Alexander Klymchuk: Schattenseiten

Von Alexander Klymchuk, veröffentlicht beim Rediroma Verlag.

Rezension:

Micro-Rezensionen zu den einzelnen Texte:

Festtagsrituale

Midjourney Prompt: black & white coal drawing, five young men wearing long black glossy leather trench coats escorting an tired elderly 68-year-old man in casual look with jeans and white shirt and no jacket, walking from a small nice house towards a sleek black modern delivery van, dramatic lighting, street scene, high detail, moody shadows, urban environment, tense atmosphere, wide angle shot --raw
[Image source: genAI, Midjourney]

Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Wenn es in einigen Jahren immer mehr Menschen gibt, die sich auf immer kleiner werdende Areale lebensfreundlicher Bereiche der Erde immer weniger werdende Nahrung teilen müssen, wird es nicht nur zu Rationierungen kommen, sondern auch die Frage aufwerfen, wer ist verzichtbar. Womöglich werden wir uns sogar damit abfinden und eine Art Fest daraus machen, was eigentlich ein Abschied für immer ist.

Ein düsteres near-fiction-Zukunftsdrama, dass die Frage aufwirft, wann wir unsere ethischen Richtlinien verlassen müssen, um unser Überleben zu sichern. Alexander Klymchuk bietet mit seiner fast lethargisch anmutenden defätistischen Reminiszenz an Logan’s Run einen beklemmenden Ausblick in eine trostlose Zukunft, in der wir alle sehr große Opfer bringen müssen.

Morgengrauen

Midjourney Prompt: A starved zombie clown with a decayed face sitting on the forest ground surrounded by other zombies, wearing a light green wig, yellow shirt, and purple jacket with red bloodstains, huge light blue flower on lapel, extremely oversized red clown shoes, gaunt and hungry zombie features, pale decaying skin, early morning forest setting, misty atmosphere, dappled morning light filtering through trees, cinematic lighting, hyperrealistic, detailed texture, horror photography style, 8k, ultra detailed --chaos 30 --raw
[Image source: genAI, Midjourney]

Ich weiß ja, eine gute, alte Zombie-Apokalypse gehört in das Horror-Arsenal … aber so richtig warm werde ich mit verwesten, menschenzerfetzenden Zombies und köpfewegballernden Überlebenden nicht wirklich.
Die ziemlich aussichtslose Situation eines die globale Virus-Katastrophe gerade mal so überlebt habenden Pärchens wird im Laufe der Geschichte von Alexander Klymchuk aussichtsloser und aussichtsloser … und dann taucht auch noch mein ganz persönlicher Endgegner auf: Ein Zombie-Clown!

Spannend erzählt, ein heftiges Ende, aber leider nicht so meins.

Teufelswerk

Flux.2 Prompt: A terrifying colossal monster flies in the air towards a lone woman holding a bright yellow umbrella, rainy afternoon in the Alps on a narrow mountain path, the grotesque creature is a nightmarish hybrid fusion of a bald-headed witch and a massive isopod, elongated segmented body with multiple insect-like legs, gaping maw filled with countless needle-sharp translucent teeth resembling a deep-sea anglerfish, pale gray chitinous exoskeleton glistening with rain, the monster's abdomen ends in a black trail of mist, twisted humanoid witch face with hollow eyes and cracked skin merged into the arthropod body, atmospheric mountain landscape with misty peaks in background, heavy rainfall, dramatic moody lighting, cinematic composition, photorealistic horror fantasy style, ultra detailed
[Image source: genAI, Flux.2]

Habgier ist nicht nur ein moralisch bedenklicher Charakterzug und führt beizeiten zu kriminellen Handlungen … nein, auch kann sie äußerst fatale Konsequenzen für die habgierige Person nach sich ziehen. Ganz besonders, wenn man sich in der Nähe von urtümlichen Orten befindet, an denen man sich Geschichten von unheilvollen und machtvollen Wesen erzählt, wie bei der Steinernen Agnes in den Berchtesgadener Alpen.

Merke: Erkundige dich immer über die volkstümlichen Erzählungen eines Ortes, bevor du ihn besuchst, denn darin steckt oft mehr Wahres, als man meinen könnte.

