Christoph Grimm – Bibbernächte
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Hrsg. von Christoph Grimm
bei Books on Demand
Rezension:
Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:
- Sarah Drews: Das perfekte Halloweenkostüm
- Benjamin Ratschiller: Spieglein, Spieglein an der Wand
- Lisa-Katharina Hensel: Der unheimliche Mann
- Robert C. Scheel: Der Keller
- J. J. McBlack: Tote Augen
- Florian Krenn: Geister der Vergangenheit
- Nicole Hobusch: Die Galerie
- Christine Jurasek: Die Hütte
- Jacqueline V. Droullier: Spielst du mit mir?
- Maximilian Wust: Warum es keine Dämonen mehr gibt
- Patricia Becker: Hexennacht
- Sabrina Osmers: Die Spieluhr
- Nele Sickel: Hugo
- Lilly Leev: Die verbotene Zone
- Sarah Lutter: Ich sehe was, was du nicht siehst
- Christoph Grimm: Der App-Dämon
Das perfekte Halloweenkostüm
von Sarah Drews
Sich verkleiden zu wollen, hat vielfältige Gründe. Einer ist, dass man nicht erkannt werden und der andere, dass man jemand oder etwas anderes darstellen möchte.
Die Illusion ist dann perfekt, wenn die einen betrachtenden Personen, nicht mehr sicher wissen, wer oder was man wirklich ist.
Die sehr verwöhnte Zoey ist es gewohnt, das zu bekommen, was sie möchte. Der Drang den Halloween-Wettbewerb an ihrer Schule auch dieses Jahr gewinnen zu wollen, führt sie mit ihrer Freundin in einen sehr alten Kostümladen. Zuerst von den verstaubten und altmodischen Verkleidungen gelangweilt, findet sie plötzlich eine Maske, die sie unbedingt haben möchte, obwohl sie nicht verkäuflich ist. Doch mit Masken ist das so eine Sache … manche verbergen nicht die Trägerin, sondern offenbaren etwas völlig anderes …
Ein sehr gelungener Auftakt der Grusel-Anthologie Bibbernächte, bei der es nicht nur Gänsehaut geht, sondern sich hinter der Maske auch die ein oder andere Lebensweisheit verbirgt.
Spieglein, Spieglein an der Wand
von Benjamin Ratschiller
Als Teenagerin hatte man es noch nie leicht. Zumindest dann, wenn man schüchtern ist und Pickel hat. Als nahezu perfektes Mobbingopfer versucht man so gut es eben geht, durch die Schule zu kommen, ohne zu wissen, wie man die eigene desaströse Situation ändern kann. Manchmal bietet sich allerdings eine an Zauberei grenzende Möglichkeit, die verspricht, alles besser und aus einem traurigen Entlein einen schönen Schwan zu machen. Doch derlei Abkürzungen sind tatsächlich eher magischer Natur und haben ihren Preis, der umso höher ist, je weniger man sich an die Regeln hält.
Überlege dir also sehr, sehr genau, was Du für das Wahrwerden deiner Träume zu zahlen bereit bist.
Der unheimliche Mann
Mit den wirklich gefährlichen Dingen im Leben … also ich meine dem so richtig krassen Sch*** … verhält es sich wie mit den wirklich wertvollen Dingen: Man findet sie sehr selten und man erkennt sie meistens erst dann, wenn’s schon zu spät ist.
Tim und Maja sind einer großen Sache auf der Spur. Ein erst vor Kurzem ins Haus gegenüber eingezogener unheimlich aussehender alter Mann, verhält sich des Nachts mehr als nur verdächtig. Während sie ihn vermeintlich unauffällig beobachten, hat er die beiden Kinder schon längst im Visier.
Maja, sonst immer die Mutigere von den beiden, wird plötzlich von einer fast panischen Angst erfasst. Tim, dessen Herz in ihrer Gegenwart immer etwas schneller schlägt, kann sich das nicht erklären, gleichzeitig wundert er sich darüber, dass er stets erschöpfter wird und immer wieder in einen nicht wirklich erholsamen Schlaf fällt.
Die Sache eskaliert, als die beiden versuchen, dem Geheimnis im Haus des alten Mannes auf den Grund zu gehen.
Eine tolle und gruselige Kurzgeschichte mit gleich mehr als einem Twist, die sich hervorragend für das nächste nächtliche Lagerfeuer-Event im Wald eignet.
Der Keller
von Robert C. Scheel
Keller. An sich schon völlig ausreichend, um alte oder neue Ängste aus dem Gedächtnis oder Unterbewusstsein hochkriechen zu lassen. Ein Keller unter einem Keller … das kann ja nur schiefgehen!
Die drei 14-jährigen Jungs Lewis, Micha und Tobi begeben sich eher zufällig, aber goonies-mäßig in Lewis‘ Elternhaus auf die Suche nach einer verschwundenen Mitschülerin und stoßen bei ihren Recherchen auf äußerst verdächtige Indizien, die die Schwester von Lewis, Lil, in keinem guten Licht dastehen lassen, wobei der „Unterkeller“ natüüüürlich, wie es sich gehört, ziemlich lichtfrei daherkommt … und etwas Uraltes in den Schatten verbirgt.
