausreichend machtvolle Werkzeuge erschaffen mit denen wir wesentlich mehr bewirken können. Aus einer schlichten Katastrophe sind wir imstande, eine finale Apokalypse zu basteln.

6000 Jahre in der Zukunft ist nichts mehr von dem übrig, was wir kennen. In einem von Franz Kafka, Hieronymus Bosch und Dante Alighieri erdachten Fiebertraum kämpfen die letzten aus Nanitendruckern hergestellten Wesen ums nackte Überleben. Während ein jahrhundertelanger Krieg zwischen KI, Maschinen und Menschen alle und alles auf Erde, Mond und Mars vernichtete, versucht ein gnadenlos brutaler Endboss, der irgendwie Juri Alexejewitsch Gagarin ist … und dann doch wieder nicht … auch die letzten „Printerzeugnisse“ zu vernichten. Doch es gibt noch Maschinen, Atheisten und die Reste von Gott (sic!), die in einem unheiligen Gleichgewicht den Nährboden bereitstellen, der vielleicht doch noch einen letzten Rest Hoffnung erwachsen lässt.

Eine sehr intensive und zwischen Traum und Alptraum flackernde Kurzgeschichte mit irrem Tempo, die irrwitzerweise eine fesselnde Faszination entfacht, die dem In-Zeitlupe-Betrachten eines katastrophalen Unfalls ähnelt.

Projektionen

von Anja Bagus

Die singende Flamme

von Jörn Lausen

Verlorene der Stadt

von Gerry Haynaly

Keine Sterne zu vergeben

von Christian Endres

Elias Wanderklee

von Guido Rohm

Morituri

von Achim Stößer

Unterwerfung

von Gabriele Behrend

Die Nacht, die Stadt und die Kapuzen

von Alexander Röder

Schatten der Biomembranen

von Hubert Hug

Die Strafe des Universums

von Tamara Schinner

Chromatophoren

von Mala Jay Suess

Freundschaft & Zwist

von Jan Gardemann

Mysteriöser Besuch

von Franck Sezelli

Epistemie

von Maximilian Wust

Widerstand ist zwecklos

von Friedrich Salzmann