Namagashi

Flux.2 Prompt: View from the stage looking out into the auditorium of the Elbphilharmonie concert hall, dark atmospheric lighting, the audience seating is only one-third filled with scattered attendees, two empty seats between each audience member creating a distanced seating pattern, all attendees wearing FFP-2 face masks, among them sits a beautiful Japanese woman with long straight black hair with a center parting wearing a striking red coat, with a white blouse collar, subtle spotlight or enhanced illumination on the seat where the black-haired woman with completely creepy black eyes sits making it slightly surreal brighter than the surrounding dimmed seats, architectural details of the famous concert hall visible in the background, cinematic composition, depth of field, moody ambiance, high detail, ink drawing, eerie atmosphere
[Image source: genAI, Flux.2]

Das elizabethanische Theater trifft die Welt der Onryō. Zwei unterschiedliche Sphären werden hier miteinander kreativ verknüpft. Die auf den Brettern, die die Welt bedeuten dargestellte Idealverkörperungen scheinen auch rachsüchtige Geister zu triggern, gleichwohl mir nicht ganz klar wurde, wieso ein rachsüchtiger Geist Interesse für einen britischen Darsteller auf einer Bühne in Hamburg aufbringt. Womöglich durch die japanische Maskenbildnerin als blinder Passagier importiert, scheint der Onryō das Schicksal des den Hamlet Spielenden analog zum dänischen Prinzen besiegeln zu wollen.
Doch so unerwartet die Bedrohung, so unerwartet die Hilfe.
Zwar eine etwas wilde Kombination, aber mit viel Liebe zum Theater erzählt.

Gegenübertragung

Flux.2 Prompt: Thousands of tall extraterrestrial tentacle creatures moving through a taiga forest, each being has a segmented multi-part head with a single large eye, pale gray skin texture, countless writhing tentacles, all trees in the forest are bent and broken in the same direction creating an ominous pattern like tunguska event, dense coniferous taiga environment, misty atmosphere, eerie and unsettling mood, cold color palette with desaturated greens and grays, dramatic lighting, science fiction horror, detailed alien anatomy, photorealistic rendering, wide angle shot showing the massive scale of the invasion, shallow depth of field, vintage Black and white photo
[Image source: genAI, Flux.2]

Zeitreisen! Sobald die unidirektionale Linearität von Zeit aufgehoben wird, verknotet sich mein Hirn. Nichtsdestotrotz ist die Existenz von Zeitreisen natürlich möglich, wenngleich die Wahrscheinlichkeit unklar bleibt. Zumal das Zeitreisen prinzipielle dazu führen könnte, dass es dazu genutzt wird, um seine Entdeckung zu verhindern und dann wiederum gar nicht existierte.
Sei’s drum.
Zeitreisen sind auf jeden Fall ziemlich gut dafür geeignet, unerklärte oder unbefriedigend erklärte Phänomene aufzulösen. So auch das Tunguska-Ereignis von 1908.

Alexander Klymchuk hat in seiner Kurzgeschichte „Gegenübertragung“ eine ganz eigene, war-of-the-worlds-mäßige Erklärung parat, die zwar nicht unbedingt wahrscheinlich, aber eben auch nicht völlig unmöglich ist und den Vorteil hat, nie widerlegt werden zu können … Zeitreisen eben.

Blutacker

Flux.2 Prompt: A dark stone well shaft viewed from above, ancient weathered stones forming circular walls descending into darkness, at the bottom still water reflects a full moon, the well stands in the courtyard of a decaying monastery, crumbling stone walls covered in thick ivy and moss, Gothic arches visible in the background, dramatic shadows, eerie moonlight, fog creeping along the ground, horror graphic novel art style, high contrast black and white with selective grey tones, ink illustration aesthetic, heavy crosshatching, ominous atmosphere, cinematic composition
[Image source: genAI, Flux.2]

Alte Gebäude haben naturgemäß viel Glück und viel Leid erlebt. Davon sind auch Klostermauern nicht ausgenommen. Die teilweise als Schutz und teilweise als Gefängnis wirkende Abgeschieden- und Abgeschlossenheit eines Klosters bot und bietet einen üneraus fruchtbaren Nährboden für Sagen und Legenden. Gerade die ungewollte Verquickung von weltlichem Verlangen und strengen Glaubensregeln, zogen harte Bestrafungen und Buße durch Kirche und Klostervorsteher_innen nach sich und manche dieser Vorfälle fanden und finden auch noch heute Einzug in alte und moderne Sagen.

