Der Verkehrsraum ist ein sozialer Raum

Der Artikel der ZEIT vom 23.09.2019 „Auf den Straßen herrscht Krieg“ und die Reaktionen darauf zeigt mal wieder, dass die Diskussion in Sachen PKW (resp. SUV) vs. Fahrradfahrer (resp. Fußgänger) in die falsche Richtung läuft.

Beispielsweise wird der Artikel als tendenziös ausgewiesen.

Beim Versuch, meine völlig unwichtige Meinung zu diesem Tweet kundzutun, merkte ich sehr schnell, dass ein einzelner Tweet hierzu nicht ausreichen würde und plante schon einen fünfteiligen. Als dieser auch nicht auszureichen (geht das grammatikalisch überhaupt?) drohte, entschloss ich mich zu einem meiner eher seltenen Blog-Postings.

Es geht los:

Also, als tendenziös empfinde ich nur die Überschrift, nicht aber den Artikel. Es geht um die Fahrradstaffel der Berliner Polizei, die vornehmlich, aber eben nicht ausschließlich Verstöße von Radfahrern ahndet.

Es geht also nicht um die Darstellung aller Verstöße im Straßenverkehr und damit um eine ausgewogene Berichterstattung über Delikte, Verletzte und Tote, nach Verkehrsteilnehmern geordnet. Es geht um den Arbeitsalltag dieser speziellen Berliner Polizeieinheit.

Aber zuerst einmal zur Überschrift.

Was soll diese Überschrift? Geht’s noch? Begriffe, wie „Krieg“ in diesem Kontext zu verwenden, mag zwar en vogue sein, ist aber wenig zielführend. Im Gegenteil verschärft es die Diskussion unnötig. Denn so hat jede:r Leser:in schon vor dem Lesen des Artikels ziemlich wahrscheinlich die Erwartungshaltung, es ginge in dem folgenden Text um einen unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod.

Sicher, so eine Überschrift sorgt für spontane Klicks und schafft Aufmerksamkeit. Würde nicht auch eine Überschrift wie „Wer Rücksicht im Straßenverkehr übt, lebt länger“ funktionieren? Nur so ein wirrer Vorschlag von einem Laien.

Der ZEIT-Titel suggeriert, dass jede:r Verkehrsteilnehmer:in beim Betreten der Straße, lediglich die Waffe zu wählen hätte, mit der sie/er in die Schlacht zu ziehen gedenke. Um im Kriegsmodus zu bleiben: Mit einem SUV hat man schon mal gute eigene Überlebenschancen und eine potentiell hohe Verletzungsquote des Verkehrs“gegners“. Umgekehrt sieht es als Fußgänger oder Fahrradfahrer aus: Schlechte „Rüstung“, geringe „Schlagkraft“.

Echt jetzt? Wenn man es so beschreibt, klingt es natürlich überzogen, aber unterbewusst oder auch bewusst, macht eine solche Überschrift genau das mit unseren menschlichen Gehirnen.

Eine hübsche Überleitung zu einem in diesem Kontext viel zu selten beachtetes Feld, der Verkehrspsychologie.

Zuallererst: Man vergisst stets, der Straßenverkehr ist ein SOZIALER Raum!

Einst veröffentlichte Die ZEIT einen Artikel mit der ebenfalls eher reißerischen Überschrift „Das Auto als Waffe“. Das war 1975, vor fast genau 39 Jahren also (sic!). Er ist sehr lesenswert und leider auch noch immer sehr aktuell.

Der bereits verstorbene Verkehrspsychologe Siro Spörli setzte für seine Überlegungen den, wie ich finde, korrekten Rahmen: „Der Straßenverkehr ist einer der ganz wenigen Lebensbereiche, in denen der zivilisierte Mensch noch in unmittelbarer Weise an Leib und Leben gefährdet ist.“

Gut, es handelt sich hier um eine fast 40 Jahre alte Äußerung im damaligen Internationalen Jahr der Frau, als in der BRD die Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre heruntergesetzt wurde, die Zeitschrift YPS zum ersten Mal erschien, „Der Weiße Hai“ uraufgeführt wurde, die Bürger:innen des Vereinigten Königreichs in einem Referendum für (sic!) den Verbleib in der EWG (dem Vorläufer der EG, die dann später in der EU aufging) votierten, das Unternehmen Microsoft sowie die ESA gegründet wurden und in China bei Dutzenden Staudammbrüchen über 230.000 Menschen starben. Die meisten dieser Ereignisse sind inzwischen ebenso in Vergessenheit geraten, wie die Tatsache, dass schon damals über ein angemessenes Verhalten aller Verkehrsteilnehmer (insb. Autofahrer) diskutiert wurde.

