I Am Mother

I Am Mother

I Am Mother

20191 h 54 min
Kurzinhalt

Nachdem die Menschheit fast gänzlich ausgestorben ist, soll die Erde durch ein besonderes Programm neu bevölkert werden. Dafür wird eine neue Generation durch einen freundlichen Roboter namens „Mother“ großgezogen. Doch dann erscheint eine blutbesudelte Frau auf der Bildfläche und behauptet, das sei nur die halbe Wahrheit über das Schicksal der Menschheit…

Metadaten
Titel I Am Mother
Original Titel I Am Mother
Regisseur Grant Sputore
Laufzeit 1 h 54 min
Starttermin 7 Juni 2019
Detail
Medien
Film-Details
Bewertung Sehr Gut
Bilder
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Maschinen, die die Menschheit auslöschen, um sie dann neu aufzubauen. Kein schlechter Plot und die beiden einzigen (sichtbaren) Schauspielerinnen (wir lassen mal die Leistung von Luke Hawker außer Acht) glänzen in ihren Rollen. Man braucht ein bisschen, bis man hinter die ganze Komplexität der Story kommt … ich zumindest … aber, wenn es dann klick gemacht hat, fasziniert die Tiefe der Geschichte.

Wenn man allerdings die zahlreichen Interpretationsansätze liest, könnte ich auch völlig falsch liegen 😉

+++ SPOILER-ALARM +++

Zuallererst:

I Am Mother ist kein Actionfilm, es ist keine Asimov-Adaption oder Auslegung der Asimov’schen Gesetze, wie so manche Rezension andeutet (übrigens heißt Asimovs Werk „I, Robot“ … nicht „I Am Robot“), sondern ein SciFi-Film mit uralten philosophischen Fragen und Dilemmata, wie es mit der Menschheit endet und dann weitergehen soll. Wenn man schon Bezüge zu anderer Science Fiction herstellen möchte, dann wären ‚Moon‘ und ‚Orbiter 9 – Das letzte Experiment‘ ganz gute Vergleichsfilme.

Die Menschheit hat‘s offensichtlich geschafft, eine KI zu erschaffen, die sich dafür entschieden hat, der Menschheit zuliebe dieselbige auszulöschen. Doch bevor sie (sic!) dies tat, wurden 63.000 Embryonen in eine Art Stasis versetzt und in einem hermetisch abgesicherten Gebäudekomplex namens UNU-HWK eingeschlossen.

Die KI in Gestalt eines Androiden (ohne allzu menschliche Gesichtszüge zu tragen) nennt sich selbst ‚Mutter‘ und lässt unmittelbar nach der Auslöschung den ersten Embryo austragen. Hierzu dient ein künstlicher Uterus, der die „Schwangerschaft“ auf 24 Stunden verkürzt. Geboren wird ein Mädchen, das namenlos als ‚Tochter‘ heranwächst. ‚Mutter‘ zieht das Mädchen groß, bis eines Tages eine (wiederum namenlose) Frau in Gestalt von Hilary Swank verwundet an der Außentür erscheint. Das Mädchen, das eigentlich bereits eine junge Frau ist und hervorragend intensiv und überzeugend von Clara Rugaard gespielt wird, ist neugierig auf den ersten Menschen, den sie sieht und lässt sie entgegen der ausdrücklichen Anweisungen von ‚Mutter‘ in ihr „Zuhause“ rein.

Was dann passiert, ist ein Lehrstück des Übergangs zum Erwachsenwerden (also ist es auch irgendwie ein Coming-of-Age-Film), gepaart mit der Vorbereitung auf eine verantwortungsbewusste Selbstständigkeit mit dem Wissen, dass weder KI noch Mensch vollständig vertraut werden kann.

‚Tochter‘ wird während ihres Alltags von ‚Mutter‘ unterrichtet und im Film wird mehrfach von Prüfungen gesprochen. Eine Prüfungsaufgabe wird explizit dargestellt und als ethisches Dilemma ausformuliert: Darf man einen Menschen töten, wenn man viele Menschen damit rettet? Sozusagen die Umkehr der Aufgabe, der sich die KI vor der Auslöschung gestellt hat … darf man alle Menschen töten, wenn man wenige Menschen rettet? Diese Prüfungssituation ist eine Anspielung auf den roten Faden des Films: Im Grunde durchläuft nämlich ‚Tochter‘ durchweg einen Dauer-Test, den die KI für sie kreiert hat.

‚Tochter‘ erfährt während ihrer ganzen Kindheit und Jugend Bildung und Erziehung, erlernt handwerkliche und geistige Fähigkeiten, die sie auf das Leben vorbereiten sollen. Wie sie Ballett ohne eine*n menschliche*n Lehrer*in erlernte, bleibt allerdings ein kleines Rätsel 😉 Ihre einzige Lehrerin ist die allumsorgenden KI ‚Mutter‘.