So mag auch die auffällig hohe und scheinbar regelmäßige Suizidquote innerhalb der Klostermauern von Arnsburg einen historischen Ausgangspunkt haben, der den in Alexander Klymchuks Kurzgeschichte ermittelnden Hauptkommissar stutzig werden lässt. Wie sich ein Mann selbst erhängen und zeitgleich den Bauch aufschlitzen kann; was besagter Mann vor seinem Ableben gesehen hat; welche Rolle die Novizin spielt; was die Priorin verschweigt; wie ernsthaft der Hauptkommissar in dieser Sache ermittelt; und seit wann wieder ein Frauenorden in das alte Zisterzienserkloster eingezogen ist … sind Rätsel, die, wie das bei Rätseln so ist, nicht alle zur Gänze aufgelöst werden.

Eine schöne Krimi-Kurzgeschichte mit verwobenen Gruselkomponenten, die in der Kombination vielleicht das Potenzial für eine neu entstehende Sage hat.

Invictus

Flux.2 Prompt: A colossal alien monstrosity Rhan-Tegoth from Lovecraftian cosmic horror, towering at the edge of a massive crater in a desolate moorland, its body adorned with enormous crustacean claws and writhing tentacles, a split skull with no eyes and no face but a gaping deep-sea fish maw filled with razor-sharp teeth, standing triumphant over the scene. Before the creature stands the Roman commander Varus, sword raised high, while hundreds of Roman legionaries kneel on one knee with bowed heads in submission. Bleak heathland stretches across the background under an oppressive sky. Desolate and eerie atmosphere, drawn in the style of a horror graphic novel with heavy shadows, stark contrasts, and gritty linework, dramatic composition, eldritch terror.
[Image source: genAI, Flux.2]

H. P. Lovecraft meets Römisches Reich 9 u.Z.

Eine kreative Neuinterpretation der desaströsen Niederlage des Römischen Heeres in der Varusschlacht am Teutoburger Wald gegen germanische Stämme.
Zwar wird der Anteil des germanischen Heeres unter der Führung des Cheruskers Arminius am Sieg dieser Schlacht über die Römer in dieser durch Alexander Klymchuks fiktive (verschollene?) Schlachtberichte etwas heruntergeschraubt, aber hey … wer kann schon mit Sicherheit sagen, was damals vor 2000 Jahren geschehen ist.

Himmelskörper

[Image source: genAI, Flux.2]

Die Flucht von unserem Heimatplaneten, weil wir ihn irreparabel zerstört haben und ein Leben für Menschen auf ihm nicht mehr möglich sein wird, ist ein gängiges Narrativ … nicht nur in der Science-Fiction.
Doch wer wird uns zu unserer neuen Heimat lotsen? Wer wird für diesen letzten Exodus auserwählt werden? Welche Opfer werden wir erbringen müssen? Wird das, was uns dort erwartet, wirklich ein neues Zuhause für die Menschheit sein können? Und werden wir es diesmal nicht verbocken?

Schlachtrufe

Flux.2 Prompt: A large crowd of activists standing in a dense forest at night, most wearing white plastic disposable rain ponchos, arranged in surreally uniform rows facing the camera, every person with mouth wide open in unison, eyes rolled back showing only white eyeballs with no pupils visible, they stand between trees and makeshift tents made of plastic sheeting and poorly constructed tree houses, eerie horror atmosphere, unsettling composition, nighttime lighting with subtle fog, cinematic horror photography, disturbing and uncanny scene, high detail, photorealistic style
[Image source: genAI, Flux.2]

Da wir Menschen es, wenn überhaupt, offenbar immer nur sporadisch und puzzleartig schaffen, natürliche Habitate vor menschlichem Raubbau zu schützen und sich selbst zu überlassen, ist es nur allzu verständlich, dass wir uns manchmal einen deus ex machina wünschen. Das Erscheinen einer göttlichen Macht, die für uns das Dilemma löst, in diesem Fall: die Natur selbst.
Und der Zeitpunkt zu dem die Natur entschieden hat, sich zur Wehr zu setzen, ist die bevorstehende Rodung des Hambacher Forstes im Jahr 2018 durch RWE für ihren Braunkohletagebau.

