Digitalisierung – was auch immer das heißen soll!? Die Macht der Einzelnen vs. die Macht einzelner

Harald Welzer zieht in der ZEIT vom 27.04.17 (Schluss mit der Euphorie!) den Vergleich zwischen der Digitalisierung und „dem Atom“, zumindest was die wirtschaftliche Euphorie angeht. Ein etwas hinkender Vergleich, wie ich finde, aber zumindest hat er mich mal wieder dazu veranlasst, über die so zahlreichen Aspekte der Digitalisierung nachzudenken. Insofern muss ich Harald Welzer erst einmal danken, denn die von ihm angeprangerte Digitalisierungseuphorie in Wirtschaft und Politik muss endlich mal wieder auf den Boden zurückgeholt werden. Wenn man schon einen Vergleich mit der Digitalisierung sucht, würde ich statt des „Atoms“ lieber die Elektrifizierung der Welt anbringen. Besser vielleicht noch die Technologiediffusion elektromagnetischen Wellen in Form von Radiowellen.

Dass die Digitalisierung, was auch immer das jeweils bedeuten mag, denn im Grunde ist es eher die Durchdringung der Welt mit durch Elektrizität betriebener Computer, also eher eine Computerisierung, inzwischen allen Bereichen der Gesellschaft offen steht, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist aber natürlich nicht nur Segen, aber auch nicht nur Fluch. Dei Übermittlung von Information über binäre Signale war ursprünglich dem Militär, ein paar Wissenschaftsbereichen und Regierungen vorbehalten. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, also eine Verbesserung zur den 1960er und 1970er Jahren. Dei Öffnung für die zivile Nutzung, also der Übergang vom ARPANET zum Internet ermöglichte den von Harald Welzer beschriebenen „Rückkanal“. Die Euphorie in der Wirtschaft und Verwaltung, der Abgesang im Journalismus und die Panik in bisher eher computerfernen Berufszweigen ist das normale Spektrum eines jeden Medienwandels. Es hat auch schon immer Missbrauch von Technologien gegeben. Das für Deutschland wohl am nächsten liegende Beispiel ist die Radiopropaganda der Nationalsozialisten. Deswegen aber ist die Informationsübermittlung per Radiowellen nicht per se gefährlich. Ebenso wenig wie sie zu glorifizieren ist. Die ultimative eierlegende Wollmilchsau ist nicht eine Technologie. Sie gibt es nicht. Allein die Vielfalt und Koexistenz von Technologien, Medien und Menschen in ihrer materiellen und virtuellen Welt bildet die Realität noch am ehesten ab.

Dass wir von Einsen und Nullen nicht leben können, ist nichts Neues. Wir sind nun einmal materielle Wesen in einer materiellen Welt mit materiellem Stoffwechsel und Grundbedürfnissen. Aber dass wir Geldscheine und Münzen nicht essen können, hindert uns nicht daran, sie in allen Lebensbereichen zu nutzen. Und damit meine ich nicht ausschließlich die physisch vorhandenen Zahlungsmittel, sondern das Abstraktum ‚Währung‘, das durchaus auch als nicht physische Variante (vgl. virtuelle Geldströme an den Börsen oder Bitcoin) funktioniert.

Der Gewinn an Macht durch die Einflussnahme und Kontrolle aller Ressourcenströme (und hier möchte ich H. Welzer widersprechen, denn Daten sind sehr wohl Rohstoffe oder besser Ressourcen – zwar keine, die uns unmittelbar am leben halten, aber wohl einen Teil unserer Existenzgrundlage darstellen) wurde schon von jeher praktiziert. Je nach Epoche waren die Big Player Vertreter der Kirche, des Staats, des Militärs oder der Wirtschaft. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten die Regierungen über die meisten Mittel zur Informationskontrolle verfügten, bestimmen heute IT-Unternehmen wer, was, wie viel, wie lange, wie schnell und von wem Daten übermittelt, unterschlagen, gespeichert oder verändert werden. Und damit sind nicht nur diejenigen Konzerne gemeint, die jeder Smartphone-Nutzer kennt wie Google, Microsoft, Apple oder Facebook. Viel wichtiger in diesem Spiel sind diejenigen, die die materielle Infrastruktur bereitstellen und kontrollieren. Wer kennt schon Firmen wie Akamai? Wenn nahezu alle großen Konzerne jedweder Branche ihre Daten über ein und denselben Kanal schicken, ist Missbrauch nur noch eine Frage der Dimension. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die medial bekannten Firmen mitspielen möchten und Transatlantikkabel selbst bauen. Hier entscheidet vor allem der monetäre Einfluss. Nur wer über die meisten Mittel und Informationen verfügt, kann sich die Spitzenposition sichern. Und das es ein Geschäft ist, steht außer Frage. Aber natürlich gab es data harvesting schon im prädigitalen Zeitalter. Das Abfangen von Boten, das Abhören von Telegrafen- und Telefonleitungen (wer kennt noch Echelon?), das Aushorchen von Zeitungsredaktion und Parteizentralen gab es schon lange vor der „Digitalisierung“ Einzig die enorme Steigerung der Dimension und das freiwillige Mitgestalten der Datenproduzenten (=der gemeine Computer-/mobile device-Nutzer) inklusive dem stetigen Anstieg von Rechenkapazitäten lässt das Ganze heute wesentlich „effizienter“ werden.