Tote Augen
von J. J. McBlack
Puppen und ihre toten Augen. Es wird mir immer unverständlich bleiben, wie man derlei Kinderspielzeug gut finden kann oder weshalb es sogar Erwachsene dazu treibt, derlei gruselige Artefakte zu sammeln.
Doch aus unzähligen Geschichten wissen wir, dass Puppen nicht immer nur Puppen sind. Doch wenn etwas merkwürdig und dämonisch erscheint und die Puppen sich letzlich nur als harmloses Spielzeug erweisen, sollte man dringend und ziemlich schnell hinter die Quelle des Dämonischen kommen. Ganz besonders, wenn man eine erfahrene Dämonenjägerin ist.
Ein gut erzählter Prolog einer Geschichte, die darauf hindeutet, sich ausgiebiger mit dem Erwachen eines wesentlich größeren dämonischen Problem in einer Fortsetzung zu beschäftigen.
Geister der Vergangenheit
von Florian Krenn
Friedhöfe haben schon immer eine unheimliche (vor allem abends und nachts) Ausstrahlung, die einen gleichzeitig abstößt und auch anzieht.
Der 13-jährige Ben wohnt mit seinen Eltern direkt gegenüber einem alten Friedhof. Natürlich interessiert sich der Junge für alles, was dort vor sich geht und auch für das hinter dem Friedhof liegende verlassene Anwesen.
Als sich eines Tages ein merkwürdiger Friedhofsgärtner am Eingang der Gruft der Familie, die vor vielen Jahren in der großen Villa wohnte, zu schaffen macht, beschließt er mit seinen zwei Freund_innen Marc und Lucy das sich ganz sicher dahinter verbergende Geheimnis des alten Mannes zu lüften.
Eine gruselig-spannende Abenteuergeschichte dreier Freund_innen über alte Familiengeheimnisse, Geheimverstecke, Neugier und Mut.
Die Galerie
von Nicole Hobusch
Alte Häuser mit unheimlichen Gemälden an den Wänden sollte man eigentlich immer meiden. Aber, wer hört schon auf mich!
Das Pärchen in Nicole Hobuschs Kurzgeschichte sieht sich entgegen der Skepsis und Bedenken ihrer Kinder sogar eher von der Gemäldegalerie, die sich in dem neu erworbenen alten Haus befindet, angezogen und versucht ihre Faszination auf ihre Sprösslinge überspringen zu lassen.
Doch … hätten die beiden lieber mal auf Lexie und Tom gehört, denn schon in der ersten Nacht in dem ehemals einem „exzentrischen“ Maler gehörenden Haus geschehen merkwürdige Dinge … die rasant exkalieren!
Eine schaurig-schöne Gruselgeschichte, die mich unbedingt in meiner oben genannten Einschätzung bestärken.
Die Hütte
von Christine Jurasek
Berglandschaften stehen meistens für Freiheit und die pure Urgewalt der Natur. Man verbindet mit ihnen normalerweise Einsamkeit und frische Luft und eher keine unheimliche Begegnung mit angsteinflößenden Gestalten.
Das zumindest ist die weit verbreitete Vorstellung, vor allem bei Städtern fernab der Berge. Bergmenschen, die auch schon mal Nächte unter freiem Himmel oder bei Unwetter in kleinen Almhütten verbracht haben, würden das so sicher nicht unterschreiben. Die Berghänge und -gipfel sind bei Weitem nicht so unbewohnt, wie sie bei Sonnenschein wirken.
Als die drei Jugendlichen Sara, Niki und Laurenz nach einem Unfall die Nacht gezwungenermaßen in einer solchen Hütte verbringen müssen, ist ruhiger Schlaf nicht wirklich das, was sie dort finden. Etwas findet sie und keine_r der drei wird diese Nacht so schnell wieder vergessen.
Eine auf kantige Weise (der Landschaft angemessen) erzählte Gruselgeschichte aus den Bergen von Christine Jurasek, in der alte Sagen von urtümlichen Bergwesen geweckt werden und man eine Ahnung davon bekommt, dass hinter dem friedvollen Bergidyll noch immer eine dunkle Seite lauert.
Spielst du mit mir?
Flaschendrehen. Irgendwie mag es keine_r, aber in einem gewissen Alter gehört es wohl leider dazu. Und merkwürdigerweise erwischt es einen selbst immer am übelsten. Und man kann von Glück sagen, wenn’s nur peinlich wird.
An manchen Tagen oder Abenden aber sollte man es besser nicht spielen … vor allem nicht an Halloween!
Warum es keine Dämonen mehr gibt
von Maximilian Wust
Eltern mögen sich oft die Frage stellen, wie sie einem eher introvertierten Kind, das zudem Mobbing ausgesetzt ist, am ehesten helfen können? Ist es besser, das Kind aus dem Mobbing-Umfeld herauszunehmen? Ist es zielführend, dem Kind Selbstbewusstsein „zu verordnen“ und es mit Werkzeugen auszustatten, um sich zu wehren? Soll man das Kind die Sache selber regeln lassen oder es eher beschützen? Oder könnte es helfen, das Kind zwangsweise zu sozialisieren, indem es in ein Ferienlager gesteckt wird, wo sich in freier Natur alles wie von selbst regelt?
