Juno Reeves: The Icebound Kingdom
von noosphaere · Veröffentlicht · Aktualisiert
Andersartigkeit stört immer die Durchschnittlichkeit. Mal wird sie belächelt, mal wird sie mit Fackeln und Heugabeln davongejagt. Menschen sind schon selten dämlich, denn das, was sie da in ihrer Einfältigkeit stört, birgt das Potential, sie letzten Endes zu retten. Und es ist kein Zufall, dass diese meist unterschätzte und oft vergessene Gesetzmäßigkeit ein elementarer Bestandteil unserer evolutionären Entwicklung ist.
Doch im Umfeld der Familie oder kleiner Gemeinschaften, hat Andersartigkeit selten ihren Platz. Es gibt Regeln, die vermeintlich die Gesellschaft am Leben hält, dumm nur, dass diese Regeln von denen, die zur Macht streben, sehr selektiv tradiert werden, während die anderen Regeln dem Bösen zugeschrieben werden.
So kommt auch für Izra der Zeitpunkt, an dem ihre Andersartigkeit nicht mehr ignoriert werden kann bzw. sie sie nicht mehr verbergen möchte.
Da dörfliche Gemeinschaften, wie sie in kleinen Bergsiedlung Calispino leben, selten geschlechterübergreifenden Beziehungen aufgeschlossen sind, ist es nicht verwunderlich, dass luststeigernde Elemente, wie knarzendes Hanfseil schon dreimal nicht geduldet werden. Alles beginnt mit der vermeintlichen Demütigung eines spießig-chauvinistischen Mannes und tritt eine Lawine los, der es Izra unmöglich macht, weiterhin ein Teil des Dorfes sein zu können.
Doch es gibt nur eines, das gefährlicher ist, als ein sich gedemütigt fühlender Mann … eine gedemütigte Frau.
Wäre Izra eine eher zurückhaltende junge Frau, die sich nach der ersten Bestrafung den Dorfregeln unterwerfen würde, wäre die Geschichte von Juno Reeves ziemlich schnell zu Ende und eine schöne Kurzgeschichte. Doch ihr Trotz und ihre ungebändigte Überzeugung, nichts Falsches zu machen oder zu sein, führt dazu, dass sie zwar verstoßen wird, aber dennoch ihre Heimat freiwillig verlässt.
Etwas leichter fällt ihr die Flucht, da das Tal, in dem Calispino liegt, schon seit ein paar Jahren von eisiger Faust in einem unbarmherzigen Dauerwinter gefangen gehalten wird und sie dort sowieso keine allzu rosige Zukunft erwarten würde. Zur Überraschung aller, führt ihre Flucht direkt an die Quelle des ewig scheinenden Winters: zum Dunklen Fürsten, dem sie sich als Geliebte anbieten möchte.
Dort wirbelt Izra mit ihrem energischen Willen, ihrer überdurchschnittlichen Intelligenz und auch ihrer ungezügelten Libido das geregelte und dröge Leben auf der Frostfeste durcheinander und verliebt sich kurzerhand in eines der beiden elementaren Wesen, Yolando, der Sohn des Sturmwindes.
So einfach, wie sich Izra ihr zweites Leben als potentielle Geliebte des Dunklen Fürsten vorgestellt hat, ist dann trotz antielementarer Wäsche doch nicht und nicht nur einmal denkt sie an eine Rückkehr in ihr verhasstes Spießerdorf. Nach und nach arrangiert sich Izra und lernt die Regeln und Gesetze der Elementarwesen kennen und trifft auf eine andere Verstoßene, die einen relativ unerfolgreichen Guerillakrieg gegen die beiden Brüder führt. Gemeinsam schmieden sie Pläne, die sich dann doch wieder ändern und neben einem immer wieder die Situation ziemlich schwierig machendes Gefühlschaos, tauchen erschwerend noch weitere Elemente auf, die ihnen nach dem Leben trachten. Als ob das alles nicht schon kompliziert genug ist, entdeckt Izra, dass alles, was sie bisher über ihr Dorf, die Brüder und die Welt gewusst zu haben glaubte, sich als eine einzige Lüge herausstellt.
Ein spannender und mit etwas Spice die eisige Kälte vertreibender Roman über eine Frau, die sich nicht von bigotten Regeln ihr eigenes Leben verbieten lässt, Halbgötter mit ihren ganz eigenen Familienproblemen und einer Gemeinschaft, die zwar nicht immer perfekt ist, aber schlussendlich doch zu einer Entwicklung fähig scheint. Fantasie- und humorvoll erzählt Juno Reeves eine sehr individuelle Heldinnenreise in einer großen Welterzählung und wie wichtig es ist, die vermeintlich zu akzeptierende Realität zu stören, um Neues und Besseres zu ermöglichen.



