Doch gänzlich unfehlbar ist ‚Mutter‘ dann doch nicht, was ‚Tochter‘ nach dem Auftauchen von ‚Frau‘ schmerzhaft erfahren muss: ‚Mutter‘ lügt! Und das mehr als einmal. ‚Tochter‘ muss erkennen, dass sie nicht das erste „Kind“ von ‚Mutter‘ ist, sondern dass es bereits andere vor ihr gegeben hat, die offenbar als Fehlversuche letzten Endes eingeäschert wurden. Dem Zuschauer wird dieser Umstand bereits vor ‚Tochters‘ Erkenntnis angedeutet, da beim zweiten Mal, als die Anzahl der Tage nach der Auslöschung angegeben wurde, 13.807 Tage erscheint. Da damit offenbar mehr als 37 Jahre nach der Auslöschung ins Land gezogen sein müssen, ‚Tochter‘ aber ca. 15 zu sein scheint, kann hier etwas offenbar nicht stimmen. Wie viele ‚Töchter‘ bereits vor ihr großgezogen worden sind, lässt sich auch unter Berücksichtigung des Schwangerschaftszeitraffers kaum errechnen. Die von ‚Tochter‘ entdeckten Ascheüberreste und fehlenden weiblichen Embryonen lassen aber auf mindestens 3 bis 4 schließen.

Im Nachhinein kristallisiert sich folgendes Szenario heraus:

Die KI rettet 63.000 Embryonen, baut eine Art Arche und löscht die Menschheit aus. Offenbar auf eine Art, die neben der Menschheit auch gleich noch das komplette Ökosystem zerstört. Allerdings könnte das auch das Werk der Menschen gewesen sein … zumindest lässt das gegenwärtige destruktive und ignorante Verhalten der menschlichen Zivilisation darauf schließen. Während des kurzen Ausflugs von ‚Tochter‘ in die Außenwelt, bei dem sie ‚Frau‘ zur Flucht verhilft, erkennt der/die Zuschauer*in, dass die Erde einer globalen Katastrophe zum Opfer gefallen ist. Gerade die Szene am Strand könnte man als einen Zustand nach der wörtlich gemeinten biblischen Sintflut zu Noahs Zeiten deuten. Allerdings besteht (offenbar erst seit Kurzem) eine rudimentäre Landwirtschaft, die von Agrar- und Flugrobotern durchgeführt und überwacht wird. Die KI hat scheinbar ihrem derzeitigen ‚Tochter‘-Experiment einen Zustand attestiert, der den Aufbau eines versorgenden Ökosystems rechtfertigt. Der kleine Ausflug in die dystopische Umgebung lässt auch durchblicken, dass es noch mehr (nicht ganz so ungefährliche) Androiden gibt, was bereits zuvor durch Berichte von ‚Frau‘ angedeutet wurde. ‚Mutter‘ gibt im Nachhinein zu, dass sie selbst nur ein Werkzeug einer einzigen KI ist, was wiederum andeutet, dass die KI omnipotent ist.

Durch das Skizzenbuch von ‚Frau‘ wird angedeutet, dass ein paar Menschen die Apokalypse überlebt hatten, doch die KI erhält als einzigen Menschen nur ‚Frau‘ am Leben, wohl um sie dafür zu instrumentalisieren, ‚Tochter‘ beizubringen, einem Menschen zu glauben, zu misstrauen und dann auf der Basis eigener moralischer Werte, für sich selbst zu entscheiden.

Langer Rede kurzer Sinn … ‚Tochter‘ besteht den Großen Test, nachdem sie erfahren muss, dass sowohl ‚Mutter’ als auch ‚Frau’ aus purem Eigeninteressen lügen. Diese Erfahrungen müssen von ihr in sehr kurzer Zeit verarbeitet werden, aber die Bildung und Erziehung tragen Früchte. In der entscheidenden Situation wählt ‚Tochter‘ weder den vorgegebenen Weg von ‚Mutter‘ noch den verlockenden Ausweg von ‚Frau‘. Sie entscheidet sich für das Leben, stellvertretend durch ihren frisch geborenen Bruder dargestellt. Sie übernimmt Verantwortung, auch wenn es bedeutet, sich gegen ihre ‚Mutter‘ zu entscheiden und damit selbstständig und erwachsen zu werden. Als finale Prüfungsaufgabe des Tests, erschießt ‚Tochter‘ ‚Mutter‘, um ihren Bruder und sich zu schützen. Angesichts der vernetzten und alles durchdringenden KI erscheint diese „Tötung“ eher ineffektiv und unwichtig: ‚Mutter‘ war ja nur EIN Werkzeug. Nichtsdestotrotz symbolisiert dieser Schritt, den abschließenden Übergang in einen neuen Abschnitt, der den Neuaufbau der Menschheit einläutet.

‚Tochter‘ ist nun Mutter.

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