Mit einem bittersüßen Schmunzeln konnte ich in dem Artikel aus dem Jahr 1975 auch lesen, dass Spörli „nicht nur tierisch-instinkthafte, sondern auch viele infantile Züge“ bei Verkehrsteilnehmern erkannt hat.

Offenbar löst der Straßenverkehr tiefenpsychologische Effekte in uns aus. In bestimmten Situationen „falle der Mensch in der Tat auf frühkindliche Stufen zurück, es komme dann zu einer sogenannten Regression“, Allmachtsphantasien wie bei einem Kleinkind sind die Folge. „Höchstwahrscheinlich begünstigt auch die geballte, dem leisesten Pedaldruck gehorchende Maschinenkraft des Automobils die Entwicklung von Allmachtgefühlen beim Fahrer.“

Dies deckt sich mit eigenen subjektiven Eindrücken und einer zugegebenermaßen stark aufgeheizten Medienberichterstattung.

Was daraus resultiert, fasst Spörli zusammen: „Die Allmachtsphantasie erklärt die Freiheitsillusion, sie ist ein Schlüssel zur Selbstüberheblichkeit im Verkehr“.

Weiterhin ist in dem 39 Jahre alten Artikel zu lesen: „Hochgradige Urteils- und Verantwortungsschwäche sowie die Abwesenheit von Schuldgefühlen sind die Folgen. Die regressive, aufwandarme Gaspedalallmacht des Automobilisten ermöglicht Lusterlebnisse, die in anderen Lebensbereichen nicht ohne weiteres zu gewinnen sind. Gerade dies macht das Auto gefährlich wie eine Droge.“

Nun ja … manch eine:r Verkehrsteilnehmer:in erscheint mir nicht selten besessen … dass aber jemand auf Droge war, konnte ich bisher noch nicht feststellen.

Es ist wenig konstruktiv, wenn sich die einzelnen Gruppen gegenseitig off- und online beschimpfen und den/die jeweils andere:n von den Straßen verbannen wollen.

Wie könnte aber die aggressive Stimmung entschärft werden?

1.) Verkehrsteilnehmerzahl reduzieren

Das bedeutet neue Verbote für den/die Einzelne:n zum Wohl der Allgemeinheit. Das bedeutet, dass LKW oder/und PKW teilweise oder vollständig aus Innenstädten verbannt werden.

2.) Verkehrswege umbauen

Mehr sichere Fahrradtrassen inner- und außerhalb der Städte bauen. Wenn mehr Raum für Fahrradfahrer:innen und Fußgänger:innen geschaffen wird, wird meistens dieser Raum den PKW- und LKW-Fahrer:innen weggenommen. Das sorgt für Zündstoff und sollte durch parallele Maßnahmen entschärft werden.

3.) Mehr Kommunikation im Verkehrsraum ermöglichen

Aus abgeschotteten Fahrzeugen heraus ist es für die Fahrer:innen nur schwer möglich, mit anderen Verkehrsteilnehmer:innen zu kommunizieren. In einem sozialen Raum, wie dem Verkehrsraum, ist es allerdings unabdingbar miteinander zu kommunizieren. Ansonsten sind Missverständnisse vorprogrammiert. Getönte Scheiben erschweren den Blickkontakt zusätzlich.

Kommunikation über das Kfz erfolgt ausschließlich zur Richtungsanzeige (Blinken) oder zur Warnung (Hupen). Es gibt keine Möglichkeit, sich über ein Signal zu bedanken, zu grüßen oder um Verzeihung zu bitten, wenn man sich selbst falsch verhalten hat. Es müsste doch technisch möglich sein, kommunikative Features ab Werk oder nachträglich einzubauen, um eine Kommunikation zwischen Kfz-Fahrer:innen und anderen Verkehrsteilnehmern zu ermöglichen.

Noch weitere Ideen, um den Verkehrsraum harmonischer zu gestalten?

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