Alexander Klymchuk erzählt eine alternative Geschichte, was sich wohl tatsächlich im Hambi abgespielt hat, bevor die Polizei den Forst räumen konnte und so nirgends an die Öffentlichkeit gelangte.
Und wie schon bei Shyamalans The Happening spielen dabei gar nicht so unintelligente Bäume mit ihren via Pollen entsendeten Substanzen eine maßgebliche Rolle. Ein beängstigendes, aber auch irgendwie beruhigendes Szenario, bei dem allerdings der Mensch nur, wenn überhaupt, zweitrangig erscheint.
Nur den zweiten Handlungsstrang mit der heranstürmenden Miliz ‚Silberner Finger‘ habe ich nicht so ganz verstanden.

Kreuzweg

[Image source: genAI, Flux.2]

Also so wirklich hat sich diese Kurzgeschichte mir nicht erschlossen. Ich rätsele noch immer, was ich da gelesen habe. Aber vielleicht liegt es auch nur an meiner Unfähigkeit, den häufig verwendeten Dialekt korrekt zu erfassen, denn ich tue mich sehr schwer mit in Schrift übertragenen Dialekt in Geschichten. Zwar verstehe ich das meiste, aber es reißt mich leider ständig aus der Handlung, gleichwohl die Passagen in Hochdeutsch eine Art Erholung sind, befürchte ich, dass sich zu viel Handlung in den Dialekt-Dialogen befindet, die mir abhanden gekommen ist. Ich bin ähnlich ratlos wie die Giraffe um Schneetreiben.

Tempus fugit

[Image source: genAI, Flux.2]

Großformatige Gemälde voller feinster Details ziehen einen stets in ihren Bann. Immer wieder erkennt man kleine Details, Andeutungen, Geschichten. Manche Künstler_innen haben eine ganze Welt in ein Gemälde genannt. Hieronymus Bosch ist wohl einer von ihnen. Analysiert man die Farben, die Bildkomposition und die Motive auf einigen seiner Bilder, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus und vor allem, man vergisst völlig die Zeit … und wenn man nicht aufpasst, sich selbst.

Eine kunsthistorische Gruselgeschichte, in der die vermeintliche Intention des Künstlers seine kühnsten Träume überflügelt und nicht nur Generationen von fasziniertem Publikum in seinen Bann zieht, sondern seine Kunst und ihn im wahrsten Sinn des Wortes ewig leben lässt.

Entfremdung

[Image source: genAI, Nano Banana 2]

Die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl jährt sich im April zum 40. Mal. Zu Zeiten der Sowjetunion, als Deutschland noch geteilt war, erschütterte der Super-GAU ganz Europa und für lange Zeit den Glauben an sichere Atomenergie. Doch was wäre, wenn nicht nur die verstrahlte Region rund um den Reaktor, die Tausenden Toten, der damalige radioaktive Niederschlag in halb Europa und der noch immer nicht empfehlenswerte Verzehr von Pilzen und Wildschweinfleisch in manchen Gegenden die einzigen Folgen wären?
Was wäre, wenn die unkontrollierbare Energie etwas Monströses im Erdinnern erweckt hat, das einen unbändigen Hunger nach organischer Materie entwickelt und Dante Alighieri wie einen kuscheligen Kinderbuchautor aussehen lässt?
Dann könnte Alexander Klymchuk das einzige Mittel gefunden haben, das diesem die Nahrungskette neu anführenden Raubtier Einhalt gebieten kann … und es ist nicht von dieser Welt.

Niemandsland

Text