Ernährungsratschläge, wohin man schaut … Plage oder Segen?

Ernährungsberatungsformate sind im TV die neuen Kochshows.

Offenbar sind die Zeiten von Kochen ohne Reue vorbei. Ob Unterhaltungsshows, Reportagen oder Filme … man kommt nicht mehr um Superfood, Low-Carb, Probiotika, Präbiotika, Intervallfasten, Antioxidantien, Detox, Arachidonsäure, Glykämischer Index oder FODMAP herum. Wir machen uns Gedanken über Krankheiten, Allergien und Unverträglichkeiten wie Zöliakie, Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität sowie Laktose-, Fructose- oder Histamin-Intoleranz. Wir erfahren lawinenartig von der heilsversprechenden Wirkung alter Getreidesorten, (noch) fremdartig klingender Samen und Nüss(ch)en, hoch aktiver Beeren, stoffwechselwirksamer Gewürze und Kräuter sowie bekannter und neuer Gemüse- und Obstsorten.

Zu viel Information für eher einfach gestrickte Esser, die lediglich satt werden wollen und aus eigener Erfahrung wissen, dass man doch bisher auch mit Junk-Food überlebt hat. Das Fernsehen und im Kleinen auch das Kino haben hier eine Nische entdeckt, die jenseits von mit Sterneköch*innen oder/und Selbstdarstellern besetzten Kochsendungen auf ein Grundbedürfnis des Menschen setzen kann: Essen.

Inzwischen geht es nicht mehr nur um Bio-Nahrung, Vegetarier, Veganer, Frutarier, Pescetarier in allen Ausprägungsgraden, sondern um die durchaus vernünftige Idee, dass uns Menschen das ausmacht, was wir zu verdauen haben.

Hier eine kleine Auswahl der aktuellen Formate:

  • Die Ernährungs Docs – So isst man sich gesund
  • 12-mal gesund
  • Die Diät-Tester – in 8 Wochen zur Traumfigur
  • Glaubensfrage Ernährung
  • Zucker vs. Fett – Das Experiment
  • Die Ernährung von morgen
  • Iss richtig!
  • Terra X: Deutschland Wie wir leben
  • Boden und Ernährung
  • Jamie’s Sugar Rush – Dem Zucker auf der Spur
  • Voll verzuckert – That Sugar Film
  • z.T . bei Quarks & Co.
  • z.T . bei scobel

Auch wenn die Erkenntnis nicht neu ist … „Du bist, was Du isst!“ … erhärtet sich der Verdacht, dass unsere größtenteils industriell gefertigte Nahrung bei langfristigem Konsum, den menschlichen Körper verändert … und das nicht wirklich zum Guten. All die vermeintlichen Zipperlein, die unsere Großeltern noch nicht kannten, wurden in der Vergangenheit auch von Ärzten gerne als Hypochondrie abgetan oder unter psychosomatische Erkrankungen wie z.B. Reizdarm subsumiert. Und wer jahrelang von Arzt zu Arzt gepilgert ist, um seine allzu realen Symptome behandeln lassen zu wollen, weiß nur allzu gut, dass die wenigsten Mediziner die Zeit oder/und das Wissen haben, ganzheitlich die Lebensumstände, wozu insbesondere die Ernährung gehört, in die Anamnese einzubeziehen.

Hilflos erhielt/erhält man dann meist den Rat, den Stress zu reduzieren, mehr zu schlafen, mehr zu trinken, sich mehr zu bewegen. Oder man wurde/wird einfach und schnell mit einem Rezept aus der Arztpraxis entlassen. Doch je älter man wird, umso mehr Medikamente sammeln sich an, dessen Nebenwirkungen (und es gibt keine wirksame Substanz, die nebenwirkungsfrei ist) dann wiederum mit anderen Medikamenten behandelt werden. Diese Methode scheint allen Beteiligten zu helfen, nur nicht dem Patienten.