Ich glaube ja, man kann als Eltern mehr falsch als richtig machen und wenn’s für gemobbt Kinder ein magisches Mittel geben sollte, ist es die Kombination aus Sich-Zeit-Nehmen und Zuhören. Beides sehr selten und kostbar, da es etwas mit dem wertvollen Gut ‚Zeit‘ zu tun hat, von dem jede_r zu wenig besitzt. Aber, was weiß ich schon.
Die Situation des rothaarigen Mädchens in Maximilian Wusts Geschichte können sicher viele nachempfinden. Auch in meinen Kindheitserinnerungen deckt sich so manches mit ihren Erfahrungen, wobei es bei mir das PC-Game Ghosts ’n Gobblins war 😉
Die Rolle des resignierenden Opfers, die Verzweiflung und die Wut … nichts scheint sich für das Mädchen jemals zu ändern … es sei denn, eine Art Dämon übernimmt ungefragt die Kontrolle.
In dieser Kurzgeschichte, die keine leichte Kost ist, übernimmt das hier als Gahe bezeichnete nicht-stoffliche Wesen, nicht nur die Kontrolle seines Gefäßes, sondern strebt auch die der anderen Sommercamp-Teilnehmer_innen und Betreuer_innen an.
Getrieben von explosionsartig freiwerdender Wut, vermag die über Jahre gepeinigte Protagonistin endlich Rache zu üben und es mit der Hilfe des Dämons allen heimzuzahlen. Doch der Machtzuwachs kommt nicht von ungefähr, hat seinen Preis und impliziert im Grunde auch nur, das sie wieder das Opfer eines anderen Wesens ist.
Ist es das, wonach sie so lange gesucht hat? Bringt ihr eine Opfer-Täter-Umkehr das lang ersehnte gute Leben?
Ein ziemlich heftig erzählter phantastischer Erklärungsansatz für den Umstand, dass so viel Schlimmes auf der Welt (durch Menschen) passiert, wir aber die dafür verantwortlichen Dämonen noch nie gesehen haben.
Hexennacht
von Patricia Becker
Oft werden Kinder in der Schule von ihren Mitschüler_innen aufgrund ihrer womöglich andersartigen Kleidung oder ihres Aussehens gemobbt oder gemieden. Schnell machen Witze oder Gerüchte die Runde. Manche, die als Freaks beschimpft werden, werden isoliert und finden selten Freund_innen.
Dabei wäre es so einfach, ihnen eine Chance zu geben und sie mal näher kennenzulernen.
In Patricia Beckers Kurzgeschichte wird die einzige offene und ziemlich mutige Schülerin, die der etwas unheimlich aussehenden Neuen in ihrer Klasse eine Chance gibt, von dem, was sie bei einem Besuch bei ihr Zuhause so entdeckt, in einer Weise überrascht, wie sie es sich in ihren kühnsten Träumen oder Alpträumen nicht hätte ausmalen können.
Manchmal sind andersartige Mitschüler_innen einfach nur anders, manchmal sind sie aber so richtig ganz anders.
Die Spieluhr
von Sabrina Osmers
Gebäude und Gegenstände sind an sich ziemlich leblose Materie, die zum Teil von Menschenhand gemacht sind. Doch auch diejenigen, die die Gegenstände nutzen bzw. in ihnen wohnen, haben eine Wechselwirkung auf sie. Manche dieser Einflüsse sind ganz profaner Natur, wie Abnutzung durch wiederholtes Anfassen oder dass ein Zimmer oder eine Wohnung nach der Person riecht, die darin Jahre um Jahre verbracht hat.
Manch Einfluss ist aber subtiler Natur und hat mit den Gefühlen zu tun, die ein Mensch in Verbindung mit dem Gegenstand hat(te). Und je intensiver die Gefühle sind/waren, umso mehr könnte sich … auf welche Weise auch immer … auf den Gegenstand übertragen.
So ist es nicht verwunderlich, dass die elfjährige Milena im Haus der kürzlich verstorbenen Urgroßmutter des Nachts sehr merkwürdige Dinge mit einer sehr alten Spieluhr erlebt … die nur für sie bestimmt sind.
Eine unaufgeregt-charmante Geistergeschichte von Sabrina Osmers und eine Erinnerung daran, dass mit dem Tod nicht alles von einem Menschen für immer verschwunden ist. Und wahrscheinlich keimt in jeder/jedem von uns der Gedanke auf, dass uns vielleicht etwas ganz Ähnliches in Verbindung mit einer verstorbenen Person und einem Gegenstand schon einmal widerfahren ist, was wir uns nicht wirklich erklären konnten.
Hugo
von Nele Sickel
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Die verbotene Zone
von Lilly Leev
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Ich sehe was, was du nicht siehst
von Sarah Lutter
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Der App-Dämon
von Christoph Grimm
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