Die Folge ist, dass immer weniger Entscheider über immer mehr Einfluss verfügen. Umso wichtiger ist der Ausgleich dieser Dysbalance durch die schiere Anzahl an mündigen, motivierten und befähigten Einzelpersonen, um unser aller Werte zu verteidigen und zu bewahren. Dass Plattformen wie Wikipedia Einfluss auf machthungrige Instanzen haben, zeigen die Versuche, sie für die Öffentlichkeit, über die man bestimmen kann, unerreichbar zu machen. Aber das Vorhandensein von Rückkanälen allein reicht nicht aus. Wir müssen sie auch nutzen, mitgestalten und pflegen. Das kostet Zeit, Geld und Grips. Zurücklehnen und jammern, is nich‘!

Als Faustregel könnte gelten Je despotischer ein Staat geführt wird, umso mehr liegt die Informationskontrolle bei der Regierung. Je demokratischer eine Staatsform ist, umso mehr dominieren Wirtschaftsunternehmen die Informationskontrolle. Letzteres erscheint uns merkwürdigerweise viel unverfänglicher. Dem Staat übergeben wir unsere Daten nur widerwillig und in homöopathischen Dosen (ich darf nur an den aus heutiger Sicht lächerlichen Aufschrei bei der deutschen Volkszählung von 1987 erinnern), stellen uns aber mit dem Internet verbundene Abhöranlagen ins Wohn- und Schlafzimmer bzw. tätigen unsere Telefonate und unseren Schriftverkehr digital in unverschlüsselter Form – bereitgestellt von wirtschaftlich denkenden IT-Konzernen, die sich durch transnationale Infrastrukturen einer nationalen Gerichtsbarkeit entziehen.

Machen wir uns nichts vor: Kaum einer wird einer Steuererhöhung zustimmen, um den IT-Konzernen die Informationskontrolle zu entreißen und sie wieder in den Schoß des Staates zurückzubringen. Das aber wäre nötig: in erster Linie Geld … dann Gesetze! Bequemlichkeit hat demokratische Werte schon immer verdrängt. Zurückrudern ist nur mit viel Anstrengung möglich. Und damit ist nicht nur die Politik gemeint. Von alleine strengt sich allerdings kaum einer an. Altruismus ist relativ. Es gibt ja bereits Verschlüsselungstechnologien. Weshalb nutzt sie kaum einer? Es ist uns offenbar gleichgültig, wer mitliest/-hört, so lange es nicht der Staat ist.

Das Thema ‚autonome Fahrzeuge‘ ist ein ganz eigener Aspekt der sogenannten Digitalisierung. Die von Harald Welzer geschilderte „einfache Lösung“, autonom fahrende Fahrzeuge erst dann auf die Straßen loszulassen, nachdem die ethischen Fragen nach der Verantwortlichkeit bei einer potentiellen Unfallsituation beantwortet sind, um sie dann in Algorithmen zu fixieren, ist mir zu kurz gedacht. Die Frage, ob der Algorithmus den Fahrer des Autos rettet und damit die Tötung eines anderen Verkehrsteilnehmers in Kauf nimmt oder ob das autonome Fahrzeug besser den Rentner als das Kleinkind über den Haufen fahren darf, kann doch erst durch neueste Technologien gestellt werden. Wenn es so einfach wäre, würde kein einziges Fahrzeug schneller als Schrittgeschwindigkeit fahren dürfen, denn niemand konnte bisher garantieren, dass der Fahrer oder die Fahrerin in welcher Art und Weise auch immer dazu imstande ist, sein/ihr Gefährt sicher zu lenken. Wenn es so einfach wäre, dürfte sich niemand hinters Steuer setzen, bei dem nicht 100%ig sichergestellt ist, dass er/sie über die notwendige Aufmerksamkeit, das notwendige Reaktionsvermögen und die erforderliche psychische Stabilität verfügt. Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass das auf nur einen sehr geringen Teil der Auto fahrenden Bevölkerung zutrifft.

Auch wird von H. Welzer autonomes Fahren mit Individualverkehr und als Konterbewegung zum möglichen Ausbau des ÖPNV gesehen. Auch oder gerade der ÖPNV würde von autonomen Fahrzeugen profitieren, sofern sie von uns akzeptiert und bezahlt werden. Denn es ist eine allzu menschliche Eigenschaft, dass man freiwillig lieber in etwas investiert, das einem selbst gehört, als in etwas, das der Allgemeinheit zugute kommt. Insofern befriedigt die Autoindustrie vor allem den menschlichen Wunsch nach mobiler Autonomie (kein Wortwitz!). Wer das ändern möchte, muss nicht Konzerne anprangern, sondern dem Einzelnen Mehrwerte aufzeigen, für die es sich lohnt, auf die eigene Autonomie zu verzichten. Sich nicht selbstbestimmt zu bewegen müsste sexy werden. Das nagt allerdings an einem anderen menschlichen Bedürfnis: dem Streben nach Selbstverwirklichung.

Nicht die Durchsetzung von Gesetzten unterstützt eine humane digitale Welt, sondern die Entwicklung einer digitalen Moral. Diese muss zuerst gebildet werden, um dann über die Politik zu einer Gesetzgebung zu führen, die von der Öffentlichkeit getragen wird … nicht umgekehrt.

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