Der rosa Elefant – TV-Medienberichterstattung – Dilettantisch, panisch, fahrlässig

rosa Elefant
Man sollte meinen, erfahrene Anchormen und Nachrichtenmagazin-Redaktionen im TV hätten schon so viele Situationen in ihrem journalistischen Berufsleben durchgemacht, dass sie eigentlich nicht mehr viel überfordern könnte.

Doch die TV-Berichterstattung vom 22.07.2016 zur Schießerei mit mehrfacher Todesfolge in München machte deutlich, dass Erfahrung nicht vor Fehler schützt.

Was genau soll eine stundenlange „Berichterstattung“ in einer Situation, bei der noch niemand einen Überblick über die Situation hat? Ich kann nur mutmaßen, dass insbesondere RTL mit Peter Kloeppel darauf gehofft hat, dass sich während des Sinnfrei-Sende-Marathons etwas Dramatisches ereignen würde. Das ist für mein Dafürhalten kein journalistisch moralisches Verhalten, sondern reine Sensationslüsternheit: Man muss nur lange genug den „Ball in der Luft halten“, dann wird schon irgendjemand eine Aufnahme zeigen können, bei der ein Mensch zu Schaden kommt und wir sind dann die Ersten. Wenn dann aber aufgrund (noch) fehlender Informationen (als reiner Pausenfüller) lediglich (ungeprüfte) Falschmeldungen über das Fernsehen verbreitet werden oder noch besser, in einer Endlosschleife Reporter vor die Kamera gezerrt werden, die immer wieder die Nicht-Information verbreiten, es gäbe noch nichts Konkretes zu berichten, macht die Überforderung etablierter Nachrichtenredaktionen deutlich.

Doch der eigentliche Vorwurf ist, dass Schlagworte kontextlos in die Medienöffentlichkeit „erbrochen“ werden, die jeglicher Faktengrundlage entbehren. Was für einen Zweck haben Aussagen, die davon handeln, dass man noch nicht wisse, ob es sich um mehrere Täter handele? Oder man noch nicht sagen könne, ob an mehreren Plätzen der Stadt zeitgleich Schüsse gefallen seien!? Die Assoziation mit bekannten Abläufen terroristischer Anschläge ist hierbei sicher kein Zufall, sondern bewusste Suggestion.

Aber nicht nur RTL beschämte den journalistischen Berufsstand, auch Claus Kleber vom ZDF machte durch sein Verhalten dem Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins (dem einzigen Medienprofi in dieser Situation, der genau das gemacht hat, was sein Job war) gegenüber deutlich, wie überheblich die „4. Gewalt“ sein kann, wenn sie nicht die Kontrolle erhält.

Von den ungeprüften Plagiaten in der durchlaufenden Bauchbinde bei n-tv muss ich gar nicht erst anfangen, denn hier kann wirklich ALLES (wie z.B. ein gesichteter mutmaßlicher Täter im Weihnachtsmannkostüm) ungestraft kommuniziert werden. Ein solcher Newsticker darf sich nicht als „Nachricht“ tarnen, sondern muss als social-media-stream kenntlich gemacht werden, damit jeder die potentielle Qualität der Information korrekt einschätzen kann. Denn bedauerlicherweise vertrauen TV-Zuschauer den Informationen, die über die Mattscheibe flimmern mehr als einem Facebook-Posting oder Tweet.

Es stimmt mich sehr wütend, dass etablierte Profis wie aufgescheuchte Hühner Desinformation verbreiten und damit der Panik und stereotyper Meinungsmache Vorschub leisten. Im Grunde ist es inzwischen vollkommen gleichgültig, ob man pseudonymen Tweets Glauben schenkt oder dem ungefilterten und ungeprüften Mutmaßungen ausgebildeter TV-Journalisten lauscht. In beiden Fällen obliegt es dem Rezipienten, mit seinen bescheidenen Möglichkeiten die Wahrheit selbst zu recherchieren, was in letzterem Szenario nicht sein dürfte. So genannter „Qualitätsjournalismus“ im Fernsehen wäre gut beraten, erst Informationen zu verbreiten, wenn sie verifiziert worden ist, anstatt sinnfreie Gerüchte in die Köpfe der Zuschauer zu pflanzen, nach dem Prinzip: Denken Sie jetzt bloß nicht an einen rosa Elefanten …

Ich werde das (leider) nächste Mal besser dem Twitter-Account der ortsansässigen Polizei folgen, anstatt den Fernseher anzuschalten! TV-Nachrichten haben sich wohl doch schon selbst abgeschafft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.