Grabbeln am SciFi-Wühltisch. Wer diktiert unsere digitalisierte Arbeitswelt der Zukunft?

Seit diesem Jahr kommt es vermehrt zur Thematisierung unser zukünftigen Arbeitwelt. Wie werden wir in zehn oder zwanzig Jahren arbeiten? Wie bei so vielen modernen Themen, wird Bekanntes und Neues miteinander vermengt und so getan, als ob es nur eine mögliche Zukunft gibt und diese durch klare Maßnahmen reguliert werden muss. Zuerst werden neue Technologien über interne Kanäle kommuniziert, die dann alsbald den Weg in die breite Öffentlichkeit finden. Dabei werden aber nicht wirklich Fakten betrachtet, sondern meist Meinungen derjenigen verbreitet, die sich für Interviews zur Verfügung stellen.

Sicher, man wird sich fragen, was ich hier auf diesem kaum gelesenen Blog anders mache. Im Grunde nichts, außer, dass ich von vornherein deutlich machen möchte, hier ausschließlich meine Meinung niedergeschrieben zu haben. Mir fehlt es an einer langjährigen arbeitswissenschaftlichen Ausbildung wie auch an einem umfassenden Wissen über alle Arbeitsbereiche unserer globalen Wirtschaft. Ich vermute aber mal, dass ich mich dabei in guter Gesellschaft befinde.

Der inflationäre Gebrauch des Begriff ‚Experte‘ (im Grunde schon als Schimpfwort tauglich), kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten an die Öffentlichkeit gehenden Personen von der Digitalisierung (was auch immer das in den Köpfen derjenigen, die diese vorantreiben und derer, die sie nutzen, bedeuten möge) entweder überhaupt keine Ahnung haben oder sich ihr Wissen auf einen kleinen Teil dieses abstrakten Feldes bezieht. Jemand, der eine Taschenlampe nutzt, ist ja auch nicht wirklich ein Experte für Elektrizität …

Zurück zur Arbeitswelt 4.0. Alle berichten über das Arbeiten in der Zukunft: Konzernsprecher*innen, Medienschaffende und Politiker*innen … und nicht zu vergessen etliche Expert*innen. Allein schon der Glaube, es gäbe DIE Arbeitswelt der Zukunft ist eine Vereinfachung epischen Ausmaßes. Zudem disqualifizert die Verwendung von durch einen Punkt getrennten Ziffern die zu erwartende inhaltliche Qualität jedes Beitrags. Man konfrontiert den staunenden Bürger mit von Maschinen beherrschten Fertigungshallen und humanoiden Robotern in den Dienstleistungsberufen, die bislang durch Menschen repräsentiert werden. Dass die Automatisierung schon seit vielen Jahren die menschliche Arbeitskraft durch präziser arbeitende Maschinen ersetzt, ist nichts wirklich Neues. Es interessierte bislang nur so gut wie niemanden. Es sei denn, man war unmittelbar von Rationalisierungsmaßnahmen in der Fertigung betroffen oder forschte nach, woher das lieb gewonnene Auto oder Smartphone eigentlich stammt. Die allermeisten Arbeitsplätze sind inzwischen im Büro angesiedelt. Da kann man schon mal den Überblick über industrielle Prozesse verlieren.

Unangenehmer wird es natürlich, wenn man sich vorstellen müsste, den eigenen Arbeitsplatz an einen humanoiden Roboter zu verlieren. Das ist dann schon eher emotionaler Zündstoff. Darüber kann man berichten … wie jüngst in der ARD-Themenwoche ‚Zukunft der Arbeit‘ … egal, ob es widersinnig oder sensationsheischend ist.

Jaja, ich weiß … ein Hund, der einen Passanten beißt, ist keine Nachricht. Ein Passant, der einen Hund beißt hingegen schon. Aber statt sich an Science Fiction-Dystopien zu bedienen (die ich übrigens sehr gerne in der Literatur oder im Film konsumiere), sollte man den staunenden TV-Zuschauer, Zeitungsleser oder Netz-Konsumenten nicht vergessen lassen, dass es noch den Faktor Zeit gibt. Niemand, der sich mit Technikgeschichte auseinandersetzt, kann ernsthaft behaupten, dass durch innovative Technologien, seien sie auch noch so disruptiv, alle Arbeitnehmer auf einen Schlag ihren Job losgeworden sind.