Wo die immer größer werdende Nische nicht diagnostizierbarer Symptome einst nur von Moden in der Heilungsbranche ausgefüllt wurde … auch als Alternativ- oder Komplementärmedizin bekannt … interessieren sich inzwischen immer mehr Schulmediziner für das, was in unseren Verdauungstrakt hineinkommt, was dort genau geschieht und auch, was wieder herauskommt. Wo bislang blindes Vertrauen in die Black Box Magen-Darm-Trakt herrschte … wenn man nicht übertreibt, wird da drin schon alles richtig funktionieren … oder durch Tabus, die mit Ekel einhergehen einer näheren Beschäftigung entzogen wurde, werden immer mehr Zusammenhänge erkannt, die womöglich die Ursache chronischer Beschwerden und schwerer Erkrankungen sind.

Verständlicherweise hat der praktizierende Mediziner nicht die (von der Krankenkasse bezahlte) Zeit, sich um die komplexen Ernährungsgewohnheiten seiner Patienten zu kümmern … schließlich weiß kaum ein Patient selbst, was er da so alles isst. Auch dürfen wir uns kein allzu großes Interesse seitens der Pharmaindustrie erhoffen, die inzwischen traditionsgemäß für unsere Gesundheit zuständig ist. Mit ausgewogener und individuell abgestimmter Ernährung lassen sich für sie nicht wirklich Umsätze generieren, wohl aber durch unzählige Nahrungsmittelergänzungsstoffe.

Also ist das Aufflammen des Interesses seitens der audio-visuellen Medien (wozu ich auch den Büchermarkt zählen möchte) ein wichtiger Schritt zur Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft. Doch über sein Essen nachzudenken, erfordert Zeit und auch Geld. Von beidem hat fast jeder zu wenig und somit muss immer etwas vom Zeit-Geld-Kontingent eines jeden ausgetauscht werden, um es dem Thema ‚Gesunde Ernährung‘ zuzuführen. Wir müssen inzwischen erkennen, dass das über Generationen übermittelte Wissen über angemessene Ernährung aus unserer Kultur (und zum Teil auch aus den Läden) verschwunden und durch bequemes, ubiquitäres ‚Convenience Food‘ ersetzt worden ist.

Es ist natürlich nicht jedermanns Sache, Ökotrophologie zu studieren. Es reicht aber eigentlich schon aus, dass all denjenigen, die unter dauerhaften, nicht herzuleitenden oder behandelbaren Beschwerden leiden, Optionen aufgezeigt werden, wie ihre Selbstheilungskräfte mit Bestandteilen aus der Nahrung unterstützt werden können. Dafür ist die gegenwärtige Welle aus der Informations- und Unterhaltungsbranche prinzipiell eine gute Sache.

Was aber fehlt noch?

Wir haben hochqualifizierte medizinische Forschung, unzählige Bücher-Ratgeber, TV-Formate jedweder Couleur … was fehlt, ist die beratende Begleitung, all die Möglichkeiten zu bewerten und jeden dazu zu befähigen, dieses Wissen in sein eigenes Leben zu integrieren. Schön wäre es, wenn Hausärzte einen Teil dieser Rolle ausfüllen könnten, doch erfahrungsgemäß sind wir davon (auch aufgrund der kurz getakteten Abrechnungsmöglichkeiten über die Krankenkassen) noch weit entfernt. Noch werden die meisten mit dem Fernseher und im Internet allein gelassen und sind willfährige Opfer verklärender und simplifizierender Menschen, die es verstehen, mit Desinformation und Angsterzeugung uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. „Wundernahrungsmittel“ sollen angeblich dazu imstande sein, alles zu heilen … insbesondere Krebs. Wer sich also nicht so ernährt, wie diese „Prediger“ empfehlen, ist dann selbst Schuld, wenn einen eine Tumorerkrankung ereilt. Das ist ein verachtungswürdiges Geschäft mit den Ängsten hilfesuchender und verunsicherter Menschen. Wohl recherchierte, kritische und nachvollziehbare Beiträge sind da die Ausnahme, aber zum Glück ebenfalls vorhanden. Die Kunst ist es, die Spreu vom Weizen, der inzwischen ganz oben auf der Liste der zu vermeidenden Nahrungsmittel steht, zu trennen.

Um es nicht ohne eine gehörige Portion Pathos zu formulieren:

Erst wenn Ernährung Teil der schulischen Bildung, der beruflichen Praxis und des Gesundheitssystems ist, wird auch in die entlegenen Winkel der sogenannten zivilisierten Welt genügend Licht scheinen, um alle Menschen (wieder) dazu zu befähigen, sich angemessen zu ernähren. Amen.

 

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