Statt verallgemeinernd und dramatisierend Technik-Visionen zu verbreiten, könnte die hier aufgebrachte Energie wesentlich besser eingesetzt werden. Dann bliebe uns so manches Interview erspart. Wie wäre es mal mit dem Aufzeigen von Möglichkeiten, wie sich jeder in seiner individuellen Arbeitswelt auf die neuen Prozesse einstellen könnte? Verständlicherweise hat das den Sex-Appeal eines umfallenden Sacks Reis. Wie wäre es aber, wenn auch der Journalismus sich daran beteiligen würde, an den berichteten Um-/Missständen etwas ändern zu wollen? Ach ja, das gibt es ja bereits … perspective daily … es wäre aber schön, wenn das Schule machen würde.

Die Medienberichterstattung arbeitet durch ihre bilddominierten und sensationsorientierten Produkte den Politikern zu, sich ausschließlich um simple Lösungen bemühen zu müssen. Es ist natürlich viel einfacher, Gesetzesänderungen einzufordern, als dafür Sorge zu tragen, dass die Menschen umfassend ausgebildet und informiert werden. Das kurzfristige Denken ist selbstverständlich der schnelllebigen Politikrealität geschuldet. Würden die Politiker*innen aber in den Medien mehr Unterstützung durch ausführliche Informationen finden, müssten sie nicht zu an Schnappatmung leidenden Wut-Politiker mutieren.

Es ist völlig unbestritten, dass global agierende Großkonzerne durch Regulierungsmaßnahmen daran gehindert werden müssen, all das zu tun, was ihnen aufgrund ihrer Marktposition möglich wäre. Es steht außer Frage, dass kein Konzern sich prioritär um das Wohl seiner Konsumenten kümmert … der Staat sollte das allerdings sehr wohl.

Andererseits ist es unbestritten, dass personalisierte Daten sehr viel Geld wert sind und die entsprechenden Unternehmen damit noch mehr Geld machen. Diese Daten werden aber von den Nutzern zumeist freiwillig … sagen wir es gemeinsam: FREI-WILLIG … übergeben. Dass das so ist, liegt natürlich an perfiden Marktstrategien, aber auch daran, dass die meisten Nutzer nicht wissen, was mit ihren Daten passiert und wo es Alternativen für ihre Nutzungs- und Konsumgewohnheiten gibt. Nutzerverhalten regulieren zu wollen ist hierbei keine Alternative.

Mein (völlig unbedeutender) Vorschlag an die Medienschaffenden wäre:

Zeigt mehr Alternativen auf, die jede*r Nutzer*in hat, um seine/ihre Nutzungsgewohnheiten zu befriedigen. Z.B. echte Crowd-basierte Technologie, in der die Daten keinem monopolisierten Konzern gehören. Zeigt auf, wie sich jede*r durch Fortbildung an die sich wandelnden Umstände anpassen kann. Das wäre eine konstruktive Vision für eine zukünftige Arbeitswelt: statt die Abschaffung von Berufen zu prognostizieren, lieber Szenarien aufzeigen, bei der sich die Arbeitnehmer ständig anpassen könnten. Von der Etablierung alternativer Arbeitszeitmodelle möchte ich gar nicht erst anfangen.

Besser wäre es auch, wenn sich Politiker nicht mit kurzfristigen Maßnahmen in Sachen Digitalisierung und Bildung beschäftigen müssten. Es ist leider nicht damit getan, Kurse im Programmieren verpflichtend zu machen, PCs für Schulen anzuschaffen und WLAN flächendeckend zu installieren. Bildung in einer Welt, die von digitalen Medien dominiert ist, sollte auf detaillierte Informationsvermittlung setzen, die nicht mit einer Reportage oder einem C++-Kurs erledigt sein kann.

Statt überzogene Horrorszenarien zu zeichnen, auf die jeder nur emotional reagieren kann, leitet doch bitte zur Abwechslung die Politiker*innen an, wie man dauerhafte Prozesse in Gang bringt, die jeden an einer „digitalen Zukunft“ aktiv teilhaben lassen.

 

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